Erzählt offen und ehrlich: Anlässlich der Aktionstage "Sucht hat immer eine Geschichte" war Jörg Böckem im Rathaus zu Gast. - © Madita Schellenberg
Erzählt offen und ehrlich: Anlässlich der Aktionstage "Sucht hat immer eine Geschichte" war Jörg Böckem im Rathaus zu Gast. | © Madita Schellenberg

Steinheim Autor Jörg Böckem liest in Steinheim aus seiner Autobiografie

"Lass mich die Nacht überleben: Mein Leben als Journalist und Junkie" heißt sein Buch

Madita Schellenberg

Steinheim. "Sucht lässt keinen Raum für Zweifel, nicht mal für Entscheidungen": Anlässlich der kreisweiten Aktionstage "Sucht hat immer eine Geschichte" war Journalist Jörg Böckem einen ganzen Tag lang in Steinheim zu Gast. Im Schulzentrum sowie im Rathaussaal las er aus seiner Autobiografie "Lass mich die Nacht überleben" und dem Aufklärungsbuch "High sein" vor. Ausdrucksstark konnten die Gäste dabei Böckems eigene Geschichte miterleben: Wie er bereits mit 14 Jahren den Drogen verfiel, und wie er knapp 20 Jahre später im Rausch fast seine Freundin erwürgte. Weder seine jugendlichen Zuhörer in der Aula noch die erwachsenen Besucher im Rathaussaal wollte Jörg Böckem, der unter anderem für die Zeit und den Spiegel schreibt, dabei belehren - es geht ihm mehr um Aufklärung. "Eltern wollen ihre Kinder oft beschützen - die wollen sich aber risikofreudig ausprobieren. Wichtig ist, miteinander zu reden", sagte er. Sein Appell: "Aufklärung der Strafe vorziehen". "Ich will feiern, richtig abgehen. Mit Drogen bin ich eben mehr als ohne", las Böckem aus "High sein" vor. Noch fesselnder erwies sich für seine Zuhörer allerdings seine eigene Autobiografie. Mit Tempo, fast wie gehetzt, erinnerte er sich an die Qualen, die er während seiner Drogensucht erlitt. Wie er unter seinem Schreibtisch im Hamburger Spiegel-Gebäude Heroin aufkochte - mit "stinkendem Schweiß, der vor Angst aus allen Poren brach". Denn erwischt zu werden und seinen Job zu verlieren, das konnte er sich nicht leisten. "Ich habe die Arbeit gehasst und mich zugleich an sie geklammert", erzählte Böckem von Versagensangst und Drogengier. Deutlich wird im Laufe der Lesung auch: Drogen können wunderbare Gefühle hervorrufen. "Durch Heroin fühlte sich der Körper schwerelos an - ich hatte mich sofort in den Rausch verliebt", so Böckem. Aber eben diese Gier nach dem Rausch führt oft - und so auch bei dem Journalisten - zu völligem Kontrollverlust. Böckems Adern waren irgendwann zerstört, seine Arme angeschwollen - das Spritzen wurde immer schwerer. Nach einer Überdosis jagte er seine Freundin durch die Wohnung, würgte sie und schmiss Möbel um - ohne es zu registrieren. "Erst nach mehreren Minuten wurde mir bewusst, was ich da tue", las der Autor vor. Böckem schaffte es dann im Jahr 2001, zu entgiften und seine letzte Therapie zu bestehen. Seitdem ist er clean. Der Einladung des Steinheimer Fördervereins Jugendarbeit war er gern gefolgt, weil er aufklären möchte. "Denn wer regelmäßig Drogen konsumiert, hat gute Chancen, dass es schlecht endet", weiß Jörg Böckem, der selbst viel Kraft aufbringen musste, um sich von der Sucht zu befreien.

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