Ärgernis verkehrsberuhigte Innenstadt: Verbesserungswürdige Beschilderung und fehlende Hindernisse – der Warburger Michael Faupel ärgert sich schon lange über das ignorante Verhalten einiger Verkehrsteilnehmer in der Schritttempozone. - © Katharina Engelhardt
Ärgernis verkehrsberuhigte Innenstadt: Verbesserungswürdige Beschilderung und fehlende Hindernisse – der Warburger Michael Faupel ärgert sich schon lange über das ignorante Verhalten einiger Verkehrsteilnehmer in der Schritttempozone. | © Katharina Engelhardt

Warburg Raserei: Bürger wollen Nachbesserungen in der Innenstadt

Stadt sieht bei Verkehrsberuhigung keinen Handlungsbedarf

Katharina Engelhardt

Simpler geht es kaum: Das Schild zeigt einen Erwachsenen und ein Kind beim Fußballspielen, im Hintergrund ein Haus und ein Auto. Weiß auf blauem Grund. Das Verkehrszeichen 325.1 besagt: Schritttempo fahren. Ab hier, und zwar so lange, bis das gleiche Schild mit einem durchgestrichenen roten Balken das gedrosselte Tempo wieder aufhebt. Das gilt für die Hauptstraße. Das Paderborner Tor. Die Sternstraße. Dass dort und in weiten Teilen der verkehrsberuhigten Zone der Innenstadt von Auto- und Radfahrern selten der vorgeschriebene Schleichmodus eingehalten wird, entwickelt sich für immer mehr Warburger zum Reizthema. Keine Beschwerde vorliegen? Nachdem im vergangenen Sommer mehrere betroffene Bürger ihrem Ärger bei der Verwaltung Luft gemacht hatten, will diese aktuell überhaupt keine Beschwerde vorliegen haben. „Entsprechende Hinweise sind mir zurzeit nicht bekannt", sagt Erster Beigeordneter Klaus Braun auf Anfrage. Deshalb sehe die Stadt momentan auch keinen Handlungsbedarf. Im Gegenteil. Man erhalte positive Rückmeldungen, wie gut die Gestaltung der Laufbänder gelungen sei. Über diese Aussage mag sich der Warburger Michael Faupel bloß wundern. „Erst vergangene Woche habe ich mich mit einem Bekannten über die Raserei in der Innenstadt vor Ort beim Ordnungsamt beschwert", sagt der 56-jährige Augenoptiker, der die Zustände „so nicht länger hinnehmen" will. Und mit diesem persönlichen Entschluss ist er nicht allein: Das weiß er aus ungezählten Gesprächen mit Bekannten und Anwohnern. Auch in den sozialen Netzwerken lässt sich verfolgen, wie Betroffene diskutieren. Heizerstrecke geschaffen Michael Faupel vertritt dabei wie weitere Bürger die Meinung, dass die Stadt mit dem barrierefreien Umbau geradezu eine „Heizerstrecke" geschaffen habe, anstatt mit geeigneten baulichen Maßnahmen dafür zu sorgen, dass dort langsamer gefahren wird. Faupel ist leidenschaftlicher Motorradfahrer, wie er sagt. „Auf der Landstraße oder der Autobahn bin ich selbst gerne schnell unterwegs. Aber da, wo Menschen leben, wo Gehbehinderte, Senioren oder Kinder auf der Straße sind, da halte ich mich an das Tempo, das vorgegeben ist." In der Warburger Innenstadt aber sei die gewollte Verkehrsberuhigung schlecht umgesetzt: „An einigen Zufahrten sind die Schilder viel zu hoch angebracht – das sieht kein Mensch." Biege man beispielsweise von der Bahnhof-, nach rechts in die Hauptstraße ein, registriere man das Schild so gut wie gar nicht. Ergebnis: Wer sich mit seinem Fahrzeug an die fünf bis sieben Stundenkilometer halte, „der wird überholt, bedrängelt, sogar angefeindet", sieht sich Faupel in seiner Annahme bestätigt, dass viele gar nicht