Zweifel: Ulrich Conradi glaubt angesichts extrem hoher Gesamtkosten nicht an die Umsetzbarkeit eines kostenfreien Öffentlichen Personennahverkehrs. - © Kreis Paderborn
Zweifel: Ulrich Conradi glaubt angesichts extrem hoher Gesamtkosten nicht an die Umsetzbarkeit eines kostenfreien Öffentlichen Personennahverkehrs. | © Kreis Paderborn

Warburg Verbandsvorsteher des NWL erläutert Nahverkehrskonzepte

"Das Angebot im Öffentlichen Personennahverkehr muss sich immer an der Nachfrage orientieren", sagt Ulrich Conradi, Verbandsvorsteher des Zweckverbandes Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL)

Hermann Ludwig

Die Bundesregierung, die wegen der hohen Schadstoffbelastung in Städten massiv unter Druck steht, denkt darüber nach, den öffentlichen Nahverkehr kostenlos zu machen, und will das zunächst in fünf Städten testen lassen. Herr Conradi, können Sie sich vorstellen, das Hochstift mit den Kreisen Paderborn und Höxter zu einer Modellregion für den kostenlosen Nahverkehr zu entwickeln? Ulrich Conradi: Die Idee eines kostenfreien ÖPNV ist aus Fahrgastsicht sehr interessant. Derzeit sind die Rahmenbedingungen eines solchen Modells allerdings noch völlig unklar. Daher überrascht es mich nicht, dass die fünf ausgewählten Städte dem Modell bislang nicht zugestimmt haben. Für uns im Hochstift ist zu berücksichtigen, dass wir tariflich mit dem WestfalenTarif in den gesamten westfälischen Raum eingebunden ist. Ein Herauslösen aus diesem Tarifverbund ist kaum vorstellbar und nicht sinnvoll. Außerdem bedürfte es vielfältiger Abstimmungen mit allen Verkehrsunternehmen und Verbundpartnern. Im Übrigen glaube ich nicht, dass nur über die Kostenfreiheit neue Fahrgäste gewonnen werden könnten. Natürlich wird man über das richtige Preis-Leistungs-Verhältnis nachdenken müssen. Mindestens genauso wichtig sind aus meiner Sicht aber auch ein lukratives Linienangebot und eine gute Taktung. Welche Kosten wären im Verbreitungsgebiet des nph zu schultern, wenn jeder Bürger die Busse und Bahnen im Nahverkehr kostenfrei nutzen könnte? Conradi: Die Regionalbusunternehmen würden jährliche Einnahmen in Höhe von rund 19 Millionen Euro (Jedermannverkehr, Schülerverkehr, Semesterticket) verlieren. Da durch die Kostenfreiheit mehr Fahrgäste gewonnen werden sollen, müssten auch Kosten für die Neuanschaffung zusätzlicher Busse berücksichtigt werden. Im Regionalverkehr werden heute rund 300 Busse eingesetzt. Mit der Annahme, dass für die zusätzlichen Fahrgäste wie Berufspendler und Jedermann-Fahrgäste rund 30 Prozent mehr Fahrzeuge erforderlich würden, müssten gut 25 Millionen Euro investiert werden. Die laufenden Betriebskosten würden dann jährlich rund 6 Millionen Euro zusätzlich erfordern. Das Angebot im Öffentlichen Personennahverkehr in der Region ist geprägt von großen Unterschieden zwischen den ländlichen Räumen im Kreis Höxter und dem südlichen Kreis Paderborn sowie den großstädtischen Verkehren des Oberzentrums Paderborn. Welche Lösungen sehen sie, allen Bedürfnissen gerecht zu werden? Conradi: Mehr Einwohner erzeugen natürlich auch mehr Fahrten. Zudem sind im Umland von Paderborn die Fahrtwünsche klar strukturiert, nämlich ins Zentrum von Paderborn. Vor allem in den ländlichen Bereichen des Kreises Höxter sind die Verkehrsströme deutlich disperser und somit für den ÖPNV, der ja eine Sammelfunktion der Fahrtwünsche darstellt, deutlich schwerer zu fassen. Das Angebot