Taucher: Die Suche nach den Schwellensteinen steht im Vordergrund der archäologischen Untersuchung. - © Hermann Ludwig
Taucher: Die Suche nach den Schwellensteinen steht im Vordergrund der archäologischen Untersuchung. | © Hermann Ludwig

Willebadessen Forscher gehen in altem Tunnelbau auf Tauschstation

Erkundung von Relikten

Hermann Ludwig

Willebadessen. Zum ersten Mal in Westfalen forschen Taucher der Arbeitsgruppe für maritime und limnische Archäologie der Universität Kiel (AMLA) in Zusammenarbeit mit den Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) unter Wasser: Untersucht wird ein 170 Jahre alter Eisenbahntunnel im Eggegebirge, der unter Wasser steht. Heute sind nur noch eingestürzte Schächte und Halden von dem erhalten, was mehr als 500 Bauarbeiter vor genau 170 Jahren begonnen und nie fertiggestellt hatten. Einer der mächtigen Einschnitte als Zufahrt zum einstigen Tunnel liegt im Ostteil der Egge sogar komplett unter Wasser. Bei den Relikten der sogenannten Alten Eisenbahn handelt es sich um die Überreste eines großangelegten Tunnelbauprojektes der "Cöln-Minden-Thüringer Verbindungs-Eisenbahngesellschaft". Die plante im Jahr 1846 die Errichtung einer Bahnstrecke zwischen der hessischen Landesgrenze und Lippstadt, dieses ehrgeizige Projekt sollte bei Willebadessen das Eggegebirge queren. "Der Tunnelbau sollte mit modernster Bautechnik errichtet werden und stellte für die landwirtschaftlich geprägte Region ein Jahrhundertbauwerk dar", erläuterte Fritz Jürgens. Auch technisch war das Projekt aus geologischen Gründen eine Herausforderung, auf der westlichen Seite war der Tunnel in Kalkstein zu treiben, auf der östlichen Seite des geplanten Tunnels war Sandstein die Grundlage. Während des Baus stellten sich weitere Schwierigkeiten ein: Immer wieder kam es zu Wassereinbrüchen. "Dies war jedoch nicht der Grund, dass der Tunnelbau gestoppt wurde", erläuterte Jürgens, schließlich seien damals auch schon Pumpen genutzt worden, zudem sei der leitende Ingenieur August Pickel ein erfahrener Tunnelbauer gewesen, ausgebildet von namhaften Experten. "Die politische Situation wurde zunehmend unsicher", berichtete Jürgens, auch die Aktionäre wurden skeptischer, was die Verwirklichung anging. Etwa 20 Prozent der veranschlagten Bausumme von damals 600.000 Talern wurden indes verbaut. Die Eisenbahngesellschaft musste 1848 Insolvenz anmelden. Der preußische Staat übernahm die Gesellschaft und änderte die Streckenführung, so dass der Tunnel überflüssig wurde. Die Baustelle wurde aufgegeben und die fertiggestellten Tunnelabschnitte zum Schutz von Mensch und Tier gesprengt. Der Rehbergtunnel bei Altenbeken wurde als einfacherer Weg durch die Egge gewählt. Um die Industriegeschichte wieder lebendig werden zu lassen und auch die sozialen Umstände der Tunnelarbeiter im 19. Jahrhundert zu beleuchten, wurde das Forschungsprojekt nun aufgenommen. Grabungsleiter Fritz Jürgens, der in Borgentreich aufgewachsen ist, und Nils Wolpert sind mit einem Team von ehrenamtlichen Helfern bereits fündig geworden. Mit klassischen archäologischen Methoden haben sie den noch sichtbaren Einschnitt untersucht und Schächte und Halden vermessen. Bereits im Sommer gruben sie an einer einstigen Schenke, die wohl mehr der leiblichen Versorgung der Tunnel-Ingenieure diente. Hier dokumentierten die Archäologen Mauern, Pflaster oder auch Scherben von Schnapsflaschen und Scherben von Tellern. "An dieser Stelle hatten die Ingenieure damals den besten Blick auf die Baustelle, da gab es auch Platz für die vielen Besucher, denn die Bautechnik war damals etwas Besonderes. "Der Schankwirt hieß damals Hundertmark und kam aus dem benachbarten Kleinenberg", ergänzte der Heimatforscher Hans-Günter Borgmeier. Als im 19. Jahrhundert die Trassen und Tunnel für die Eisenbahn gebaut wurden, hatten die Arbeiter nur bescheidene Hilfsmittel, auch die Bezahlung war eher kärglich. Die sogenannten Schwellensteine, auf denen die Gleise verlegt wurden, mussten in harter Arbeit zu Quadern gesägt und behauen werden. Diese Quadersteine wurden jetzt zuvorderst bei dem Tauchgang gesucht. "Damit können wir den Baufortschritt an dem Tunnel feststellen", erklärte Fritz Jürgens, der gestern Nachmittag selbst einen Tauchgang unternahm. Noch nicht erforscht ist schließlich das, was sich unter der Wasseroberfläche im gefluteten Einschnitt im westlichen Eingang verbirgt. Forschungstaucher aus Kiel reisten jetzt an, um mit hohem technischem Aufwand in die Unterwasserwelt einzutauchen. "Wir hoffen, mehr über den Fortschritt des Tunnelbaus und die Ursache für dessen Scheitern zu erfahren", so Fritz Jürgens, einer der Initiatoren des Projektes und Forschungstaucher aus Kiel, der das Projekt auch damit begründet, dass der Bestand des Erddenkmals "Alte Eisenbahn" dokumentiert wird. Dabei werden moderne Aufnahmetechniken genutzt. Aus den Bildern und Videos werden dreidimensionale Objekte entwickelt, die in den nächsten Wochen ausgewertet werden. "Wir sind gespannt auf die Ergebnisse, das Projekt ist in einem Fall jetzt schon ein Erfolg", sagte Fritz Jürgens.

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