So wenig Licht wie möglich: Gitarrist Wolfgang Meyer,
Sängerin Gabriela Koch, Percussionist Christian Schoenefeldt und Posaunist.
Shawn Grocott. - © Burkhard Battran
So wenig Licht wie möglich: Gitarrist Wolfgang Meyer,
Sängerin Gabriela Koch, Percussionist Christian Schoenefeldt und Posaunist.
Shawn Grocott. | © Burkhard Battran

Marienmünster Concert in the Dark begeistert in Marienmünster

Kulturstiftung: Konzerterlebnis in völliger Dunkelheit und Ahnungslosigkeit. Publikum in Marienmünster begeistert sich für „Concert in the Dark“ mit dem Shawn-Grocott-Ensemble

Burkhard Battran

Marienmünster. Die Reaktionen im Anschluss an das Konzert waren kaum mehr steigerungsfähig. „Mir war, als hätte ich Sternschnuppen explodieren gehört." „Das war wirklich eine sagenhafte Klangreise", sagten zwei Damen. „Einen Teil des Konzerts habe ich tiefenentspannt verschlafen, aber was ich gehört habe, hat mich begeistert", sagte ein Herr. Knapp 70 Zuhörer haben am Donnerstag eine beeindruckende Premiere des ersten „Concerts in the Dark" im Konzertsaal der Abtei Marienmünster erlebt. Ein zweites Konzert fand Freitagabend statt. Es handelte sich um ein Jazzkonzert in völliger Dunkelheit und Ahnungslosigkeit. Die Zuhörer wussten nicht wo, wer oder was gespielt wurde. Nun ja, dass es sich um ein Ensemble des aus Kanada stammenden Detmolder Jazzposaunisten Shawn Grocott handeln würde, war bekannt. Und wer sich ein wenig in der ostwestfälischen Jazzszene auskennt weiß, dass er ein kongeniales Duo mit dem Detmolder Gitarristen Wolfgang Meyer bildet. Was einen aber wirklich erwartete, blieb offen. Mit Schalfbrillen in den Saal Den Konzertbesuchern wurden im Foyer Schlafbrillen aufgesetzt und dann wurden sie blind in den Saal gebracht. Immer sechs Personen, also genau eine Stuhlreihe, fassten sich hintereinander an die Schultern und wurden dann in Polonaise-Formation von ehrenamtlichen Helfern in den nur von Kerzen erleuchteten Saal geführt. „Theoretisch könnten wir im Saal die volle Beleuchtung anmachen, aber es ist wichtig, dass wir als Musiker ebenfalls in eine dunkle Umgebung eintauchen und wir gerade nur so viel Licht machen, dass wir uns im Raum bewegen können und sehen, was wir spielen", erklärte Initiator Shawn Grocott. Vor acht Jahren hat der Leiter der Bigband der Detmolder Musikhochschule diese spezielle Konzertform entwickelt. „Den Ausgangspunkt bildete ein wissenschaftlicher Aufsatz über akustische Wahrnehmung", erläuterte der Musikdozent. »Wir können eine Oktave sehen, aber zehn hören« Es geht darum, dass das menschliche Gehör viel feiner ausgebildet ist als der Sehsinn. „Wenn man Hören und Sehen vergleicht, kann man sagen, dass wir gerade mal eine Oktave sehen, aber zehn Oktaven hören können, und wenn wir beim Musikhören den Sehsinn ausschalten, haben wir ein viel tiefer gehendes Hörerlebnis", erklärte Shawn Grocott. Das hat sich auch für die Zuhörer in der Abtei Marienmünster bewahrheitet. Grocott und sein Ensemble präsentierten Jazzstandards und Latin-Stücke und bewegten sich dabei auf Socken gehend lautlos durch den Raum, so dass sich auch der Ort der Klangerzeugung ständig wandelte. Musikalischer Höhepunkt war insbesondere der Song „Orange Blossoms in Summertime", eigentlich eine breit fließende Pianoballade des amerikanischen Jazzsängers Kurt Elling, den Grocott und sein Ensemble in eine rhythmisch ungeheuer verdichtete Groove-Nummer komprimierten. Sänger setzen zusätzliche Akzente Am Konzert wirkten neben Shawn Grocott an der Posaune der schon erwähnte Gitarrist Wolfgang Meyer mit sowie die Jazzsängerin Gabriela Koch und der Schlagzeuger Christian Shoenefeldt. Sängerin Koch und Percussionist Schoenefeldt sind ebenfalls Lehrbeauftragte der Detmolder Musikhochschule. Welche Stücke das Ensemble spielte, war beinah Nebensache, entscheidend war vielmehr das Wie des Vortrags und die Zerlegung in verschiedene akustische Dimensionen, wie Nähe und Ferne, Bewegung und Stille, Dynamik und Sustain. Sechs Sänger der Gregorianik Schola Marienmünster und Corvey unter der Leitung von Hans Hermann Jansen setzten einen zusätzlichen Akzent auf das akustische Erlebnis.

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