von ÖPNV-Leistungen muss sich immer auch an der Nachfrage orientieren. Deshalb kann das Angebot in den Teilräumen des Hochstiftes durchaus unterschiedlich ausfallen. Mit einer Gesamtfläche von 1.200 Quadratkilometern gehört der Kreis Höxter zu den flächengroßen Landkreisen in Nordrhein-Westfalen. Wie sollen da Busverkehr und Schienenverkehr noch besser verknüpft werden? Conradi: Das Instrument dazu ist unser Nahverkehrsplan. Dieser Rahmenplan für unsere Verkehrsplaner stellt alle notwendigen Werkzeuge für das Angebot der Zukunft zur Verfügung. Wir erarbeiten derzeit - auch mit externer Hilfe - die dritte Generation des Nahverkehrsplans für das Hochstift. Der erste Plan stellte die Weichen für die Entwicklung des ÖPNV Mitte der 1990er Jahre. Der zweite vom Anfang dieses Jahrzehnts sah eine Erhaltung und den teilweisen Ausbau der Angebote vor. Mit den Wettbewerbsverfahren der letzten Jahre konnten wir diesen Nahverkehrsplan deutlich übererfüllen. In der derzeitigen Überarbeitung stehen die Sicherung des Niveaus und die Themen Vernetzung und Multimodalität im Fokus. Wir wollen auch durch flankierende Maßnahmen wie zum Beispiel der Förderung von Mobilstationen, die Mobilität im ländlichen Raum unterstützen. Wie erklärt man beispielsweise einem Bürger in Drankhausen (67 Einwohner), wo zwei Mal am Tag ein Bus verkehrt und eine Fahrt in die Kreisstadt nach Höxter gut zwei Stunden benötigt, dass er über Steuergelder kostenlose Fahrten im Ballungsgebiet von Paderborn finanzieren soll? Conradi: Die Finanzierung des von der Bundesregierung vorgeschlagenen kostenfreien Öffentlichen Personennahverkehrs ist bislang völlig offen. Angesichts der extrem hohen bundesweiten Gesamtkosten sind Zweifel an der Umsetzbarkeit sicherlich naheliegend. Der NWL sieht den Rhein-Ruhr-Express (RRX) als Rückgrat des zukünftigen überregionalen Nahverkehrs. Wie sind Vernetzungen mit dem ÖPNV möglich? Conradi: Wir wollen den RRX an seinen Stationen im nph-Gebiet mit dem Busverkehr aber auch mit dem regionalen Schienenverkehr verknüpfen. Da der Schienenverkehr jedoch in den landesweiten Integralen Taktfahrplan eingebunden ist, haben wir hier vor Ort wenige Möglichkeiten einzugreifen. Beim Busverkehr sieht das schon anders aus. Insbesondere im Kreis Höxter stehen uns mit dem neuen Nahverkehrsplan die Steuerungswerkzeuge zur Verfügung. Wichtige Bausteine sind die Sicherung und der Ausbau der Busanbindung des Warburger Bahnhofs und die Verbesserung der Bedienung des Bahnhofs in Willebadessen. Wie groß sind die Nutzerzahlen derzeit, welche Steigerungsmöglichkeiten sind realistisch? Conradi: Da die Busverkehre eigenwirtschaftlich, das heißt auf eigenes Finanzrisiko der privaten Busunternehmen, erbracht werden, liegen dem nph keine konkreten Nutzerzahlen im Jedermann-Verkehr vor. Der nph hat daher aktuell mit den Kreisen Paderborn und Höxter eine sogenannte ModalSplit-Befragung beauftragt. Die Ergebnisse werden Mitte des Jahres erwartet. Im Regionalverkehr ist aber bekannt, dass die Nachfrage mit 70 bis 80 Prozent vom Schülerverkehr getragen wird. Insgesamt wurden rund 27.000 Schülerfahrkarten für dieses Schuljahr ausgegeben. Außerhalb der Schülerzeit bestehen heute schon bei den regelmäßig guten stündlichen Angeboten noch reichliche Kapazitäten, die mit bedarfsgerechten, zielgruppenspezifischen neuen Tarifangeboten beworben werden können. Das günstige "60+"-Abo für 42 Euro pro Monat ist