Herrliches Panorama: Bei gutem Wetter lässt sich vom Chattenturm aus kilometerweit blicken. Am Fuße des Turms liegt die Altstadt mit zahlreichen historischen Fachwerkgebäuden. Sie machen den Charme der historischen Hansestadt aus. - © Alexander Lange
Herrliches Panorama: Bei gutem Wetter lässt sich vom Chattenturm aus kilometerweit blicken. Am Fuße des Turms liegt die Altstadt mit zahlreichen historischen Fachwerkgebäuden. Sie machen den Charme der historischen Hansestadt aus. | © Alexander Lange

Warburg Durchatmen über den Dächern der Warburger Altstadt

Eine halbe Stunde (6): Von der Aussichtsplattform des Chattenturms lässt sich über die Altstadt und das Warburger Land blicken. Ein Ort, der zum Entspannen einlädt

Alexander Lange

Warburg. Ein Moment der Stille. Leise pfeift der Wind hier oben, aus dem Diemeltal lassen sich ein paar aufbrausende Automotoren vernehmen. Ansonsten ist es absolut still auf der Aussichtsplattform des Chattenturms am Burgfriedhof. Und der Blick ist fantastisch. Bei offenem Wetter lässt sich von hier oben kilometerweit blicken - so wie an diesem sonnigen Nachmittag. Dreißig Minuten werde ich jetzt an diesem besonderen Ort in Warburg verbringen. Ein Ort, an dem Geschichte spürbar wird: Nicht nur, weil er einen umfassenden Blick über die Warburger Altstadt, die Börde, Hügel und Wälder ermöglicht. Nein auch der Chattenturm selber hat eine historische Vergangenheit. Aus dem 14. Jahrhundert stammt der Turm mit dem kreisrunden Grundriss, seine Gemäuer sind viele hundert Jahre alt. Und seinen Namen hat der Chattenturm, weil er als Aussichtsturm gen hessischem Feindesland, wo die sogenannten Chatten hausten, diente - faszinierend. Aussichtsplattform anstelle eines kegelförmigen Daches Hätte ich zur damaligen Zeit gelebt, dann hätte ich hier auch einen Wehrturm errichtet. Das kegelförmige Dach, das einst den Turm schmückte, existiert aber nicht mehr. Dafür kann man nun hier oben stehen, sich den Wind um die Nase wehen lassen und den Blick schweifen lassen. Im Tal stehen viele Fachwerkhäuser mit roten und schwarzen Dächern. Aus einigen Schornsteinen steigt dichter Rauch, eine Katze sonnt sich auf einem Dachgiebel. Auch sie genießt die sonnigen Temperaturen - ein Frühlingsbote? Von den zurückliegenden kalten Wochen ist nicht mehr viel zu sehen. Nur noch wenige Schneereste in den Gärten, die sich vor der März-Sonne verstecken konnten. Auch hinter mir auf dem Friedhof verschwindet das Mäntelchen aus Frost und Schnee allmählich. Zwischen den Gräbern suchen Vögel nach Essbarem, zwei alte Damen pflegen eine Ruhestätte. Auch die beiden sprechen nicht viel. Die Stille bleibt. Mein Blick verharrt jedoch nicht allzulange an den Grabsteinen, Kreuzen und Gräbern des Friedhofs. Ich stelle mich wieder in die Mitte der runden Aussichtsplattform. Beim Blick nach rechts sehe ich tolle Villen in Hanglage. Moderne Baustile, große Fenster, Terrassen und Balkone. Auch sie haben einen fantastischen Blick auf die Altstadt, die direkt vor mir liegt. Am Horizont drehen sich die Windräder, der blaue Himmel ist mit einigen Wolken verhangen. Links von mir, die Sicht ist durch einige Bäume und wuchernde Büsche eingeschränkt, lassen sich die Altstadtkirche St. Mariä Heimsuchung, das Gymnasium Marianum und das Rathaus zwischen den Städten erkennen. Orte, Plätze und Gebäude, hinter denen sich sicherlich auch viele spannende Geschichten verbergen, die ich auch 30 Minuten lang erkunden könnte. Meine heutigen 30 Minuten sind fast vorbei, als es dann doch etwas lauter wird. Ein paar Schulkinder sind offenbar den Heimweg angetreten und toben sich ein wenig aus. Das muss nach so viel Ruhe auf der Schulbank auch mal sein. Entschleunigung, von der so viele in der Fastenzeit sprechen Als es wieder ruhig wird, lehne ich mich noch einmal an das Edelstahlgeländer, dass die Aussichtsplattform und die dorthinführende Brücke umgibt. Hier ticken die Uhren ein wenig langsamer, denke ich mir für den Moment. Das muss diese Entschleunigung sein, von der so viele während der Fastenzeit sprechen. Einfach mal durchatmen. Glatt vergesse ich dabei, auf die Uhr zu schauen, die halbe Stunde ist längst um. Aber macht ja nichts, hier oben spielt Zeit keine Rolle. Keine Hektik, kein Stress, kein Zeitdruck, nichts. Auf dem Rückweg entlang der Friedhofsgräber, der Kapelle, durch die alten Gässchen zurück in die Innenstadt denke ich mir, dass man sich doch viel öfter solch eine Auszeit nehmen sollte: Es müssen ja nicht gleich dreißig Minuten sein. Ein kurzer Moment, ein Augenblick, reicht.

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