Frauen machen Karriere: Auch kleinere und mittelständische Unternehmen kommen Vätern und Müttern mit flexiblen Arbeitszeitmodellen entgegen. Das erleichtert jungen Frauen wie der 23-jährigen Karin Lennarz  die spätere Familienplanung – trotz Karriere. - © Katharina Engelhardt
Frauen machen Karriere: Auch kleinere und mittelständische Unternehmen kommen Vätern und Müttern mit flexiblen Arbeitszeitmodellen entgegen. Das erleichtert jungen Frauen wie der 23-jährigen Karin Lennarz  die spätere Familienplanung – trotz Karriere. | © Katharina Engelhardt

Warburger Land Frau, Familie und Karriere: Alles ist im Wandel

Mutig und selbstbewusst geht die junge Generation Frau mit dem Thema Karriere um. Kleinere und mittelständische Betriebe bieten mit Blick auf Familien flexible Zeitmodelle an

Katharina Engelhardt

Warburger Land. 100 männliche Mitarbeiter in einer Abteilung und als Vorgesetzte eine Frau? Das funktioniert. Sogar sehr gut. Nach dem Studium in Paderborn und einigen Jahren in London kehrte Lean-Managerin Julia Simon zurück in die Region und konnte beruflich bei einem der größten hiesigen Unternehmen Fuß fassen. Als Fertigungsmanagerin war sie für einen Bereich verantwortlich, in dem 99 Prozent der Mitarbeiter männlich waren. Blöde Sprüche beim Gang durch die Werkshallen oder Chauvi-Gehabe? Fehlanzeige. "Und selbst wenn, dann hätt ich das wohl ausdiskutieren wollen", sagt die 32-Jährige und lacht. Man ahnt, wer in dieser Diskussion den Kürzeren gezogen hätte. Julia Simon hat sich einen Beruf ausgesucht, der immer noch überwiegend männlich besetzt ist, in dem gutes Konfliktmanagement vonnöten ist, Verhandlungsgeschick und Durchsetzungsvermögen. Und manchmal auch ein dickes Fell. Simon ist als Lean-Managerin für die Optimierung von Prozessen und Abläufen innerhalb des Betriebs zuständig - bringt also Veränderung in die einzelnen Abteilungen und muss sich damit auch immer wieder herausfordernden Gesprächen stellen. "Wie gut man in dieser Rolle mit seinen Kollegen zurecht kommt, hat viel mit der individuellen Persönlichkeit zu tun", sagt Simon. Im Gespräch könne sie sich auch einmal zurückhalten, meint sie. Empathischer Dialog statt Ellenbogen- und Haudrauf-Mentalität. Das kommt an und wird geschätzt. Trotzdem erntet die 32-Jährige im privaten Umfeld skeptische Nachfragen: "Ist dieser Job nicht zu schwierig für eine Frau?" wurde sie einmal gefragt. "Nicht schwieriger als für einen Mann", pflegte sie zu antworten. "Generell glaube ich aber, dass Frau und Karriere überhaupt kein negativ besetztes Thema mehr ist." Heute arbeitet Julia Simon bei Coveris, dem Spezialist für Verpackungen. Hier fühlt sie sich bestens gefördert, mit denselben Möglichkeiten und Chancen, die auch den männlichen Kollegen zustehen. Das als selbstverständlich zu betrachten, war allerdings auch für sie ein Lernprozess. " Frauen warten meistens erst einmal ab, wohingegen die Männer losgehen und einfordern. In Sachen Weiterbildungen etwa. Das musste auch ich lernen", sagt sie, die einen entsprechenden Tipp für die jüngere weibliche Generation parat hat: "Wenn man weiß, was man will und ein gesundes Selbstbewusstsein hat, dann stehen einem beruflich alle Wege offen." »Was vor vielen Jahren anders war, hat sich heute komplett gewandelt« "Genau so ist es", pflichtet Ulrike Schauerte von der Arbeitsagentur bei. Die Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt beobachtet seit vielen Jahren einen Wandel auf allen Seiten: "Die allermeisten Frauen wollen nach der Geburt ihres Kindes nach nur einem Jahr wieder zurück in