Historischer Augenblick: Bankvorstand Paul Löneke (v. l.) Preisträger Christian Felber und Bürgermeister Carsten Torke präsentieren sich nach der Preisverleihung. - © Josef Köhne
Historischer Augenblick: Bankvorstand Paul Löneke (v. l.) Preisträger Christian Felber und Bürgermeister Carsten Torke präsentieren sich nach der Preisverleihung. | © Josef Köhne

Steinheim Reineccius-Medaille an österreichischen Querdenker

Der Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie, Christian Felber, begeistert mit einem brillanten Vortrag

Josef Köhne

Steinheim. Seit dem Jahr 2008 verleiht die Stadt Steinheim im Gedenken an den aus ihren Mauern stammenden unerschrockenen Gelehrten und Historiker des 16. Jahrhunderts Reiner Reineccius die Reineccius-Medaille. Geehrt werden damit Persönlichkeiten, die allgemein als Querdenker bezeichnet, mit ihren Thesen und Taten das Interesse der Öffentlichkeit auf sich ziehen. In diesem Jahr entschied sich die Jury für den österreichischen politischen Aktivisten, Hochschullehrer und Initiator des Projekts "Gemeinwohl-Ökonomie", Christian Felber. Überreicht wurde ihm die von der Vereinigten Volksbank gestiftete Medaille am Sonntagmorgen während eines Festaktes von Bürgermeister Carsten Torke. "Wer seine Pflicht erfüllt, hat Charakter, wer nur seine Pflicht erfüllt, hat keinen", zitierte der Vorstandsvorsitzende der Vereinigten Volksbank Paul Löneke in seinem Grußwort den Schriftsteller Hellmut Walters und traf mit dieser Aussage exakt den Kern dessen, wofür der neue Reineccius-Preisträger steht: Für eine Politik und eine Wirtschaftsordnung, die sich nicht an der persönlichen Bereicherung, sondern ausschließlich am Gemeinwohl orientiert. Carsten Torke stützte diese Aussage mit dem Satz: "Es braucht mutige Menschen." Vorgestellt wurde Christian Felber vom Paderborner Universitätsprofessor Dr. René Fahr als außergewöhnlicher Wissenschaftler, ausdrucksstarker Tänzer, Bestsellerautor und natürlich auch als Querdenker. In seiner Laudatio skizzierte er ihn als eine in sich ruhende Persönlichkeit, die den Dingen und den Worten auf den Grund gehe und dabei keinen Konflikt scheue. Mit der Gemeinwohl-Bilanz habe Christian Felber einen Prozess angestoßen, der sich fortlaufend weiterentwickele und messbar mache, inwieweit ein Unternehmen ethisch geführt wird. Welche Wege zur weltweiten Umsetzung der Gemeinwohl-Ökonomie notwendig seien, habe Felber in seinen empfehlenswerten Büchern dargelegt, so Fahr. Beim Gemeinwohl sei es wie mit der Nachhaltigkeit. "Alleine kann man nicht nachhaltig sein. Das kann keine Einzelperson, kein Unternehmen und kein Staat, das können nur wir alle. Aber einer muss damit anfangen", erklärte Fahr. 2014 gab es die erste Gemeinwohl-Gemeinde in Spanien, und in OWL habe man mit der Steinheimer Apotheke Binder das erste Unternehmen mit einer Gemeinwohlbilanz im hiesigen Raum. Mit der Verleihung der Reineccius-Medaille habe Steinheim eine Plattform geschaffen, die Pioniere und Querdenker auszeichne und ihre Arbeit würdige und wertschätze. Standing Ovations der 200 Gäste nach der Laudatio Der Stadt Steinheim gratuliere er ganz herzlich zu der Entscheidung, in diesem Jahr die Reineccius-Medaille an Christian Felber zu verleihen. Die mehr als 200 geladenen Gäste dankten Fahr für dessen brillante Lobrede mit Standing Ovations. "Der in Steinheim verliehene Preis fügt sich ein in die Reihe der in diesem Jahr zwischen Hamburg und Barcelona erhaltenen Auszeichnungen", erklärte Christian Felber in seiner Erwiderung. Doch sei ihm der Steinheimer Preis der wertvollste, weil er authentisch sei. Eigentlich verstehe er sich selbst jedoch nicht als Querdenker im Sinne von Blockieren oder Querulantentum. Sein Anliegen sei vielmehr, viel tiefer in die Dinge hineinzuschauen und festzustellen, ob sie nicht auf dem Kopf stehen. Bildlich untermauerte er seine Aussage mit einem sportlichen Handstand. Wenn man ganzheitlich denke, erkenne man solche Verkehrungen und könne dann vorschlagen, dass sie zurechtgerückt würden. Den Begriff Universität bezeichnete er als falsch gewählt und ihre Lehren als nicht richtig angelegt. Die Studierenden würden mit engem Blick auf ein Fachgebiet eingeschworen, ohne den Blick für die Zusammenhänge und für das Große und Ganze zu bekommen. So müsste, seiner Meinung nach mit der Betriebswirtschaft die Sozialwissenschaft gelehrt werden. Wo das nicht geschehe, solle man lieber von Multiversitäten, eher noch von Perversitäten sprechen. Das solle keine Beleidigung und auch kein Wortwitz sein, sondern sei sprachwissenschaftlich begründet. Seiner Meinung nach sollten alle Studierenden zwei Jahre miteinander verbringen, um die Grundlagen der Komplexität des Miteinanders und Gemeinwohls vermittelt zu bekommen. In seinen Thesen nahm Felber mehrfach Bezug auf Aristoteles. Dieser sei der eigentliche Vater der Gemeinwohl-Ökonomie, der bereits damals vor den schädigenden Auswirkungen des Kapitalismus gewarnt habe. Laut Aristoteles sei es pervers, wenn das oberste und einzige Ziel die Vermehrung des Geldes sei. Wohin solches Denken führt, wurde beim Hinweis auf die Abstände zwischen den Einkommen der niedrigsten und höchsten Einkommen deutlich. Während in Österreich der Faktor 1.200 und in Deutschland der Faktor 8.000 Realität sei, verdiene in den USA ein Höchstverdiener das 360.000-fache eines Geringverdieners.

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