Kerstin Stöcker sang die Altpartie in der Aufführung des "Weihnachtsoratoriums" mit dem Alsfelder Vokalensemble. - © FOTO: CHRISTINE LONGÈRE
Kerstin Stöcker sang die Altpartie in der Aufführung des "Weihnachtsoratoriums" mit dem Alsfelder Vokalensemble. | © FOTO: CHRISTINE LONGÈRE

HÖXTER Meditativer Grundton dominiert

Weihnachtsoratorium stimmt die Zuhörer in der Abteikirche auf das Fest ein

VON CHRISTINE LONGÈRE

Höxter. Wenn feierliche Paukenwirbel das Instrumentalvorspiel einleiten, hört der erwartungsvolle Konzertbesucher innerlich schon das "Jauchzet, frohlocket!", mit dem der erste Chorsatz beginnt. Aus der Hektik vorweihnachtlicher Geschäftigkeit entführen die vertrauten Klänge den Zuhörer in einen Bezirk der Andacht und Besinnung. Wie bereitwillig und dankbar dieses Angebot zum Innehalten im Trubel der Vorbereitungen auf das Fest des Jahres immer wieder wahrgenommen wird, zeigten erneut die vollbesetzten Reihen in der Corveyer Abteikirche.

Mehr als 275 Jahre sind vergangen, seit Johann Sebastian Bach in den beiden Leipziger Hauptkirchen an sechs Festtagen um die Jahreswende Kantaten aufführte, die er selbst unter dem Titel "Weihnachtsoratorium" zusammenfasste. Seit der Wiederentdeckung im 19. Jahrhundert erlangte das Werk außerordentliche Volkstümlichkeit. In seiner Größe widersetzt es sich der Gefahr der Abnutzung. Die Mixtur aus Geistlichem und Weltlichem, die alle Gegensätze zwischen irdischem Jubel und himmlischer Verklärung aufhebt, macht seine immer wieder überwältigende Wirkung aus. Bach holt die Geschichte der Geburt im Stall von Bethlehem in die Welt zurück, in der das Wunder geschah. Obwohl in der Aufführung, zu der sich das Alsfelder Vokalensemble Bremen und das Orchester L’arte del mondo unter der Gesamtleitung von Wolfgang Helbich zusammengeschlossen hatten, der meditative Grundton gegenüber diesseitiger Sinnenfreude dominierte, vermittelten Chor, Solisten und Instrumentalensemble einen bezwingenden Eindruck von der Beständigkeit großer Musik und vom Geheimnis aller Harmonie, dem Bach so nahe kam.

Helbich stellte Gleichgewicht her zwischen konzertanter Pracht und der aus einem tiefen religiösen Empfinden gespeisten Überzeugungskraft gläubiger Gewissheit. Bei allem chorischen Schwung und aller instrumentalen Brillanz wirkte seine Realisierung der Kantaten 1 bis 3 verhalten, changierend zwischen lichter Zuversicht und Abgründigkeit. Klangvoll und lebhaft wurde dem Höchsten die Ehre erwiesen, doch in der Bitte um "Friede auf Erden" schwang auch das Wissen um die Gefährdung des Menschen mit.

Lieblicher Heiterkeit und hingebungsvoller Frömmigkeit verlieh das ausgezeichnete, in allen Gruppen zuverlässige Orchester eindringliche Wirkung. Ein breites Spektrum von Nuancen zwischen jubelnder Lobpreisung und verinnerlichter Betrachtung führte das intonationssichere Vokalensemble vor. Überzeugend füllte der vielversprechende junge Tenor Jan Hübner die Rolle des Evangelisten aus. Seinem stimmlichen Potenzial käme es zugute, wenn er es weniger gekünstelt und spürbar angestrengt nutzen könnte.

Ausdrucksstark huldigte Phillip Langshaw dem "großen Herrn und starken König". In dem Duett "Herr, dein Mitleid" hatte Manja Stephans zarter Sopran Mühe, sich gegenüber der kräftigen Bassstimme des gebürtigen Australiers zu behaupten. Herausragend war die Altistin Kerstin Stöcker. Ihr Vortrag des Wiegenliedes "Schlafe, mein Liebster" sowie auch der anrührenden Arie "Schließe, mein Herze" traf den Ton inniger Kontemplation.

Nach der affirmativen Huldigung an den "Herrscher der Himmels" ließ sich das Publikum durch das positivistische Frohlocken mitreißen und spendete enthusiastisch Beifall.

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