Besiegelt: Initiatoren Franz-Josef Winter und Richter Jörg Mertens (v. l.) mit Projekthelfern und Landrätin Angela Schürzeberg und Schulleitungsvertreter Thomas Meyer bei der Vertragsunterzeichnung. Foto: Burkhard Battran - © Burkhard Battran
Besiegelt: Initiatoren Franz-Josef Winter und Richter Jörg Mertens (v. l.) mit Projekthelfern und Landrätin Angela Schürzeberg und Schulleitungsvertreter Thomas Meyer bei der Vertragsunterzeichnung. Foto: Burkhard Battran | © Burkhard Battran

Holzminden Weckruf für Holzmindener Schulschwänzer

Ein neues Projekt setzt auf Einsicht statt auf Strafen

Burkhard Battran

Holzminden. Schule schwänzen ist keine Kleinigkeit, denn in Deutschland gilt die Schulpflicht. Und wer dagegen verstößt, begeht einen Gesetzesbruch, der bestraft wird. „Das Gericht kann dann gezwungen sein, ein Bußgeld von bis zu 1.000 Euro zu verhängen. Da Schüler meist kein Einkommen haben, muss gemeinnützige Arbeit geleistet werden und es kann auch ein Arrest verhängt werden", sagt Jugendrichter Jörg Mertens (57). Der Richter am Amtsgericht in Holzminden unterstützt ein Vorhaben des Holzmindener Vereins Aktive Hilfe. „Wir setzen auf Verhaltensänderung nicht auf Strafe", sagt der Vorsitzende Hans-Josef Winter (64) aus Stahle. Winter weiß, wovon er spricht, denn bis zu seiner Pensionierung im vergangenen Jahr war der Stahler als Bewährungshelfer für den Gerichtsbezirk Holzminden tätig. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass 80 Prozent der straffällig gewordenen Personen zuvor auch Schulverweigerer waren", sagt Winter. Normalerweise sind die Verfahrenswege in Schulschwänzer-Fällen relativ lang. „Die Schule leitet das Verfahren ein, dann gibt es verschiedene Anhörungen und bis ein Verfahren vor Gericht geht, kann es gut und gerne über ein halbes Jahr dauern", sagt Jugendrichter Mertens. Manchmal sind die Schüler dann schon in einer anderen Klasse und der eigentliche Vorfall liegt lange zurück. „Wir von der Aktion Schulverweigerer-Wecker werden nach 20 Tagen tätig", erklärt Initiator Winter. Die „Wecker" sprechen mit den betreffenden Jugendlichen und legen ihnen nah, den Schulbesuch wieder aufzunehmen. Das klappt sogar hervorragend. Seit April läuft eine Testphase. „Wir haben bis jetzt 33 Fälle betreut und fast alle haben positiven Ausgang genommen. Nur dreimal waren die Schüler so uneinsichtig, dass sie tatsächlich in den Jugendarrest mussten", fasst Winter zusammen. Aktuell kümmern sich fünf pensionierte Beamte aus Polizeibehörde, Justiz und Forstamt um die Schulschwänzer. „Wir stehen nicht morgens um sieben Uhr auf der Matte, aber wir fragen im Laufe des Tages an der Schule nach und wir haken auch bei dem betreffenden Jugendlichen nach und sind da ziemlich hartnäckig. Aber es zahlt sich aus", betont Winter. Auch der Schulschwänzer hat etwas davon, denn wenn er mit den „Weckern" kooperiert, kann er um einen Gerichtsprozess herumkommen. „Dieses Projekt ist bisher absolut einmalig und es zeigt einen neuen Weg auf, wie junge Menschen in schwierigen Situationen besser erreicht werden können. Darum wollen wir den Schulverweigerer-Wecker durch einen Kooperationsvertrag, dem alle Schulen im Landkreis zugestimmt haben, zu einem festen Instrument unserer Schulverwaltung machen", sagte Landrätin Angela Schürzeberg. Zahlreiche Schulleitungen waren beim öffentlichen Unterzeichnungstermin im Gerichtssaal 33 im Holzmindener Amtsgericht dabei. „Ich finde die Idee des Schulverweigerer-Weckers ganz hervorragend, denn sie hilft uns als Schule ganz enorm, weshalb ich diese Kooperationsvereinbarung sehr gerne unterschreibe", sagte Thomas Meyer, stellvertretender Leiter der Holzmindener Berufsbildenden Schule. Schulen aus dem Kreis Höxter sind bisher nicht an das Projekt angeschlossen. Initiator Franz-Josef Winter: „Fürs Erste stand jetzt der Schulbezirk Holzminden im Fokus, aber grundsätzlich lässt sich das Vorhaben auch ausdehnen, wobei es entscheidend darauf ankommt, dass entsprechende Personen vor Ort vorhanden sind, die Idee mitzutragen."

realisiert durch evolver group