ein Beispiel dafür. Im Verbreitungsgebiet des Nahverkehrsverbundes wurde durch das neue Schülerticket (365 Euro im Jahr) die Nutzerzahl von 14.000 auf 30.000 erhöht. Welche Möglichkeiten gibt es, statt mit kostenlosen Tickets mit günstigeren Tickets die Nutzerzahlen zu erhöhen? Conradi: Mit der Strategie der günstigeren Tickets gibt es die Chance, Nachfragesteigerungen und die Angebotsentwicklung im Gleichklang voranzubringen. In Bezug auf neue Angebote haben wir im Hochstift mit der Einführung des "60+"-Abos schon einen ersten Schritt in die richtige Richtung gemacht. Über weitere Angebote muss nun nachgedacht werden. Das Marketing für bestehende Angebote wie beispielsweise das Jobticket muss verbessert werden. Energiewende heißt auch Verkehrswende, welche Maßnahmen sind geplant, den öffentlichen Nahverkehr unter dem Stichwort E-Mobilität umweltfreundlicher zu gestalten? Conradi: E-Mobilität im Regionalbusbereich ist derzeit noch nicht serienreif. Der nph hat sich mit dieser Thematik vor der Einführung unserer Naturerbe-Buslinie von Altenbeken nach Bad Lippspringe im letzten Jahr sehr intensiv beschäftigt. Kein Hersteller konnte uns die geplanten E-Kleinbusse zur Verfügung stellen. Wir müssen hier noch einige technische Entwicklungszeit abwarten und die erforderlichen Leistungsparameter der Regional-Busse beachten. Vernetzte Angebote: Im Hochstift sind die ersten Mobilstationen eingerichtet. Conradi: Derzeit gibt es nur die Mobilstation in Altenbeken. Hier ist es noch zu früh, um eine Bewertung der Anlage durchzuführen. Unsere Modellanlage hat schon einiges an Beachtung gewonnen und wurde bereits von mehreren Delegationen aus verschiedenen Städten NRWs besucht. Dass sich nun immer mehr Hochstift-Kommunen um eine Förderung von Mobilstationen durch den nph bewerben, zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Gibt es sinnvolle Alternativen zu dem Vorschlag eines kostenfreien ÖPNV? Conradi: Ja! Aus meiner Sicht müssen wir den Nutzen des öffentlichen Nahverkehrs auf Straße und Schiene für die Fahrgäste mehr in den Mittelpunkt unserer Überlegungen stellen. Zum einen müssen wir ein Angebot entwickeln, das für die jeweiligen Zielgruppen attraktiv ist. Ein Beispiel: seit über einem Jahr haben wir einen durchgängigen Stundentakt mit dem Schnellbus zwischen Warburg und Paderborn von morgens 5.30 Uhr bis abends 22.30 Uhr. Damit haben besonders Berufstätige und auch Studenten eine realistische und attraktive Alternative zur Fahrt mit dem eigenen Pkw. Mit dem künftigen Nahverkehrsplan werden wir vergleichbare Angebote bedarfsgerecht auch für andere Verbindungen vorsehen. Werden auch die Ticketpreise in den Blick genommen? Conradi: Die vorgeschlagene vollständige Kostenfreiheit halte ich derzeit für nicht finanzierbar. Aber ich bin überzeugt, dass wir zielgruppenspezifische Angebote entwickeln sollten, die einen günstigeren Zugang zum ÖPNV ermöglichen. Das vor zwei Jahren eingeführte "60+"-Abo hat uns doch gezeigt, dass die Kundennachfrage bei einem attraktiven Ticketpreis da ist. Beispiel Jobticket: in Zeiten des steigenden Fachkräftebedarfs können Arbeitgeber neben dem jeweiligen Gehalt zunehmend über weitere Angebote qualifizierte Fachkräfte gewinnen und halten. Ein preislich attraktives Jobticket gehört dazu. Wir arbeiten daher gerade daran, ein entsprechendes Jobticket neu zu konzipieren.

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