Wilfried W. (m.) und seine Anwälte wollen über 12.000 Sprachnachrichten hören. - © Marc Köppelmann
Wilfried W. (m.) und seine Anwälte wollen über 12.000 Sprachnachrichten hören. | © Marc Köppelmann

Höxter/Paderborn Beweisflut im Bosseborn-Fall

Über 100.000 Dateien: Im Horrorhaus wurden Gespräche aufgezeichnet, aber auch Erniedrigungen der Opfer gefilmt. Die Verteidiger wollen alle ansehen und anhören.

Jutta Steinmetz

Höxter/Paderborn. Seit fast einem Jahr versucht das Schwurgericht Paderborn zu ergründen, ob Angelika und Wilfried W. den Tod zweier Frauen verschuldet haben, als sie diese quälten und erniedrigten, und damit des zweifachen Mordes durch Unterlassen schuldig sind. Eigentlich sollten jetzt die psychiatrischen Gutachter kundtun, ob sie die beiden für schuldfähig und gefährlich halten. Doch nun droht das Verfahren in Beweismitteln zu ersticken. Die Verteidiger der Angeklagten wollen die mehr als 100.000 Dateien, die auf Mobiltelefonen und Rechnern sichergestellt wurden, als Beweismittel eingeführt wissen. Allein von Wilfried W. gibt es fast 12.900 Audiodateien. Er hatte zu etlichen Frauen mit Hilfe von Sprachnachrichten Kontakt gehalten. In denen zeige sich der wahre Wilfried W., sagten seine Verteidiger. Suche nach der Frau fürs Leben Da werde deutlich, dass dieser stets bewegt gewesen sei von dem Gedanken, eine Frau fürs Leben zu finden. Da zeige sich dessen „kindliche Schlichtheit", der „Charme eines kleinen Jungen", befanden Carsten Ernst und Detlev Binder. Der Angeklagte sei ein „verunsicherter hilfloser Mann" mit der „simplen Gedankenstruktur eines Förderschülers". Deshalb müssten all diese Sprachnachrichten in der Verhandlung gehört werden. Damit reagierten die beiden Verteidiger auf die Aussage der Polizeibeamtin, die Anfang September kein Geheimnis daraus gemacht hatte, dass sie Wilfried W. für „hochgradig manipulativ, intrigant, sexistisch und rassistisch" hält. Zu dieser Einschätzung war die Ermittlerin nach der Auswertung genau dieser Dateien gekommen. Das sei aber bloß ein höchst subjektiver Eindruck, meinten Ernst und Binder. Um zu einem gerechten Urteil zu kommen, müsse sich das Gericht einen eigenen Eindruck verschaffen. Sämtliche Dateien sollen ausgewertet werden Ein Antrag, der bei positiver Bescheidung möglicherweise ein Ende des Prozesses in beträchtliche Entfernung rücken lassen würde. Denn Angelika W.s Verteidiger Peter Wüller geißelte zwar die positiven Worte, die seine Kollegen Ernst und Binder für Wilfried W. gefunden hatten, als „absolut geschmacklos und einen schlechten Witz", machte sich aber deren Antrag zu eigen. Allerdings unter der Voraussetzung, dass sämtliche Dateien angehört und angeschaut würden. Seine Mandantin hatte viele Gespräche aufgenommen, viele Situationen – darunter auch Erniedrigungen der beiden Opfer – gefilmt. Der Vorsitzende Bernd Emminghaus, stark erkältet auf der Richterbank, trug sämtliche Ansinnen mit Fassung. Irgendwann werde darüber entschieden werden, sagte er. Vielleicht wird das Gericht dem Antrag stattgeben, aber anordnen, dass alle Prozessbeteiligten die Dateien im sogenannten Selbstleseverfahren, also eigenständig außerhalb der Sitzungstermine, zu Kenntnis nehmen. So könnte eine sehr lange Verzögerung vermieden werden.

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