Kreistag Höxter - © Simone Flörke
Kreistag Höxter | © Simone Flörke

Brakel/Höxter Chefarzt sieht massive Mängel bei Unfallchirurgie in Brakel

Prof. Werner Bader und drei Vertreter des Klinikverbundes KHWE erläutern die Verlegung der Fachabteilung im Kreistag

Simone Flörke

Höxter. Es waren deutliche Worte von Prof. Werner Bader, die er in seinem Papier zur Verlegung der Unfallchirurgie von Höxter nach Brakel formuliert hatte, das er an die Mitglieder des Kreistages ausgeteilt hatte: „Jeder banal anmutende Unfall kann innerhalb kürzester Zeit zu tödlichen Komplikationen führen. Eine umgehende und zielgerichtete Diagnostik und Therapie muss daher jederzeit gewährleistet sein. Dieses ist in Brakel derzeit nicht gewährleistet." Der Mediziner aus Höxter, der am Klinikum in Bielefeld arbeitet und Mitautor der aktuellen Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung ist, sprach dort im Namen der Bürger, die sich für die Zurückverlegung der Unfallchirurgie aus Brakel nach Höxter starkmachen. Es solle eine „emotionslose" Informationsveranstaltung sein, bei der beide Seiten zu Wort kommen sollten, sagte Landrat Friedhelm Spieker einleitend. Abschließend sprach er von einer „guten Versorgungslage im Kreis Höxter", die man nicht weiter zerreden dürfe. Politisch diskutieren wolle man die Entscheidung nicht Die fünf Krankenhäuser (inklusive Warburg) seien wichtigen Arbeitgeber und die Versorgungssituationen jenseits der Kreisgrenzen weitaus „ausgehöhlter". Politisch diskutieren wolle man nicht, denn Entscheidungen der Holding lägen nicht in den Händen des Kreistages, sondern im gesetzlichen Versorgungsauftrag des Landes an die Katholische Hospitalvereinigung Weser-Egge (KHWE). Dessen Geschäftsführer Reinhard Spieß hatte mit Oberarzt Dr. Rolf Schulte (Allgemeinchirurgie Bad Driburg, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst) und Chefarzt Prof. Ralf Haaker (Orthopädie/Unfallchirurgie Brakel) zwei Mediziner mitgebracht.  "Chance vertan" Den Auftakt vor gut gefüllten Zuschauerrängen machte Bader: Im Plenum selbst suchte er den diplomatischen Weg, bot die Zusammenarbeit für einen gemeinsamen Weg und für ein nachhaltiges Konzept an. Und war hinterher enttäuscht darüber, dass diese ausgestreckte Hand ausgeschlagen worden sei, sagte er im Gespräch mit der NW: „Es wurde am heutigen Tag eine Chance vertan. Ich hatte erwartet, dass der Landrat in dieser Situation eine Mittlerrolle übernimmt, man sich in einem kleinen, nicht-öffentlichen Kreise zusammensetzt und gemeinsam nach einer Lösung sucht." Denn auch die Politik stehe in der Verantwortung. Gefahren Und mit dem neuen Konstrukt seit Februar in Brakel würden Probleme entstehen, prognostizierte er. Deshalb bat er alle Politiker, sein Papier intensiv durchzulesen: Weil seit der Umgestaltung in Brakel die Logistik für eine Unfallchirurgie fehle, „besteht Grund zur Annahme, dass lebensbedrohliche und damit todbringende Diagnosen in Brakel nicht zeitgerecht erkannt und therapiert werden können, da humane Ressourcen insbesondere in der Notfall- und Intensivmedizin fehlen", heißt es darin. Man zerreiße mit der Verlegung „ein hervorragend funktionierendes System" und stelle die Versorgungsstruktur auf den Kopf", sagte Bader im Plenum. Keiner der für ein Zentrum der Notfallversorgung wesentlichen Parameter sei seit der Umstrukturierung realisiert worden. Bader fordert externe Gutachten und Stellungnahmen zur Notfallversorgung und zu den Versorgungsstrukturen – auch mit Blick nach Holzminden – und das Nutzen der internen Fachkompetenz des Klinikums („sie haben hervorragende Leute"). Zudem müssten finanziellen Möglichkeiten zur räumlichen, apparativen und personellen Aufrüstung der Notfallversorgung in Brakel geprüft werden. Und nicht zuletzt die infrastrukturelle Anbindung des Brakeler Krankenhauses – eine 900-Meter-Fahrt des Notarztes durch ein Wohngebiet mit Kindern und eine Tempo-30-Zone bezeichnete er als „völligen Wahnsinn". Sichtweise der KHWE Reinhard Spieß betonte die Gesamtverantwortung der KHWE für das Versorgungsgebiet von 300.000 Menschen sowie Erhalt und Weiterentwicklung aller Einrichtungen als Zielvorgabe. Dafür seien neue medizinische Fachabteilungen gegründet und Millioneninvestitionen getätigt worden. Grundlage der Entscheidung für Brakel sei ein Konzept einer Beratungsfirma von 2011 gewesen, „wonach Doppelvorhaltungen an den Standorten zurückgeführt werden sollten und eine Spezialisierung analog zu den Entwicklungen in der Medizin vorgenommen werden sollte", sagte er im Kreistag und sprach von „vollständig veränderten Rahmenbedingungen". Chirurgie und Unfallchirurgie seien nach internationalen Standards als Fach zusammengelegt worden – was Weiter- und Ausbildung sowie Stellenbesetzung betreffe. Beides für sich sei „nicht mehr möglich". Verändert hätten sich auch Anforderungen bei der Behandlung von Schwer- und Schwerstverletzten sowie von Arbeits- und Wegeunfällen durch die Berufsgenossenschaften. Laut Schulte komme nur einer von 20 stationären Patienten aus der Unfallchirurgie, seien 2016 in Höxter nur zwei Patienten mit lebensgefährlichen Polytraumata nach Unfällen eingeliefert worden, drei monotraumatisch und 14 schwer verletzt: „Alle drei Wochen also einer. Davon kann keine hauptamtliche Unfallchirurgie existieren." Sein Kollege Haaker machte deutlich, dass Know-how und Ausstattung in Brakel passten und räumliche Wege dort im Krankenhaus für eine Unfallchirurgie „optimal" seien. Eine Verlagerung der Orthopädie nach Höxter ist laut Spieß „praktisch gleichzusetzen mit der Zerstörung des erfolgreichen Konzeptes des Klinikum Weser-Egge. Arbeitsplätze würden entfallen und weitere Versorgungsstrukturen gefährdet." Das würde den Standort Höxter am meisten treffen, wo nur ein Viertel der Patienten auch aus Höxter komme: „Nur der erfolgreiche Krankenhausverbund mit seinem großen Einzugsgebiet trägt die spezialisierte Medizin am Standort Höxter." Um die Verlagungerung der Unfallchirurgie hatte es auch einen politischen Schlagabtausch zwischen dem KHWE-Chef Reinhard Spieß und Höxters Bürgermeister Alexander Fischer gegeben. Außerdem wurden von einer Bürgerinitiative Demonstrationen in der Kreisstadt organisiert.

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