Sehr komplexes Krankheitsbild: Carolin Ahrendts erklärt in ihrem Vortrag Erziehern, wie sie besser mit Kindern umgehen können, bei denen die Diagnose FAS lautet. Die betroffenen Kinder leiden oft an den unterschiedlichsten Störungen, wie beispielsweise an Depressionen oder aggressivem Verhalten. - © Katharina Engelhardt
Sehr komplexes Krankheitsbild: Carolin Ahrendts erklärt in ihrem Vortrag Erziehern, wie sie besser mit Kindern umgehen können, bei denen die Diagnose FAS lautet. Die betroffenen Kinder leiden oft an den unterschiedlichsten Störungen, wie beispielsweise an Depressionen oder aggressivem Verhalten. | © Katharina Engelhardt

Warburg Alkohol während der Schwangerschaft: In Warburg werden Kinder mit fetalem Alkoholsyndrom betreut

Sie leiden unter Störungen wie Depressionen oder aggressivem Verhalten

Katharina Engelhardt

Warburg. Nur ein halbes Glas Alkohol reicht, um das noch ungeborene Kind für sein späteres Leben zu schädigen. FAS lautet die Diagnose, die oft erst im späteren Verlauf der Kindheit gestellt wird. Dann, wenn sich die vielfältigen Störungen manifestiert haben: Das Fetale Alkoholsyndrom (FAS) bezeichnet die vorgeburtlich entstandene Schädigung eines Kindes durch von der schwangeren Mutter getrunkenen Alkohol. Im Heilpädagogischen Zentrum am Stiepenweg leben drei Kinder, allesamt Jungs zwischen 12 und 16 Jahren, die mit diesem Schicksal kämpfen. Denn FAS bedeutet lebenslang. Es ist nicht heilbar, nur bedingt therapierbar und die Liste der möglichen Folgen seitenlang: „FAS-Kinder haben oft ein eingeschränktes Sprachverständnis, können Zusammenhänge nicht verstehen und nicht dauerhaft abspeichern. Besonders große Schwierigkeiten bestehen im sozialen Bereich, im alltäglichen Miteinander. Sie haben auch kein Gespür für Gefahren und können sich nur schwer konzentrieren. FAS-Kindern fällt es unglaublich schwer, sich selbst zu kontrollieren oder zu regulieren", erklärt Carolin Ahrendts vom begleitenden psychologischen Dienst im Heilpädagogischen Zentrum (HPZ). Außerdem können Störungen wie Depressionen und Bindungsstörungen auftreten. Die Dunkelziffer bei FAS-Erkrankungen sei sehr hoch. „Viele Frauen verheimlichen später, dass sie während der Schwangerschaft Alkohol getrunken haben", weiß Carolin Ahrendts. Bei manchen Kindern werde die Diagnose deshalb erst gar nicht oder sehr spät gestellt. Problematisch sei das noch zu geringe Wissen in der breiten Bevölkerung über dieses Thema: „Immer noch sind sich viele schwangere Frauen der Risiken des Alkoholgenusses während der Schwangerschaft nicht bewusst", sagt Ahrendts. Hartnäckig halte sich die fatale Empfehlung „ein Glas Wein sei doch sogar gesund" oder die Annahme, „ach, ein halbes Glas Bier, das schadet doch nichts", weiß Sandra Maicher, die seit 21 Jahren als Heilerziehungspflegerin im HPZ arbeitet und dort eine Intensivgruppe betreut. „Dabei reicht in Wahrheit schon ein halbes Glas Alkohol, und dann hat man ein Krankheitsbild, das nie aufhört", erklärt Maicher. Wenn sie könnte, würde sie jeder schwangeren Frau die Konsequenzen des Alkoholgenusses in der Schwangerschaft vorführen. Anhand des Falles von Julian* beispielsweise. Der Junge ist zwölf Jahre alt, leidenschaftlicher Fußballfan, er liest gern und interessiert sich für die Kirche. „Julian ist ein total aufgeweckter Junge, super aktiv und an vielem interessiert", sagt Sandra Maicher. Das ist die eine Seite von Julian. Und dann gibt es da die andere Seite, die, die ihn unheimlich schwierig im Umgang werden lässt, die ihn aufbrausend sein lässt und manchmal auch autoaggressiv, so dass er sich selbst verletzt. Das Miteinander fällt ihm schwer, seine sozialen Fähigkeiten sind schwach ausgeprägt. Manchmal genüge unter den Jungs ein Blick und es rappelt auch schon. „Phasenweise fühlt es sich an wie eine ständige Eskalation und wir haben alle Hände damit zu tun, die Stimmung zu beruhigen", sagt die Erzieherin. Aber: „FAS-Kinder wie Julian machen das nicht extra", erklärt die Erzieherin. Er kann nicht anders. Die FAS-Symptome sind vielfältig. Häufig erinnerten Kinder mit dieser Erkrankung an das sogenannte ADHS, das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Und ebenso wie diese werden manche FAS-Patienten medikamentös eingestellt. Die Hauptarbeit aber leisten die Betreuer und Einrichtungen wie das Heilpädagogische Zentrum. „Die Kinder haben ganz normale Wünsche wie alle anderen auch; eine eigene Familie zu haben, einen Beruf zu erlernen. Dabei wollen wir sie unterstützen", sagt Heilerziehungspflegerin Sandra Maicher. Später, wenn sie alt genug sind, um das HPZ zu verlassen, werden Modelle wie das ambulant betreute Wohnen sie auffangen und begleiten. Vollkommen selbstständig werden FAS-Patienten wie Julian aber nie sein können. *Name von der Redaktion
 geändert

realisiert durch evolver group