bemerkten, dass sie sich in einer Schritttempozone befinden. »Gestaltung nicht optimal geeignet « Deshalb seien bauliche Maßnahmen unverzichtbar, resümiert der Warburger. „Bremsschwellen könnten sinnvoll sein, direkt an der Einfahrt zur Innenstadt installiert, würden sie das Tempo drosseln." Für die Polizei stellt die Entwicklung in der Warburger Innenstadt nicht wirklich eine Überraschung dar: Glatter Asphalt, keine Hindernisse, keine Barrieren weit und breit – „natürlich kann das zu einem höheren Tempo verleiten", stellt Norbert Lammers, Leiter Direktion Verkehr der Kreispolizeibehörde, nüchtern fest. Vor dem Umbau habe allein das unbequeme Kopfsteinpflaster, das dort verlegt war, einiges an Tempo herausgenommen. Deutliche Ansicht der Verkehrsexperten Als die Stadt damals in die konkreten Planungen zum barrierefreien Ausbau der Innenstadt ging, wurde auch die Polizei miteinbezogen. Und die Stadtverwaltung hatte, weil es gesetzlich so vorgeschrieben ist, die Verkehrsexperten der Kreispolizeibehörde um ihre Meinung gebeten. In der folgenden offiziellen Anhörung sollen die fachkundigen Polizeibeamten eine sehr eindeutige Auffassung vertreten haben: nämlich die, dass die geplante bauliche Gestaltung nicht in allen Punkten der optimalen Gestaltung einer verkehrsberuhigten Zone entspreche. „Es war abzusehen, dass allein die glatte Oberfläche die Geschwindigkeit der Verkehrsteilnehmer fördern würde", sagt Lammers. Aber die Polizei kann nur empfehlen. Sie kann nicht vorschreiben, wie eine Kommune zu bauen hat. Das entscheidet sie selbst. Im vorliegenden Fall traf die Hansestadt diese Entscheidung gemeinsam mit den Förderträgern des „barrierefreien Ausbaus". Eine eher konventionelle Umsetzung der verkehrsberuhigten Zone mit Pflanzbeeten, Blumenkübeln oder Bodenschwellen wäre vermutlich nicht in einem solchen Umfang förderfähig gewesen, wie es jetzt der Fall war. »Ausbau gelungen ist uns gelungen« Nicht umsonst wurde und wird die priorisierte Variante unermüdlich als repräsentatives Modellprojekt beworben. Auf die damals geäußerten Hinweise und Bedenken der Polizei angesprochen, äußert sich Beigeordneter Klaus Braun heute so: „Das sehe ich anders. Unsere Planer haben den Auftrag bekommen, den verkehrsberuhigten Bereich angemessen zu gestalten und dabei die geforderte Barrierefreiheit zu berücksichtigen. Ich glaube sehr wohl, dass uns das gelungen ist." Nachträglich bauliche Maßnahmen umzusetzen, komme für die Stadtoberen nicht infrage. „Hindernislösungen wie Bremsschwellen machen Lärm: Abbremsen, drüberfahren, wieder anfahren – das produziert eine große Geräuschkulisse und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Anwohner damit einverstanden wären." Für den Warburger Anwohner Michael Faupel klingt das wie ein Scheinargument: „Raserei verursacht eine viel unangenehmere Geräuschkulisse, als das Abbremsen vor einem Hindernis. Und um überlaute Bremsgeräusche zu verursachen, müsste man schon mit sehr hohem Tempo den Schweller anfahren." Geräuschlos und sanfter könnten aufgestellte Blumenkübel den Verkehr bremsen. Oder auch das Anbringen von Tempodisplays. Michael Faupel wäre für jede Hilfe dankbar. Aus Sicht der Verkehrsexperten der Polizei sind die Möglichkeiten der Stadt jedenfalls längst nicht ausgeschöpft.

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