Sind begeistert: Die Schwestern Lucia Walter (l.) und Elisabeth Klennert stellen ihr Elternhaus für zehn Jahre einem Flüchtlingsprojekt zur Verfügung. - © Burkhard Battran
Sind begeistert: Die Schwestern Lucia Walter (l.) und Elisabeth Klennert stellen ihr Elternhaus für zehn Jahre einem Flüchtlingsprojekt zur Verfügung. | © Burkhard Battran

Nieheim Nieheimer Schwestern stellen Haus für Flüchtlinge zur Verfügung

In OWL einzigartiges Projekt: Mithilfe von Flüchtlingen wird das Gebäude so umgebaut, wie diese es möchten

Burkhard Battran

Nieheim. Es ist ein Vorhaben, das Schule machen könnte. „Wir sind von der Projektidee so begeistert gewesen, dass wir unser altes Elternhaus gerne zur Verfügung gestellt haben", sagt Eigentümerin Lucia Walter (42, in Nieheim lebende Optikerin). Mit fünf Geschwistern, Eltern und Großeltern ist sie in dem historischen Ackerbürgerhaus aus der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgewachsen. Seit dem Tod des Vaters Johannes Rieks vor vier Jahren gibt es kein tragfähiges Nutzungskonzept mehr für das an der Lüttge Straße 14 im zentralen Ortskern gelegene historische Ackerbürgerhaus. „Das als Hallenhaus angelegte Gebäude ist typisch für den ländlichen Raum. Es steht an ortsbildprägender Stelle, ist von erhaltenswerter Substanz, aber viel zu groß für den heutigen Wohnbedarf. Also muss man schauen, was man damit machen kann, um einen innerörtlichen Leerstand und Verfall zu vermeiden", erläutert Oliver Hall, Professor für Städtebau an der Hochschule OWL. Mithilfe von Flüchtlingen umgestaltet Das in Nieheim geplante Vorhaben funktioniert folgendermaßen: Zehn Jahre stellen die Eigentümer das Haus kostenlos der Stadt zur Verfügung. Begleitet von der Geschäftsstelle der Landesinitiative Stadtbaukultur und der Hochschule OWL soll das sanierungsbedürftige Gebäude unter der Mitwirkung von Flüchtlingen so umgestaltet werden, wie die Flüchtlinge es haben wollen. Eine Wohnnutzung ist im ersten Schritt nicht angedacht. „Das Gebäude hat ein Nutzungspotenzial von insgesamt 700 Quadratmetern, das kann man nicht auf einmal entwickeln. Im ersten Schritt geht es darum, im Erdgeschoss auf 230 Quadratmetern eine Gemeinschaftsnutzung als Treff mit Cafeteria, Werkstatt, Schulungsräumen, oder wie auch immer zu erschließen", erläutert Projektleiterin Christine Kämmerer von der Landesinitiative.Von zentraler Bedeutung ist die eigenverantwortliche Mitwirkung der Asylbewerber selbst. „Wir bieten den Flüchtlingen im Rahmen des Projekts auch Ausbildungsmaßnahmen an, um ihnen in Nieheim eine Bleibeperspektive zu eröffnen", erklärt Bürgermeister Rainer Vidal. Projektplanung, Koordination, Sanierung und Qualifizierungsmaßnahme, das kostet auch Geld. "Das Projekt ist wie ein lebendiges Labor" 430.000 Euro stehen für das Pilotprojekt im Raum. „Hierzu hat uns die Landesregierung eine Förderung von 298.648 Euro zugesagt. Die Differenz von 130.000 Euro trägt die Stadt als Eigenanteil", erklärt der Bürgermeister. Die Beteiligten sind sich sicher, das Projekt zu einem Erfolg führen zu können und nach zehn Jahren ein funktionierendes Konzept zu übergeben. „Das Projekt ist wie ein lebendiges Labor, wir wissen noch nicht, was wir am Ende haben werden, aber es wird der städtebaulichen Forschung wichtige Impulse geben", sagt Oliver Hall. Den gesamten Gebäudeumbau sollen Studierende in Kooperation mit den mitwirkenden Flüchtlingen selbst planen. Schon am Mittwoch geht es los. Dann wird eine Gruppe Studierender bei einer Exkursion das Projekthaus und die städtebauliche Infrastruktur in Nieheim erkunden. In der nächsten Woche soll das Vorhaben bei zwei Terminen den insgesamt 144 Nieheimer Flüchtlingen vorgestellt werden. „Dieses Projekt ist ein echter Glücksfall für Nieheim und ein neuer Weg, um im Spannungsfeld des demografischen Wandels in den Ortskernen neue Zukunftsfähigkeit zu erzeugen", lobt Architekt Holger Pump-Uhlmann, Projektleiter des Integrierten Handlungskonzepts des historischen Nieheimer Ortskerns. In OWL ist das Vorhaben bisher einzigartig. „Von insgesamt 147 landesweit genehmigten Vorhaben sind außer in Nieheim nur noch in Altena, Lünen und Witten Flüchtlinge direkt in das Projekt mit einbezogen", weiß Tim Rienits von der Landesinitiative.

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