Der Angeklagte Wilfried W. - © picture alliance / dpa
Der Angeklagte Wilfried W. | © picture alliance / dpa

Paderborn/Höxter Anwalt attackiert Gutachter

Bosseborn-Prozess: Verteidiger Detlev Binder wirft dem Sachverständigen aus Regensburg „schlampige Arbeit“ vor. Nun muss das Gericht entscheiden, wie es weitergeht

Jutta Steinmetz

Paderborn/Höxter. Vor über einem Jahr begann vor dem Landgericht Paderborn der sogenannte Bosseborn-Prozess. Seit 34 Verhandlungstagen versucht das Schwurgericht nun zu klären, ob sich Wilfried und Angelika W. des zweifachen Mordes durch Unterlassen schuldig gemacht haben. Jetzt geriet die Verhandlung ins Wanken. Denn Wilfried W.s Verteidiger Detlev Binder verlangt, dass ein anderer psychiatrischer Gutachter mit der Untersuchung seines Mandanten beauftragt wird. Nicht zum ersten Mal. Schon zu Prozessbeginn hatte Binder die Bestellung eines anderen Sachverständigen gefordert. Die Expertise des Regensburgers Michael Osterheider entspreche nicht dem Stand der Wissenschaft, sagte er damals, scheiterte aber mit seinem Antrag. Diesmal fand Binder noch deutlichere Worte, sprach von „grob schlampiger Arbeit" und folgerte: „So einen Sachverständigen kann man nicht gebrauchen." Gutachter widerspricht sich selbst Dabei hatte es seit dem Frühjahr so ausgesehen, als sei die Verteidigung des 47-Jährigen nun doch einverstanden mit dem Experten. Denn Wilfried W. hatte es nach zwei Tagen öffentlicher Aussage vorgezogen, seine Sicht der Dinge lieber im stillen Kämmerlein Osterheider anzuvertrauen. Doch als dieser vor Gericht begann, die Gespräche darzustellen, machte der Psychiater alles andere als eine gute Figur. In seinen Ausführungen widersprach sich Osterheider mehrfach selbst – vor allem als es um das brutale Ritual „Decken, Alte" ging, mit dem der Angeklagte Angelika W. malträtiert haben soll. Er konnte Gegensätze auf Nachfrage nicht auflösen und antwortete auf manche direkt formulierte Frage merkwürdig unkonkret – vor allem wenn es um Erläuterungen zu seiner Vorgehensweise, zu seinen Fragen ging, die er Wilfried W. während der 16-stündigen Untersuchung gestellt hatte. Michael Osterheider „widerspricht sich in einem fort", sagte Verteidiger Binder und befand schließlich nach gründlicher Befragung: „Er ist als Zeuge unfähig." Und das machte den Psychiater sodann für Binder als „Sachverständigen erst recht ungeeignet". Ein verbaler Angriff, dem der Gutachter fast regungslos folgte, nachdem er eine halbe Stunde zu spät aus der Mittagspause in den Gerichtssaal zurückgekehrt war. Wenige Stunden zuvor hatte er noch erzählt, dass Wilfried W. einen traurigen Eindruck gemacht habe, als im Sommer die Exploration beendet war. Wilfried W. äußert sich schriftlich Gestern aber war Wilfried W. gar nicht angetan von dem Experten. Der Gutachter habe während der Untersuchung nur wenige Fragen gestellt und ihn oft nicht verstanden, teilte der Angeklagte dem Gericht in einem Schriftstück mit, das er während der Mittagspause verfasst hatte. „Ich bin zwar nicht schlau, weiß aber, was ich gesagt habe", betonte Wilfried W. und erklärt, dass ihn Osterheider falsch zitiert habe. „Was er da sagt, stimmt nicht", stellte der Angeklagte fest und folgerte: „Dieser Gutachter ist für mich nicht der Richtige." Ob das die Richter genauso sehen, wird sich erst am 22. November entscheiden. Bis dahin hat Osterheider Gelegenheit, eine Stellungnahme zum Antrag der Verteidigung zu verfassen. Fortsetzen wollen die Richter die Verhandlung trotzdem. Am kommenden Mittwoch wird ein Psychologe seine Gespräche mit Wilfried W. schildern.

realisiert durch evolver group