Betroffen schildern die Frauen in Burat ihre schwierige finanzielle und private Situation. - © Foto: Corinna Westphal
Betroffen schildern die Frauen in Burat ihre schwierige finanzielle und private Situation. | © Foto: Corinna Westphal

Steinheim Steinheimer Äthiopienhilfe startet neues Frauenprojekt

Zusammen mit Bischof Abba Musie begutachten die Mitglieder der Äthiopienhilfe den neuen Generator für die Klinik in Galyie Rogda, der aus Spendengeldern von einem Weihnachtsmarkt angeschafft werden konnte. - © Foto: Corinna Westphal
Zusammen mit Bischof Abba Musie begutachten die Mitglieder der Äthiopienhilfe den neuen Generator für die Klinik in Galyie Rogda, der aus Spendengeldern von einem Weihnachtsmarkt angeschafft werden konnte. | © Foto: Corinna Westphal

Steinheim. Bisher waren die Projekte der Äthiopienhilfe Steinheim überwiegend medizinisch ausgelegt, indem eine Klinik tief im Landesinneren am Leben gehalten wurde. Nun, im fünften Jahr der Vereinsaktivität, können neue Perspektiven angestrebt und Ziele gesteckt werden: den Menschen eine Existenzbasis zu schaffen.

In Äthiopien ist die Rollenverteilung gänzlich anders als in Deutschland. Die Frauen hüten die Kinder, aber erledigen gleichzeitig auch die harte körperliche Hausarbeit und tragen überwiegend zum Lebensunterhalt bei. Die Männer leisten oft keine wirkliche Hilfe. Deshalb unterstützt der Steinheimer Verein nun mit einem neuen Projekt speziell die Frauen. "Es geht uns darum, den Frauen eine Möglichkeit zu geben, selber Geld zu verdienen. Wir wollen ihre Selbstständigkeit fördern, damit sie sich und ihre Familien auch auf lange Sicht versorgen können", erklärte Heike Nalbach.

Information

Fotos, Videos und Vorträge


Im Februar waren fünf Vereinsmitglieder wieder in den drei Kliniken in Äthiopien, um dort medizinisch zu arbeiten.

Am Freitag, 8. Mai, werden die Mitglieder der Äthiopienhilfe über ihre diesjährige Arbeit vor Ort berichten und mit Fotos, Videos und Vorträgen auch die neuen Projekte vorstellen. Um 19.30 Uhr geht’s im Katholischen Pfarrheim los und jeder ist eingeladen.


Beeindruckend: Noch etwas zurückhaltend präsentiert eine der Töpferinnen die selbst hergestellten Schalen.
Beeindruckend: Noch etwas zurückhaltend präsentiert eine der Töpferinnen die selbst hergestellten Schalen.

Bei ihrem diesjährigen Besuch wurden sie aufmerksam auf ein örtliches Projekt in Burat: 71 Frauen haben sich in zwei Gruppen organisiert, um gemeinsam nach Wegen zu suchen, die Familien durchzubringen. "Der Gedanke und die Idee dahinter berührte und überzeugte uns sehr, deswegen wollen wir diese beiden Frauengruppen auch wirtschaftlich unterstützen", erläuterte Cornelia Düwel- Westphal. Jede der Frauen bekommt 25 Euro, in sechs Monaten kommt derselbe Betrag noch einmal dazu. Ein Teil der Frauen kauft sich mit dem Geld Töpfermaterialien, um aus dem Verkauf der Schalen und Krüge zu leben.

Kleines Geschenk: Selbst gestrickte Söckchen aus Steinheim für ein Neugeborenes in Burat.
Kleines Geschenk: Selbst gestrickte Söckchen aus Steinheim für ein Neugeborenes in Burat.

Ganz anders die Idee der zweiten Frauengruppe: Sie kaufen von dem Geld Cerealien, welche sie erst einmal einlagern werden, um sie später bei gestiegener Nachfrage zu verkaufen. Die Frauen wissen, dass der zweite Geldbetrag aus Steinheim kommen wird. Sie wissen aber auch um ihre Verpflichtung, Fortschritte vorzuweisen. "Es ist uns wichtig, in einem Jahr sehen zu können, inwiefern es den Familien bessergeht. Als Startkapital soll es den Frauen die Möglichkeit geben, Wege zu finden, das Geld zu vermehren", erläuterte Bernhard Nalbach.

Die Behörden vor Ort sind über das Projekt informiert und begrüßen es. So können die Frauen ohne Probleme in geregelten Situationen Geld verdienen. Außerdem sei es ein wichtiger Faktor, dass die Frauen - oftmals verwitwet oder mit vielen Kindern - sich in den Gruppen gegenseitig unterstützen können.

Obwohl die Hauptintention der Äthiopienhilfe Steinheim weiterhin die Gewährleistung einer medizinischen Basisversorgung in dieser Region darstellt, erkannte sie die Notwendigkeit, an den fundamentalen Lebensbedingungen der Ärmsten dort etwas zu verändern: "Was können wir mit einer stabilen medizinischen Versorgung erreichen, wenn sich die Menschen dort ihre Gesundheit nicht erhalten können, weil sie sich keine zweite Mahlzeit am Tag leisten können? Wenn ihre Kinder nicht zur Schule gehen dürfen, weil die Eltern die Schuluniform nicht bezahlen können?", gaben die Mitglieder zu bedenken. Deshalb ist zur rein medizinischen nun auch finanzielle Starthilfe für das tägliche Überleben hinzugekommen.

Inzwischen finanziert der Verein das komplette Jahresbudget von drei Dorfkliniken sowie das schon erwähnte neue Frauenprojekt zur Selbstversorgung. Weil in der Klinik in Burat mittlerweile stabile Verhältnisse herrschten, konnte vor zwei Jahren eine weitere Klinik in Dakuna und letztes Jahr eine dritte in Galiye Rogda in das Projekt integriert werden. "Wir mussten uns gut überlegen , was wir schultern können. Es ist uns wichtig, jedes Projekt gewissenhaft und vor allen Dingen dauerhaft ausführen zu können und keines zu vernachlässigen", sagte Bernhard Nalbach.

Die Klinik in Burat erhält jährlich 20.000 Euro, womit die gesamten Kosten getragen werden können. Klinik Dakuna bekommt 17.000 Euro jährlich und für Galiye Rogda ist eine Summe von jährlich 10.000 Euro möglich. So wird Jahr für Jahr die medizinische Versorgung von über 40.000 Menschen in diesen armen ländlichen Regionen gesichert.

Die Budgets für alle drei Kliniken kommen ebenso zuverlässig zusammen wie gespendete Medikamente oder Kleidung. Darüber sind die Mitglieder der Äthiopienhilfe Steinheim glücklich und dankbar: "Bürger spenden Geld von runden Geburtstagen, Firmen spenden zu besonderen Anlässen und Chöre bieten Benefizkonzerte an. Zu wissen, dass so viele das Projekt mit Freude und Tatkraft unterstützen, gibt uns Kraft und hält uns den Rücken frei."

Der Verein kümmert sich zusätzlich finanziell um die Aus- und Weiterbildung von medizinischen Helfern vor Ort, die die Grundsäule der medizinischen Versorgung darstellen. Daneben werden auch noch einzelne Kleinprojekte wie die Unterstützung von Waisenkindern sowie Augen- und Gebärmutteroperationen finanziert. Die Bevölkerung dort weiß inzwischen um die Helfer aus Steinheim, die ein- bis zweimal im Jahr in ihr Dorf kommen.

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