Gut informiert in die Stillzeit: Dr. Kerstin Todt, Frauenärztin und eine der zertifizierten Stillberaterinnen am St.-Ansgar-Krankenhaus Höxter, mit dem Still- und Wickelwegweiser für die Stadt Höxter. - © Foto: David Schellenberg
Gut informiert in die Stillzeit: Dr. Kerstin Todt, Frauenärztin und eine der zertifizierten Stillberaterinnen am St.-Ansgar-Krankenhaus Höxter, mit dem Still- und Wickelwegweiser für die Stadt Höxter. | © Foto: David Schellenberg

„Auch Männer wollen stillen“

Interview: KHWE-Frauenärztin Dr. Kerstin Todt zur Weltstillwoche und mangelnden Rückzugsorten im Kreis Höxter

Frau Todt, bereits seit 1991 gibt es die Weltstillwoche, die auch von der Kinderhilfsorganisation UNICEF und der WHO gefördert wird. Warum braucht Stillen heutzutage eine solch große Aufmerksamkeit? Dr. Kerstin Todt: Muttermilch ist bis heute nicht ersetzbar. Deshalb ist das Stillen für die Gesundheit der Kinder und der Mütter unheimlich wichtig. Leider wurde in den 1970er Jahren vieles kaputtgemacht, als man glaubte, Ersatzmilch sei gesünder und praktischer. Inzwischen hat ein Umdenken stattgefunden. Ist Stillen aus Ihrer Sicht gesellschaftlich ausreichend akzeptiert? Todt: Ja und nein. Es ist für Mütter wieder selbstverständlicher, zu stillen. Auch im Kreis Höxter. Aber gesellschaftlich hinken wir dieser Entwicklung noch hinterher. Ich beobachte immer noch, dass Mütter sich rechtfertigen müssen, beispielsweise wenn sie ihr zweijähriges Kind zusätzlich zur Babynahrung noch stillen. Vor allem die ältere Generation begegnet jungen Eltern manchmal mit Unverständnis und gut gemeinten Ratschlägen.»Gesellschaftlich hinken wir der Entwicklung noch hinterher« In Berlin werden deshalb schon Oma-und-Opa-Kurse angeboten. Ein anderes Thema sind junge Mütter, die wieder arbeiten wollen. Viele wissen gar nicht, dass jeder Arbeitgeber stillenden Müttern täglich zweimal 30 Minuten Zeit zum Stillen oder Abpumpen sowie einen stillfreundlichen Raum zur Verfügung stellen muss. Ein großes Diskussionsthema ist das öffentliche Stillen. Wie stehen Sie dazu? Todt: Stillen sollte selbstverständlich sein. Das Problem ist, dass es in unseren Städten viel zu wenige Orte gibt, wo Mütter in Ruhe stillen können, ohne in eine Abstellkammer abgeschoben zu werden. Deshalb haben wir zumindest für die Stadt Höxter einen Still- und Wickelwegweiser entwickelt, in dem Anlaufpunkte zum Wickeln und Stillen verzeichnet sind. Es wäre natürlich schön, wenn noch mehr Geschäfte mitmachen würden – auch in anderen Städten. In wenigen Worten: Warum ist das Stillen für Säuglinge so wichtig? Todt: Stillen schützt Babys zunächst vor Allergien und stärkt das Immunsystem. Es senkt langfristig aber auch die Gefahr vor anderen Krankheiten wie Fettleibigkeit, Bluthochdruck und Diabetes. Geschützt werden aber nicht nur die Kinder. Es ist inzwischen erwiesen, dass Mütter, die stillen, ein deutlich geringeres Risiko haben, an Brustkrebs zu erkranken – immer noch die häufigste Todesursache bei Frauen. Mit der Förderung des Stillens leisten wir quasi einen wichtigen Betrag zur Gesundheit der Gesellschaft. Besteht bei aller Aufmerksamkeit für das Stillen nicht auch die Gefahr, Mütter zu sehr unter Druck zu setzen? Todt: Sicherlich ist ein gewisser Druck da. Letztendlich entscheiden die Frauen selbst, ob sie stillen wollen. Es gibt für manche auch gute Gründe, nicht zu stillen. Druck kommt übrigens zunehmend von den Männern, die sich für ihre Kinder nur das Beste wünschen. Auch Männer wollen stillen. Das Motto der Weltstillwoche in diesem Jahr lautet „Stillen fördern – gemeinsam“. Was wird im Kreis Höxter getan, um das Stillen zu fördern? Todt: Im St.-Ansgar-Krankenhaus gibt es inzwischen vier Still- und Laktationsberaterinnen, die eine spezielle Fortbildung absolviert haben und zertifiziert sind. Wir bieten regelmäßig Stillvorbereitungskurse im kleinen Konferenzraum an. Der Kurs ist für die Interessenten kostenfrei und wird von der KHWE finanziert. Unser Ziel ist, die Paare gut zu informieren und einen guten Start in eine zufriedene Stillbeziehung zu ermöglichen. Der nächste Kurs findet am Dienstag, 10. Oktober, statt und beginnt um 18 Uhr in Höxter. Eine Anmeldung ist nicht notwendig. In Höxter wie in vielen anderen Städten gibt es zudem sogenannte Stillcafés, in denen sich junge Mütter treffen und austauschen können. Bei akuten Stillproblemen helfen wir in der Sprechstunde der frauenärztlichen Ambulanz weiter. Sie ist unter Tel. (0?52?71) 66?26?05 erreichbar.»Man kann fast jedes Medikament auf die stillende Mutter abstimmen« Mit welchen Fragen kommen Mütter zu Ihnen in die Stillberatung? Todt: Ein großes Thema sind natürlich die Probleme, die das Stillen mit sich bringen kann, beispielsweise wunde Brustwarzen oder Babys, die ein Zungenbändchen haben und deshalb nicht gut trinken. Ein anderes wichtiges Thema ist die Einnahme von Medikamenten. Meist müssten Mütter gar nicht abstillen, wenn sie etwas verschrieben bekommen. Denn man kann fast jedes Medikament auf die Bedürfnisse der stillenden Mutter abstimmen. Dazu bedarf es natürlich einer speziellen Beratung, die Mütter bei uns bekommen. Welchen Tipp geben Sie den Eltern stets mit auf den Weg? Todt: Es ist wichtig, gut informiert in die Stillzeit zu gehen.

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