Positive Bilanz: Professor Hans-Gerd Stephan präsentiert die Ausgrabungsergebnisse. Im Vordergrund sind die Überreste des Schmelzofens zu sehen. FOTOS: MATHIAS BRÜGGEMANN - © Mathias Brüggemann
Positive Bilanz: Professor Hans-Gerd Stephan präsentiert die Ausgrabungsergebnisse. Im Vordergrund sind die Überreste des Schmelzofens zu sehen. FOTOS: MATHIAS BRÜGGEMANN | © Mathias Brüggemann

Neuhaus Mittelalterliche Glasherstellung in High-Tech-Qualität im Solling

Die Grabungen bei Fohlenplacken sind abgeschlossen. Eine der ältesten Waldglashütten Europas produzierte Fenster für Corvey

Mathias Brüggemann

Neuhaus. Fünf Monate lang hat das vierköpfige Team um den Archäologen Professor Hans-Georg Stephan im Solling bei Fohlenplacken gegraben und zum Teil sensationelle Funde zu Tage befördert. Jetzt sind die Grabungen abgeschlossen. In dieser Woche wird die Ausgrabungsstelle wieder zugeschüttet. Stephan zog jetzt vor Experten und der Presse eine überaus positive Bilanz. Schmelzgefäße aus besonders feuerfester Keramik Wie berichtet haben Stephan und sein Team in dem Waldstück die Reste einer der ältesten Waldglashütten Europas ausgegraben. Der Archäologe datiert die Anlage auf die Zeit zwischen 1120 und 1150. Er ist sich sicher, dass hier Glasfenster für Corvey produziert wurden. „Und zwar in höchster Qualität", sagt der Wissenschaftler. Es handele sich um ein Holzasche-Blei-Mischglas. Nach Aussagen Stephans „für damalige Verhältnisse High-Tech-Glas". Gefunden wurden grüne und rote Glasreste. Überwiegend sei grünes Glas produziert worden, meist als Flachglas, geeignet also für Fenster. Das lasse sich aus den wenigen Glasresten schließen, die bei der Grabung gefunden wurden. Hergestellt wurden aber auch Hohlglasgefäße wie zum Beispiel Trinkgläser. Zu Tage befördert hat das Grabungsteam auch Schmelzgefäße aus einer speziellen, besonders feuerfesten Keramik. „Diese Schmelzgefäße mussten immerhin eine Temperatur von 1.150 bis 1.200 Grad Celsius, die man fürs Quarzsandschmelzen benötigt, aushalten", berichtet der Professor. Die Waldglashütte bei Fohlenplacken bestand aus drei Öfen: einem Schmelzofen, einem Kühlungsofen, wo die flüssige Rohmasse langsam heruntergekühlt wurde, und einem sogenannten Streckofen, in dem das Glas für die Flachglasherstellung geglättet wurde. Betrieben wurde dieser Waldglasofen, wie die anderen Glashütten im Solling auch, übrigens nur wenige Jahre. „Maximal zwölf Jahre", schätzt Stephan. Dann dürften die Holzvorräte zum Befeuern der Öfen erschöpft gewesen sein. Stephan vermutet, dass die damaligen Waldbesitzer auch ein Auge darauf hatten, dass es nicht zu allzu großflächigen Rodungen kam. Schließlich sei der Wald von den Herrschaften vornehmlich zur Jagd genutzt worden. Rund 100 weitere Glashütten im Solling Neben der Waldglashütte bei Fohlenplacken gab es rund 100 weitere Glashütten im Solling. Stephan: „Das ist europaweit Spitze." Zum Vergleich: In einem weitaus größeren, ebenfalls für die historische Glaserzeugung besonders wichtigen Raum, dem Schwarzwald, sind nach Aussagen Stephans gerade mal 16 mittelalterliche Glashüttenplätze bekannt. Der Solling sei das Zentrum der hochmittelalterlichen Glasproduktion gewesen.

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