den Job. Das war früher anders. Heute möchten die Frauen nicht bei Null wieder anfangen, haben die Zukunft und ihre Altersversorgung stärker im Blick", berichtet Schauerte aus der Praxis. Dabei sei längst nicht mehr entscheidend, ob eine finanzielle Notwendigkeit bestehe oder nicht. "Der Drang zurück in den Beruf, der Ehrgeiz, selbst etwas schaffen zu wollen, ist bei allen Frauen gleich intensiv ausgeprägt. Egal, ob sie alleinerziehend sind oder in einer Partnerschaft, ganz gleich ob Akademikerin oder ohne Ausbildung", sagt Schauerte. Auch die Einstellung der Partner habe sich verändert. "Da wird ganz klar gesagt ?Du, mach jetzt etwas für dich und schau, dass du den Anschluss nicht verlierst.?" Besonders bemerkenswert findet Schauerte die Bereitschaft vieler Frauen, in die sogenannten Mint-Berufe einzusteigen: Mathematik, IT-Wesen, Naturwissenschaft, Technik. "In vielen Branchen weichen die Strukturen der als typisch männlich bekannten Berufe langsam auf", so die Arbeitsmarktexpertin. Bei der Polizei zum Beispiel gehört die Kollegin in Uniform zum Alltagsbild. Und als Frau bei der Kripo? Auch das ist längst gang und gäbe. Sina Felux (28) ist Kriminalkommissarin und verrichtet ihren Dienst im Kommissariat auf der Polizeiwache in Warburg. Sie bearbeitet hauptsächlich Einbruchsdelikte, aber auch Sachbeschädigungen, Körperverletzungen. "Ich führe sozusagen die Arbeit der Kollegen im Streifendienst fort, indem ich die Anzeigen bearbeite, weiter ermittele und Zeugen oder Beschuldigte vernehme", erklärt die gebürtige Höxteranerin, die seit vielen Jahren in Paderborn lebt. Benachteiligungen im Job, bloß weil sie eine Frau ist, das hat sie nie erlebt: "Wir werden gleich behandelt. Wir bekommen dieselben Aufgaben und von uns wird selbstverständlich dasselbe erwartet, wie von den männlichen Kollegen." Auch auf der Straße werde ihnen mit der gleiche Respekt entgegen gebracht wie den Männern. Nach ihrer Ausbildung arbeitete Sina Felux im Streifendienst, ehe sie im Dezember 2017 in das Kriminalkommissariat wechseln konnte. Ihr Vater, selbst Polizist, hat sie von Beginn an in ihrem Berufswunsch unterstützt. Das hat ihr Selbstvertrauen gestärkt. "Was vor vielen Jahren noch anders war, hat sich heute komplett gewandelt. Es spielt keine Rolle mehr, ob du einen Mann oder eine Frau als Kollegen hast." Der einzige Unterschied bestehe bei der Kraft. "Wenn sie einen 150 Kilo schweren Mann wegzerren müssen, kommen sie schon an die Grenzen. Bei allen anderen körperlichen Auseinandersetzungen sehe ich mich durch unsere erlernten Techniken überhaupt nicht im Nachteil," sagt Sina Felux. Eine Führungsposition fest im Blick hat die 23-jährige Karin Lennarz. Nach dem Studium im Gesundheitsmanagement absolviert die gebürtige Leverkusenerin im Helios-Klinikum Warburg einen Teil ihres Management-Trainee-Programms. Ihr Vater ist selbst Führungskraft, "hat es also sicher ein Stück weit vorgelebt", macht Karin Lennarz den elterlichen Einfluss positiv geltend. Für sie ist es zum jetzigen Zeitpunkt noch eine Nebensächlichkeit, wie familienfreundlich ihr künftiger Arbeitgeber aufgestellt ist. Dafür braucht es übrigens nicht gleich eine firmeneigene Kita, wie Ulrike Schauerte von der Arbeitsagentur klarstellt. "Die kleineren Betriebe kommen Müttern und Vätern mit flexiblen Zeitmodelle und Homeoffice-Lösungen entgegen", sagt Schauerte. "Die Firmen bieten viel an, sind offen. Das entlastet viele Eltern ungemein", bilanziert sie. "Frauen haben heutzutage allerbeste Chancen."

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