Warburg Ein Pilotprojekt schützt Dörfer vor Überschwemmungen

Nur unbürokratisches Miteinander macht einen nachhaltigen Schutz vor Hochwasser möglich

Katharina Engelhardt

Warburg. Gute 500 Kilometer von der Hansestadt entfernt liegt das oberpfälzische Pfakofen, ein 1.500-Seelen-Städtchen im Landkreis Regensburg. Viele Ackerflächen, leichte Tallage – trotz der Entfernung haben beide Kommunen etwas gemeinsam: Sobald sich dunkle Wolken über dem Ort zusammenziehen und Starkregen auf die mit Mais, Rüben oder Kartoffeln angebauten Felder niederprasselt, ergießen sich schiere Schlammmassen über die Straßen der Gemeinden. Besonders in den Frühjahrsmonaten, wenn die Felder noch leer sind und der Regen keinen Halt im Boden findet, haben Orte wie Pfakofen, Herlinghausen oder Wormeln mit Überschwemmungen zu kämpfen – manchmal, wie zuletzt, mehrere Wochen in Folge: Das Wasser spült den Boden mit und überschwemmt als schlammiges Dreckgemisch die Ortschaften. Finanzieller Schaden Dort sammelt es sich in Kellern, Wohnungen, es überflutet Sportplätze und Gärten – und landet am Ende in der Kanalisation, wo es die Rohre verunreinigt. Was es die Stadt Warburg am Ende kostet, wie groß der durch die zunehmenden Überschwemmungen angerichtete finanzielle Schaden ist, darüber kann die Verwaltung der Hansestadt auf Nachfrage keine Auskunft geben. „Sicher", die Kosten seien da und man stehe fortwährend mit Landwirten im Gespräch, um Lösungen zu finden, heißt es aus dem Warburger Rathaus. Aber, heißt es dann auch, es sei nicht so einfach. In der Oberpfalz hat man ausgerechnet: 50.000 Euro Schaden soll laut einem Bericht der Mittelbayerischen Zeitung der Starkregen in Pfakofen und dem Nachbardorf Rogging angerichtet haben. „Der Leidensdruck war auf allen Seiten groß", erinnert sich Elisabeth Sternemann vom Amt für Ländliche Entwicklung Oberpfalz. Auf der einen Seite gab es die Anwohner, die schlichtweg genug hatten von den ständigen Schlammmassen und Überschwemmungen in ihrem Ort; auf der anderen Seite standen die Landwirte, die sich an den Pranger gestellt fühlten, obwohl sie ja auch selbst Verluste erlitten: „Ackerboden ist kostbar", erklärt Elisabeth Sternemann. „Jede Flut spült Mutterboden weg, der für die Bauern endgültig verloren ist." Bleiben noch die Kommunen, die am Ende hohe Kosten tagen. Allein die Sanierung der Kanalrohre ist aufwendig und teuer. 2015 war’s, nach einem weiteren Hochwasser, da hatte der Bürgermeister der Gemeinde Pfakofen die Nase gestrichen voll und berief seine Leute zusammen. Neben eigenen Modellversuchen (Info), die die Gemeinde in Planung hatte, hatte das Stadtoberhaupt vor allem die Initiative „boden:ständig" des Ministeriums für Landwirtschaft im Blick. Elisabeth Sternemann koordiniert das Pilotprojekt federführend in der Region. Pfakofen gehört jetzt seit zwei Jahren dazu. Vorbehalte überall Im Mittelpunkt der Initiative stehen verschiedene Maßnahmen, mit denen die Erosion der Böden gedämmt und gleichzeitig Gewässerschutz betrieben werden kann. „Wir haben dabei alle, wirklich alle ausnahmslos, an einen Tisch bekommen", sagt Elisabeth Steuermann. Zwei, drei Monate habe das gedauert. Hier und da habe es auch Vorbehalte gegeben. Zunächst. Da komme wieder einer, der es besser wissen will, habe es oft geheißen. „Es herrscht immer Angst vor einer Bevormundung", weiß die Expertin. Diese Vorbehalte abzubauen, war auch Sternemanns Aufgabe. Zu der Runde, die sie zusammengetrommelt hat, gehören Verwaltungsfachleute der Kommune, Landwirte, Flächenbesitzer und Agrarexperten. Letztere beraten die Bauern unter anderem, wie sie mit Mulchsaatverfahren oder dem Anbau von Zwischenfrucht den Verlust ihrer Böden verhindern können. Die Liste machbarer Maßnahmen ist lang. Dabei seien die meisten darunter sehr einfacher Natur und behinderten auch nicht die weitere Bewirtschaftung der Fläche: „Angelegte Grünstreifen, die die Ackerfläche unterbrechen und so die Fließgeschwindigkeit des Wassers drosseln; eine Höherlegung der Wirtschaftswege; veränderte Anbaurichtung auf dem Acker oder die Vertiefung von vorhandenen Gräben mit gedrosseltem Durchlauf", zählt Elisabeth Steuermann die Möglichkeiten auf. Häufig würden mehrere kleine Maßnahmen miteinander kombiniert. Auch auf der finanziellen Seite erhalten die Beteiligten durch „boden:ständig" Unterstützung. „Wir klären die Kosten und klopfen alle möglichen Fördertöpfe ab", sagt Sternemann. Machbar sei vieles. Der ausschlaggebende Punkt aus Sicht der Landwirte dabei: „Es gibt keine Planung am grünen Tisch, wo schlaue Leute plötzlich irgendetwas bestimmen und den Landwirten einfach überstülpen. Alles geschieht nach Rücksprache", erklärt Steuermann die Basis der Zusammenarbeit. Am Ende trage alles die Handschrift der beteiligten Bauern. „Anders geht es nicht", so Steuermann. Ihre Moderation bringt die Akteure zusammen, Kommunikation und Transparenz seien dabei das A und O. Mögliche Lösungen Der Warburger Landwirt Antonius Tillmann interessiert sich für Projekte wie „boden:ständig". „Fördern ist immer besser als bloß bestrafen", sagt er. Seit vielen Jahren befasst sich der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisverbands Höxter intensiv mit dem Thema der Erosion. In der NW-Berichterstattung dient er immer wieder als Gesprächspartner mit großer Expertise. Tillmann schaut seit vielen Jahren nach Südamerika, wo man dasselbe Problem kennt. Die Schutzstreifen, die Änderung der Anbaurichtung oder Einsäen von Zwischenfrucht: „Das alles können auch Lösungen für uns sein, natürlich", sagt Tillmann. Auch die hiesige Landwirtschaftskammer sei sehr aktiv in Sachen Beratung, merkt er an. Die Bereitschaft der Landwirte sei da. „Man muss eben sehr individuell die Sache angehen", meint er, und schiebt nach, dass es ein gesamtgesellschaftliches Problem sei, das nicht nur und allein von den Landwirten gestemmt werden könne. In Pfakofen sind erste Erfolge sichtbar. In diesem Frühjahr habe es noch keine einzige Überschwemmung gegeben. Man zucke nicht mehr zusammen, wenn sich die Wolken am Himmel über dem Ort zusammenziehen.

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