Kriegsgräuel am Kriegsende: Eine Gedenktafel am alten Bahnhof erinnert in Welda an das Durchgangslager, das die Amerikaner im Ort am Ende des Zweiten Weltkriegs für Kriegsgefangene einrichteten. Der Stein wurde vor 25 Jahren am Volkstrauertag auf Initiative des Ortsbeirates gesetzt. Angst, Kälte und Tod beherrschten das kurze Lagerleben für geschätzt 80.000 deutsche Soldaten. - © Dieter Scholz
Kriegsgräuel am Kriegsende: Eine Gedenktafel am alten Bahnhof erinnert in Welda an das Durchgangslager, das die Amerikaner im Ort am Ende des Zweiten Weltkriegs für Kriegsgefangene einrichteten. Der Stein wurde vor 25 Jahren am Volkstrauertag auf Initiative des Ortsbeirates gesetzt. Angst, Kälte und Tod beherrschten das kurze Lagerleben für geschätzt 80.000 deutsche Soldaten. | © Dieter Scholz

Alterkülz/Welda Erinnerungen an das Kriegsgefangenenlager in Welda

Erinnerungen 1929 bis 1945: Zeitzeuge Otto Berg hat seine Erinnerungen für die Nachwelt in einem Buch festgehalten. Der 86-Jährige aus dem Hunsrück war als Hitlerjunge am Ende des Zweiten Weltkrieges im Kriegsgefangenenlager Welda interniert

