Gang durch den Stall: Jugendhausleiter Elmar Schröder (v .l.), Gastreferent Heinrich Völkering, stellvertretender Jugendhausleiter Georg Pahlke und Heinrich Lammers, Leiter des Jugendbauernhofes. - © Saskia Jochheim
Gang durch den Stall: Jugendhausleiter Elmar Schröder (v .l.), Gastreferent Heinrich Völkering, stellvertretender Jugendhausleiter Georg Pahlke und Heinrich Lammers, Leiter des Jugendbauernhofes. | © Saskia Jochheim

Hardehausen Jubiläum: 25 Jahre Jugendbauernhof Hardehausen

Zwischen Kuhmist und Apfelernte

Saskia Jochheim

Hardehausen. Neugierig steckt die Sau "Jule" ihre Steckdosen-Nase den Besuchern entgegen. Ihr zucker-süßer Nachwuchs wuselt aufgeregt um sie herum. Ein kräftiges "Muuuuuh" dröhnt aus dem Stall nebenan, wo die drei stämmigen Mutterkühe mit ihren Kälbchen stehen. Auch eine Herde Schafe, Ziegen, 120 Hühner und ein paar niedliche Kaninchen haben auf dem Jugendbauernhof in Hardehausen ihr Zuhause gefunden. "Gib dem Schäfchen mal die Zuckerrübe", fordert Stefanie Nolte ihren Sohn Lukas auf. Der Kleine quietscht vor Vergnügen. Angst vor den riesigen Köpfen der Mutterkühe, die gegenüber den Schafen auf seiner Augenhöhe ihr Heu futtern, hat der 15 Monate alte Junge nicht. Lukas ist mit seinen Eltern Stefanie und Stefan Nolte aus Ringelstein zu Besuch auf dem Jugendbauernhof. "Ich habe früher hier gearbeitet, und zu diesem Geburtstag kommen wir natürlich vorbei und helfen auch gerne mit", sagt Lukas' Vater. Der heutige Jugendbauernhof diente einst der Grundversorgung der Menschen. "In den Nachkriegsjahren gab es hier einen landwirtschaftlicher Betrieb", erklärt Georg Pahlke. Mitte der 1070er Jahre habe sich die Bewirtschaftung der fünf Hektar Grün- und sechs Hektar Ackerland dann nicht mehr rentiert, so der stellvertretende Leiter des Jugendhauses. Doch die Stallungen sollten nicht leer, das Land nicht unbewirtschaftet bleiben. "Anfang der 1990er entwickelten wir ein pädagogisches Konzept, das Kindern und Jugendlichen die Natur, Wachstum und Entstehung nahe bringen sollte", so Pahlke. Die Idee sei es gewesen, wegzukommen von trocken-schulischer Theorie und in die Praxis zu gehen. Es sollte eine Umwelterziehung stattfinden, die auf eigener, praktischer Erfahrung gründet. "Unser Angebot richtet sich an Schüler und Schülerinnen von der 5. bis zur 9. Klasse", informiert Heinrich Lammers, Leiter des Jugendbauernhofes. Eine Woche lang bleiben die Schulkassen im Jugendhaus Hardehausen. Aufgeteilt in vier Gruppen durchlaufen die Schüler für einen Tag jeweils einen anderen Arbeitsbereich des Jugendbauernhofes. "Ein Bereich ist das Versorgen der Tiere im Stall. Dazu gehört neben dem Füttern auch das Misten, Eier einsammeln und das Umtreiben der Tiere auf die Weiden", so Lammers. Die anderen drei Arbeitsbereiche gliedern sich in Garten, Küche und, in Kooperation mit der Forstverwaltung, dem Wald. "Im Garten geht es je nach Jahreszeit um den Gemüseanbau oder die Ernte", sagt Georg Pahlke. Zurzeit würden die Äpfel geerntet und mit der hauseigenen Presse Saft hergestellt. In der Küche bereiten die Schüler aus dem geernteten Obst und Gemüse unter Anleitung die Speisen zu, die anschließend gemeinsam gegessen werden. "Die Kinder lernen in dieser Woche bei uns, dass verschiedene Arbeitsprozesse wie Aussaat, Anpflanzen, Ernte und das Zubereiten der Mahlzeiten zusammengehören und wie in einem Uhrwerk ineinandergreifen ", verdeutlicht Heinrich Lammers den Sinn des Konzepts. Außerdem sei es der innigste Traum eines jeden Kindes, Kontakt zu Tieren zu haben, auf Bäume zu klettern und sich schmutzig zu machen. "Das liegt einfach im Wesen des Kindes." Ein weiterer Erfahrungsschatz, den die Kinder sich aneignen, ist der Wert, die eignen Arbeit schätzen zu lernen: das unmittelbare Arbeiten mit den eigenen Händen. "Wenn die Kinder den ganzen Tag Äpfel pflücken und anschließend 100 Liter Saft gepresst haben, dann sind die abends platt - aber glücklich und stolz", weiß Pahlke. Bis zu 30 Klassen aus dem gesamten Erzbistum Paderborn kommen im Jahr auf den Jugendbauernhof, der dem Biolandverband angeschlossen ist. Einer, der sich im Stall des Jugendbauernhofes besonders gut auskennt, ist Stephan Laudage. Er ist für den Stallbereich zuständig und macht bei den Gruppen dieses Arbeitsbereiches ganz besondere Beobachtungen. »Erfahrungen, die ihr Alltag einfach nicht mehr hergibt« "Die Kinder, besonders die Mädchen, finden die Tiere unheimlich niedlich", sagt er. Besonders ganz junge Ferkel oder Lämmchen würden geknuddelt und gestreichelt. "Und dann sitzen diese Kinder am nächsten Tag beim Frühstück und es gibt Mortadella." Da kommen dann Fragen auf wie: "Ist das auch Fleisch?". Fleisch, so hat er nach seinen 15 Arbeitsjahren auf dem Jugendbauernhof festgestellt, sei für die Kinder alles, was größer ist. "Braten ist noch etwas, was als Fleisch gesehen wird. Aber alles, was weiterverarbeitet wird, wie in Mortadella oder das Fleisch in Spaghetti Bolognese wird nicht als Fleisch angesehen", erklärt der Sozialpädagoge. Daher sei es ein weiteres Ziel des Jugendbauernhofes, darüber aufzuklären. "Wir möchten Kindern bewusst machen: Diese niedlichen Ferkel werden irgendwann sterben." Auch bei den Schafen werde ihnen bewusst dieser Verlauf verdeutlicht. "Wir lassen die Kinder aussuchen, welches Schaf noch einmal Junge bekommen soll - und welches zum Schlachter gefahren wird", sagt er. "Ich finde, wenn wir es schaffen, dass die Kinder ein Bewusstsein dafür entwickeln, was sie essen, werden sie zu Verbrauchern, die bewusst entscheiden, was sie einkaufen", resümiert er. "Bei uns machen sie Erfahrungen, die ihr Alltag einfach nicht mehr hergibt", fügt Heinrich Lammers an.

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