Die Gitarre in der Hand: Kai Degenhardt zog die Zuschauer im Kufo-Keller schnell in seinen Bann. Mit einem Lied seines Vaters von 1967 spielte er auch auf die aktuelle Flüchtlingssituation an. - © Anna-Lena Ryczek
Die Gitarre in der Hand: Kai Degenhardt zog die Zuschauer im Kufo-Keller schnell in seinen Bann. Mit einem Lied seines Vaters von 1967 spielte er auch auf die aktuelle Flüchtlingssituation an. | © Anna-Lena Ryczek

Warburg Kai Degenhardt begeistert im Kufo-Keller

Lieder aus dem Familienfundus

Anna-Lena Ryczek

Warburg. Einen spannenden Abend, der nicht nur durch musikalische Unterhaltung, sondern besonders durch politische Liedtexte geprägt wurde, erlebten rund 70 Zuschauer am vergangenen Samstag im Kulturforum (Kufo). Die Musik, die Kai Degenhardt auf der Bühne spielte, war hoch politisch. Sein 2011 verstorbener Vater, Franz Josef Degenhardt, war die Stimme der 68er-Bewegung. Zur großen Freude des Publikums spielte Kai Degenhardt nicht nur seine eigenen Songs, sondern begeisterte das Publikum immer wieder mit Liedern aus dem Familienfundus. Poetisch und melancholisch zeigte sich Kai Degenhardt am Samstagabends im Keller des Kulturforums. Im schwarzen Hemd, mit zwei Gitarren im Gepäck trat Degenhardt auf die Bühne – schlicht und klassisch – als wolle er durch sein Auftreten nicht von seiner politischen Musik ablenken. Bereits im vergangenen Jahr sollte der Liedermacher im Warburger Kufo auftreten. Aufgrund einer schweren Stimmbandentzündung konnte das Konzert nicht stattfinden. Im Zentrum des Abends sollte Degenhardts neues Album „Näher als sie scheinen" stehen, doch der Abend war geprägt von „Liedern aus dem Familienfundus", so Degenhardt. Nachdem der Liedermacher mit „Homecoming" eröffnete, kündigte er ein Lied seines Vaters an. „Es handelt sich um ein altes, ein ganz altes Lied aus dem Familienfundus. Das Lied ist ungefähr so alt wie ich – also taufrisch", witzelte Degenhardt, bevor er „In den guten alten Zeiten" anstimmte. Ein Hauch von Melancholie war im Gewölbekeller zu spüren, als die Warburger den Refrain immer wieder leise mitsangen. Der nachdenklichen Song „Als ich älter war" ging den Zuhörern sofort ins Ohr. „Frei wie der Vogel auf dem beheizten Ast oder der Freigänger in lebenslanger Haft", sang Degenhardt und regte damit zum Nachdenken an. „Lieder über private Katastrophen gibt es ja wie Sand am Meer. Und hier ist eins von mir", kündigte Degenhardt selbstironisch seinen Song „Hinterland" an. Bevor der Liedermacher einen weiteren Song aus seinem neuen Album anstimmte, informierte er das Publikum über die Technik des Loop-Recorders, mit dem er live gespielte Passagen wiederholen lassen kann. „ So würde André Rieu das auch machen, wenn er so ein Gerät hätte", so Degenhardt, bevor er „Weiter draußen" spielte. Das Antikriegs-Lied „P.T. aus Arizona" hatten zahlreiche Zuhörer noch mit dem Klang von Franz Josef Degenhardts Stimme im Ohr. Auch bei diesem Titel stimmte das Publikum leise in den Gesang Degenhardts mit ein. Mit einem weiteren Lied seines Vaters, das bereits 1967 geschrieben wurde, machte Degenhardt auf ein hochaktuelles Problem aufmerksam. „Das Lied wurde geschrieben, als die ersten Migranten zu uns kamen – damals hießen sie noch Gastarbeiter. In den Kneipen verweigerten einige Wirte den Gastarbeitern den Zutritt und die Wirte bekamen recht", sagte der Liedermacher. Das Oberlandesgericht habe damals die Begründung genannt, dass Gastarbeiter zu Messerstechereien oder sogar zu Sachbeschädigungen neigen, so Degenhardt. „Wer hat da kein Déjà-vu", fragte der Künstler und begann „Tonio Schiavo" zu singen – ein Lied über einen gedemütigten Sizilianer im bundesdeutschen Paradies bei Herne, der irgendwann das Messer zieht. Das Publikum war begeisterte von den politisch-melancholischen Liedern Degenhardts. Die Zuhörer wollten den Liedermacher nicht mehr von der Bühne gehen lassen. Im Anschluss an die erste Zugabe stimmte Kai Degenhardt den wohl bekanntesten Song seines verstorbenen Vaters an. Bei „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern", applaudierten die Warburger bereits, nachdem Degenhardt die ersten Takte angespielt hatte. „Ein gelungener Abschluss für einen Abend mit tiefgründiger politischer Musik", urteilte das Publikum.

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