Dieter Scholz

Alterkülz/Welda. "Wir waren vom Hitler verführt", sagt Otto Berg. Der 86-Jährige aus dem Hunsrück hat seine Erinnerungen aufgeschrieben und in einem Buch verewigt. Die sechs Tage, die er als Hitlerjunge im Kriegsgefangenlager in Welda erlebte, gehören dazu. "Die schrecklichsten meines Lebens", sagt Berg. Seine Autobiografie ist mit "Erinnerungen 1929 bis 1945. Eine Kindheit im Dritten Reich" überschrieben. Auf 263 Seiten schildert sie Bergs Erlebnisse als Kind und Jugendlicher. In drei dicken Büchern "580 Seiten", sagt Berg, habe er seine Geschichte handschriftlich festgehalten. Sechs Monate saß er an seinem Werk. "Oftmals bis spät in die Nacht." Das Schreiben habe ihn nicht losgelassen. Ein Tagebuch, das er damals führte und gerettet habe, half dem Gedächtnis auf die Sprünge. Vieles kam wieder hoch. Und Otto Berg erzählt es in schlichten Sätzen. Erzählt von Dingen, die selbst seine Frau Elisabeth bis dahin nicht von ihm erfahren hatte. Mit ihr hatte er in all den Ehejahren niemals über seine Kriegserlebnisse aus Jugendtagen gesprochen. Ein Freund habe ihm gesagt, das er sie unbedingt aufschreiben müsse. Dann habe er mit 82 Jahren angefangen. "So einfach war das", sagt er - und sei zu einer Sucht geworden. Sechs Tage in Welda. Die Amerikaner hatten im April 1945 am Rande der dortigen Bahngleise für kurze Zeit ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet. Bis zu 80.000 Menschen sollen in den knapp 20 Tagen des Bestehens dort gewesen sein. Unter unmenschlichen Bedingungen, frostigen Temperaturen, ratternden Maschinengewehren, brutal eingeschüchtert, geschlagen und erniedrigt von den Bewachern, auf regengefluteten, knietief verschlammten Ackerböden. Das Lager war in mehrere Camps eingeteilt. Berg, damals 15 Jahre alt, war im Lager der Politischen. "Die Amerikaner hatten Angst vor den Werwölfen", sagt Berg. Hitlerjungen, die am Ende des Krieges ausgebildet worden waren, um im Rückraum der Front Sabotage zu betreiben, Benzin- und Munitionslager zu attackieren. "Die Amerikaner haben überreagiert", sagt Berg, den sie auch für einen der Werwölfe hielten. Jeden Tag wurden er und seine drei Freunde, mit denen er bei Welbsleben aufgegriffen worden war, scharf verhört. "Wir kriegten Klöppe", sagt Berg. Wie so viele im Lager wurde er immer wieder mit Stockhieben traktiert. Wenn er heute daran denke, spüre er immer noch den Frost und den Durst der Apriltage 1945. "Hätten wir uns zum Schlafen niedergelegt, wären wir erfroren", sagt er und sieht sich wieder in der schwarzen Uniformjacke mit dem dünnen Hemd darunter. In die Schuhe war das Wasser gezogen. Zum Abtransport seien sie zur Bahn gekrabbelt. "In den Waggons setzten wir uns, machten die Beine auseinander. Der nächste setzte sich dazwischen." So passten genau abgezählt 80 Mann auf den Waggonboden. "Die Amerikaner haben uns in den wenigen Tagen in Welda mürbe gemacht." Jupp Derwall sei ebenfalls im Lager gewesen. Das habe er vor einigen Jahren erfahren. Da rief ihn die Gattin des ehemaligen Fußballbundestrainers an, schrieb einen Brief. "Mit Frau Derwall bin ich immer noch in Verbindung", ist er ein weinig stolz. Auch Derwall habe das Gefangenenlager in Welda, über das einige wenige Zeilen in den Memoiren des Trainers stehen, bis zu seinem Tod nie vergessen können. In seinem eigenen Buch hätte die Schrift etwas größer sein können, kritisiert Berg. Er weiß, dass vor allem Senioren darin lesen werden. Doch auch Lehrer bestellten bei ihm Exemplare, um in den Schulklassen Zeitzeugen sprechen zu lassen. "Kistenweise", bemerkt Berg, habe er nach der Veröffentlichung Zuschriften bekommen. Weil er sich eigentlich die Arbeit mit dem Verkauf nicht machen wollte, hatte sein Sohn, ein Informatiker, das Geschriebene ins Internet gestellt. 20 Seiten halten die sechs Tage in Welda fest. "Hoffentlich gibt es so etwas nie wieder", sagt Berg. Nach dem Krieg führte er die Landwirtschaft seiner Eltern weiter, arbeitete 30 Jahre im Straßenbau. Weihnachten kommt die Familie "auf dem Hunsrück" in Alterkülz wieder zusammen. Der Sohn lebt in Frankfurt, die Tochter ist im Iran mit einem Großhandelskaufmann verheiratet, der Enkel studiert in London Jura, die Enkelin in Los Angeles Innenarchitektur. Gut einen Kilometer vom Haus der Bergs entfernt liegt Hasselbach. Der Ort, in dem in den 1980er Jahren die Cruise Missiles stationiert waren. "Wie es wirklich war, haben wir erst später erfahren", sagt Berg. Geprägt von stramm nationalsozialistischen Schulleitern sei er in der Nazi-Ideologie erzogen worden. "An den Hitler haben wir geglaubt und feste mitgemacht". Ein Lebensweg, der denen Millionen anderer Deutscher ähnelte. "Im Buch steht, wie wir verführt wurden", sagt Berg. Er sei wie so viele mit Begeisterung dabei gewesen und habe bis zum Schluss an die Wunderwaffe Hitlers geglaubt. "Schaut genauer hin und denkt genau nach", ruft Otto Berg heute jungen Menschen zu. Innenansicht Der Zweite Weltkrieg wurde von Adolf Hitler und seinen Helfershelfern in Ministerialbürokratie, Wehrmacht, Wirtschaft und NSDAP vom Zaune gebrochen. Und die verbrecherische Kriegführung wurde von einem Großteil der deutschen Bevölkerung unterstützt. Darunter auch die jungen Deutschen. Aus Abenteuerlust, Entdeckerdrang und jugendlichem Pioniergeist: Otto Berg beschreibt am eigenen Leben, wie sich eine ganze Generation von Kindern und jungen Heranwachsenden begeistert in die Hitlerjugend führen ließ und sich am Ende in einem Albtraum wiederfand. Berg weckt in jenen, die so alt sind, wie er, Erinnerungen. Jüngere bekommen einen unverfälschten Einblick in den Lebensalltag zur Nazi- und Kriegszeit. Eine Innenansicht, die eine mögliche Antwort auf die Frage „Wie konnte es so weit kommen“ sein möchte. So weit, das heißt bis auf die blutigen Schlachtfelder und hinein in die zerbombten Städte, die Leid und Tod für 60 Millionen Menschen brachten. Erst verblendet, dann brutal entzaubert: Es ist ein langer Schatten, der auch 70 Jahre nach Kriegsende noch auf den Seelen brennt. Kontakt zum Autor

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