Thema Sucht: Maurice Kaß (Diakonie, v. l.), Angela Sickes (Caritas-Suchtprävention) und der Psychologe Jens Flassbeck rückten bei einer Vortragsveranstaltung im Corvinushaus die Angehörigen von Suchtkranken stärker in den Blickpunkt. - © Hermann Ludwig
Thema Sucht: Maurice Kaß (Diakonie, v. l.), Angela Sickes (Caritas-Suchtprävention) und der Psychologe Jens Flassbeck rückten bei einer Vortragsveranstaltung im Corvinushaus die Angehörigen von Suchtkranken stärker in den Blickpunkt. | © Hermann Ludwig

Warburg Aktionswoche Sucht: Wegschauen schafft ein falsches Klima

Alkoholsucht zeitige starke soziale Folgen. "Angehörige haben auch eine Geschichte", sagt der Gütersloher Psychologe Jens Flassbeck. Er beschäftigt sich mit der sogenannten Co-Abhängigkeit

Hermann Ludwig

Warburg. Die Aktionstage "Sucht hat immer eine Geschichte" im Kreis beleuchten viele Aspekte der Suchtproblematik. Bei einem Vortrag im Corvinushaus in Warburg standen jetzt die Angehörigen von Suchtkranken im Fokus: "Angehörige haben auch eine Geschichte" - das erläuterte Psychologe Jens Flassbeck. "Angehörige und Kinder leiden unter der Abhängigkeit ebenso wie die suchtkranke Person, manchmal sogar mehr. Sie benötigen ebenfalls Prävention und Beratung, vor allem aber unsere solidarische Beachtung", betonte Referent Flassbeck, der als diplomierter Psychologe in den LWL-Kliniken in Gütersloh arbeitet, einer Klinik für Suchtmedizin. In seinem im Klett-Verlag veröffentlichen Buch "Co-Abhängigkeit, Diagnose, Ursachen und Therapie für Angehörige von Suchtkranken" hat der Autor eingehend beschrieben, wie sehr Angehörige von Suchterkrankten leiden. Nachdrücklich rückte der Suchttherapeut in den Fokus, dass es ein hohes Risiko bedeute, einem Abhängigen helfen zu wollen. "Helfen wollen, das bedeutet Stress", sagte Flassbeck, der aus seinen vielen Gesprächen mit Angehörigen von Abhängigen erfahren hat, welche Achterbahnfahrt der Gefühle durchlitten werden muss. Daher sei es wichtig, sich auch abgrenzen zu können, eine Fähigkeit, die der Psychologe auch für Menschen, die beruflich mit Abhängigen zu tun haben, für wichtig erachtet. Der Verhaltenstherapeut schilderte er in seinen Vortrag Symptome einer Störung, die bei Co-Anhängigen zu finden sei. "Bei allen Co-Abhängigen findet man eine totale Erschöpfung", so Flassbeck. Zudem sei das Eingenommensein und ein Scham- und Schuldkomplex typisch. Im Kontext der Suchtabhängigkeit schilderte der Psychologe den Alkohol als "schlimmstes Suchtmittel", nicht etwa Kokain, Heroin oder Crack, wie es vielfach vermutet werde. Deutlich verwies Flassbeck auf die sozialen Folgen des übermäßigen Alkoholkonsums. "Kinder aus Suchtfamilien werden zu zwei Drittel psychisch krank", warnte Flassbeck vor den Konsequenzen. Erhebungen hätten gezeigt, dass 30 Prozent der Kinder aus Suchtfamilien selbst suchtkrank werden, wobei die Sucht hauptsächlich ein männliches Probleme sei. Mädchen aus Suchtfamilien neigten nach seiner Einschätzung dazu, ebenfalls eine Rolle als Co-Abhängige einzunehmen. "Im Kreis Gütersloh gibt es 38.000 betroffene Kinder", machte der Klinikpsychologe auf die Tragweite der Alkoholsucht aufmerksam. Seit 2013 gebe es den gesetzlichen Auftrag, das Kindeswohl in der Beratungssituation zu beachten, hier müsse man ein besonderes Augenmerk für die Problematik haben, schärfte Flassbeck ein. Nachdrücklich warb Flassbeck um Verständnis für die schwierige Lage von Angehörigen. In einem Klima des Wegschauens bei einer Suchtproblematik seien die Angehörigen oft in einer schwierigen Lage, denn der Suchtabhängige tue alles, um seine Sucht zu verstecken. Dies berge auch Probleme am Arbeitsplatz, wenn Untergebene auf Suchtverhalten eines Vorgesetzten aufmerksam machten. "Das kann zu ganz erheblichen Problemen führen", sagte Flassbeck. "Ich will meinen Leben zurück", in diesem Buch beschreibt Flassbeck, wie wichtig es für Angehörige ist, sich aus der Co-Abhängigkeit zu lösen, die er selbst als eine Sucht beschreibt. "Das Leiden an der Sucht eines nahestehenden Menschen kann krank und depressiv machen", betonte Flassbeck, der oftmals die Suchtabhängigen zu sehr im Fokus der Behandlung sieht. Die eigene abhängige Verstrickung zu erkennen und sich aus ihr zu lösen, das ist ein Anliegen von Jens Flassbeck, der auch Selbsthilfegruppen unterstützt. Es gehe darum, betroffenen Angehörigen zu helfen, zu einer gesunden Distanz und wieder zu sich selbst zu finden. Die Befreiung von der Sucht des anderen, das sei der Grundansatz, sich aus der Verstrickung der Co-Abhängigkeit zu lösen.

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