Meterhohe Flammen: Das Haus „Eck-Freise" brannte komplett aus. Eine Frau starb in den Flammen. - © Müller/Repro Thomas Kube
Meterhohe Flammen: Das Haus „Eck-Freise" brannte komplett aus. Eine Frau starb in den Flammen. | © Müller/Repro Thomas Kube

Vor 50 Jahren erschütterte eine Explosion die Stadt

Zeugen und Überlebende berichten von der Gasexplosion im Haus „Eck-Freise“ im Jahr 1967. Eine Frau kam ums Leben, mehrere Personen wurden verletzt

Thomas Kube

Höxter. Zwei heftige Explosionen und ein Feuerball hätten Thomas Dyballa aus Höxter vor 50 Jahren fast das Leben gekostet. Der heute 50-Jährige war als Säugling der jüngste Zeitzeuge der schrecklichen Gasexplosion bei Eck-Freise vom 23. Oktober 1967. Erinnern kann sich der Fahrlehrer mit eigener Fahrschule aber nicht mehr an die verheerende Explosion, bei der eine Hausbewohnerin noch während der Löscharbeiten ums Leben kam. Thomas Dyballa kennt die Geschichte nur von Erzählungen seiner im Jahr 2003 verstorbenen Mutter Emma. WAS WAR GESCHEHEN? Es ist kurz nach 16 Uhr am 23. Oktober 1967: In der Fleischerei Freise und dem Schmuckgeschäft Lillmeyer daneben, die beide im Fachwerk-Eckhaus an der Westerbachstraße Ecke Marktstraße untergebracht waren, riecht es schon länger nach Gas. Die städtischen Gaswerke sind bereits verständigt. Die Geschäfte sind voll mit Kundschaft, auch in den Wohnhäusern befinden sich noch Menschen. Ein Fachmann von den städtischen Gaswerken ist nach der Meldung schnell vor Ort, muss jedoch noch einmal zurück zur Dienststelle, um ein spezielles Gasmessgerät zu holen, als das Unglück um genau 16.08 Uhr passiert. Zwei laute Explosionen erschüttern das gesamte Stadtgebiet. Die Menschen in den Geschäften werden schwer verletzt und zum Teil auf die Straße geschleudert. Schmuck und Uhren des Juweliers Lillmeyer werden durch die Explosionswucht auf die Straße geschleudert. Sofort bricht in dem Eckhaus aus dem 16. Jahrhundert ein Feuer aus, das sich rasch vom Erdgeschoss bis zum Dachstuhl ausdehnt. SCHICKSALE Während der Gasexplosion befinden sich Emma Dyballa und ihr neun Monate alter Sohn Thomas, der im Kinderwagen liegt, in der Fleischerei beim Einkauf. Durch die Explosion werden beide vom Feuerball erfasst. Emma Dyballa erleidet schwere Verbrennungen und einen Schock. Thomas wird aus dem Kinderwagen geschleudert und erleidet leichtere Verbrennungen an Kopf und Hand. Feuerwehrleute haben Erzählungen zufolge Mutter und Sohn gerettet. Neun Monate Aufenthalt in Göttinger Uniklinik Das sind die Überlieferungen, die Thomas Dyballa von seiner Mutter Emma hörte. In der Tageszeitung vom 25. Oktober 1967 stand: „In der Frauenabteilung des katholischen St.-Nikolai-Krankenhauses fragte Emma Dyballa immer wieder nach ihrem Sohn Thomas. Sie konnte sich an nichts mehr erinnern. Im Krankenzimmer wurden Mutter und Sohn dann wieder zusammengeführt. Emma Dyballa schloss ihren Thomas überglücklich in die Arme." Mit den Folgen hatte Emma Dyballa noch lange zu kämpfen. Ein Dreivierteljahr musste sie wegen der Verbrennungen in der Uniklinik Göttingen verbringen, während Thomas bei seiner Tante und der Cousine untergebracht war, erinnert sich der heute 50-Jährige. Der damals acht Jahre alte Udo Freise spielt zum Zeitpunkt der Explosion gerade mit seinem Ball in „Freises Hinterhof" bei Textil-Freise auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Nach dem Knall läuft er auf die Stummrigestraße, um zu sehen, was geschehen ist. Der damals Achtjährige muss mit ansehen, wie das Eckhaus brennt und seine Großtante Elise Freise im Obergeschoss am Fenster steht. Menschen liefen schreiend auf die Straße Ein Feuerwehrmann hat die Inhaberin der Metzgerei Freise auch am brennenden Fensterkreuz im oberen Stockwerk gesehen. Er berichtet damals in einem Zeitungsartikel: „Die Frau hob beschwörend die Hände, als suche sie nach Halt. Ihre Kleider hatten schon Feuer gefangen. Plötzlich war sie verschwunden. Zwar wurde eilends noch eine Leiter an das brennende Haus heran getragen, aber die beiden Männer, die unter Lebensgefahr helfen wollten, mussten wegen der starken Hitze, die aus den Fenstern ausströmte, wieder umkehren". Elise Freise verstirbt bei dem Unglück, bei dem weitere sechs Personen schwer und acht leicht verletzt werden. Udo Freise (heute 58) erinnert sich noch gut an die Katastrophe. „Die Hitzestrahlung war so enorm, dass auf der gegenüberliegenden Straßenseite Schaufenster zu platzen begannen. Gemeinsam mit meiner Mutter befüllte ich mehrere Zehn-Liter-Wassereimer und stellte sie in der Wohnung auf, aus Angst, der Brand könne sich auf die eigene Wohnung ausdehnen", sagte Freise gegenüber der NW. Heute ist er selbst aktives Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Höxter, der er schon seit Jahrzehnten angehört. Als einer der ersten Helfer vor Ort ist damals der Höxteraner Krankenpfleger Hans-Otto Sauter. Wenige Wochen zuvor war Sauter noch auf dem Deutschen Rotkreuzschiff „Helgoland" im Vietnam-Krieg im Einsatz, danach wieder in Höxter im St.-Nikolai-Krankenhaus tätig. Sauter erinnert sich: „Ich wollte in meinen Pkw steigen, der auf dem Marktplatz abgestellt war, als es zweimal kurz hintereinander donnerte. Zunächst dachte ich an ein Gewitter, aber dann sah ich die Häuser in einem Feuerschein stehen und Menschen, die schreiend auf die Straße liefen." Der Krankenpfleger leistet sofort Erste Hilfe. Mit Beamten der Höxteraner Polizei sorgt er dafür, dass die Verletzten schnell in die Ambulanzen der Höxteraner Krankenhäuser überführt werden. URSACHE Nach Aussagen des Baggerführers vor dem Haus hatte dieser 30 Minuten vor den zwei Explosionen die Maschine abgestellt. Am Greifer machte sich ein technischer Defekt bemerkbar. Er konnte die Erdmassen nicht mehr fassen, sondern schabte nur die Oberfläche ab. Der Bagger hatte die Gasleitung angebaggert. Im Zuge der Ermittlungen hatte man im Haus von Johann Lillmeyer festgestellt, dass dadurch ein Bruch in der Zweigleitung vom Straßenhauptrohr zum Haus und ein weiterer im Keller verursacht worden war. Etwa zwei Stunden lang strömte Gas aus diesen Bruchstellen, bis ein Zündfunke die Explosion verursachte. Für die Wasserversorgung ein Loch unter die Schienen gegraben Es folgte eine Nacht ohne Atempause für die Feuerwehren aus Höxter, Holzminden, Brakel und Beverungen, die Werkfeuerwehr der Gummifädenfabrik (heute Optibelt), das Deutsche Rote Kreuz, das Technische Hilfswerk, die Bundeswehrsoldaten, den Zivilschutz und die Polizei. Erhebliche Schwierigkeiten bereitete die Löschwasserversorgung, die erst von der Weser hergestellt werden musste. Die Hydranten sind wegen der Bauarbeiten abgestellt gewesen. Bis es eine Wasserversorgung von der Weser her gab, mussten Tankfahrzeuge das Löschwasser liefern. „Da wir die Züge nicht aufhalten konnten, musste ein Loch unter den Schienen gegraben werden, um die Schläuche darunter her zu verlegen. Das dauerte etwa zehn Minuten", berichtete der 1994 verstorbene und damalige Feuerwehr-Einsatzleiter Martin Sternberg. Heute steht das Fachwerkhaus wieder an selber Stelle. Mit Unterstützung des Denkmalschutzamtes ist das historische Gebäude von 1548 komplett abgetragen und mit originalgetreu wieder aufgebaut worden.

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