Mit viel Fingerspitzengefühl: Die Frauen bei den kreativen Arbeiten in der Nähstube. - © Lebenshilfe
Mit viel Fingerspitzengefühl: Die Frauen bei den kreativen Arbeiten in der Nähstube. | © Lebenshilfe

Höxter Maßarbeit mit Leidenschaft

50 Jahre Lebenshilfe im Kreis Höxter (2): Die Werkstätten bieten mehr als 500 Menschen Arbeit –und zwar sehr individuell auf jeden Einzelnen abgestimmt

Ottbergen/Brakel. Arbeit zu haben, ist ein hohes Gut. Auch bei einer sehr guten arbeitsmarktpolitischen Lage sind oft die Menschen mit einer nur unzureichenden Ausbildung oder einer Behinderung diejenigen, die das Nachsehen haben. An diesem Punkt setzte die Lebenshilfe bereits im Jahr 1974 an und gründete die erste Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM). Inzwischen bietet sie an zwei Standorten in Ottbergen und in Brakel 508 Menschen mit geistigen oder psychischen Behinderungen einen Platz im Arbeitsleben. Pünktlich um Viertel vor acht morgens ertönt jeden Montag bis Freitag die Pausenklingel in den Werkstätten Am Grünenberg (W.A.G.) und ruft alle Mitarbeiter auf, die Arbeitsplätze einzunehmen. Nachdem die meisten Beschäftigten (Mitarbeiter mit Behinderungen) wegen der ländlichen Struktur der Region mit Bussen und einige mit dem Zug aus Höxter oder Brakel selbstständig zur Arbeit gekommen sind, werden aus der bunten Menschenmasse unversehens Spezialisten in ihren Bereichen. Dann nehmen die Mitarbeiter ihre Plätze in der Holzverarbeitung, der Gartenpflege, der Küche, der Bäckerei, der Metallabteilung oder auch in der Verpackung und Montage ein. „Das Angebot unserer beider Werkstätten ist breit gestreut, um den Beschäftigten die Möglichkeit zu geben, ihren Eignungen und Neigungen entsprechende Arbeitsplätze auswählen zu können", sagt Frank Stork, Werkstattleiter der Rekon, und ist sichtlich stolz auf das heute Erreichte. Es war gewiss ein langer Weg aus der damals noch „beschützenden Werkstatt" in Siddessen über eine Niederlassung in Peckelsheim bis zum Bezug der heutigen Werkstätten Am Grünenberg (W.A.G.) im Jahre 1983 und der Rekon in 1991. Aus einer Hand voll Menschen mit Behinderungen, die zunächst einfachste Arbeiten in der Montage und Verpackung erledigten, ist heute ein großes Unternehmen mit 508 Arbeitsplätzen zuzüglich Fachpersonal geworden. Verstärkt wird auch der Übergang zum ersten Arbeitsmarkt forciert Auch die Zielsetzung hat sich geändert: Heute wird, neben dem Vorhalten verschiedener Arbeiten für Menschen mit unterschiedlichsten geistigen und auch psychischen Behinderungen, verstärkt auch der Übergang zum ersten Arbeitsmarkt forciert. Unterstützt durch den Integrationsfachdienst wird Werkstattbeschäftigten die Möglichkeit eröffnet, über Praktika und ausgelagerte Arbeitsplätze einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz bei einer Firma in der Region zu finden.Eine Besonderheit der Werkstätten Am Grünenberg ist die Förderung von Menschen mit schwersten geistigen Behinderungen. „Dieser Personenkreis wird ausschließlich in Nordrhein-Westfalen in WfbM aufgenommen und erhält, genauso wie alle anderen Beschäftigten der Werkstatt in einem arbeitnehmerähnlichen Beschäftigungsverhältnis, einen Werkstattvertrag. Auch die Beschäftigten in den Förderbereichen erhalten einen Werkstatt-Lohn und sind in der Renten- und Krankenversicherung selbst versichert", weiß Mattias Daniel, Werkstattleiter der Hauptwerkstatt in Ottbergen. Aber was heißt das genau, in einer WfbM zu arbeiten? Augenscheinlich unterscheidet sich der Arbeitsplatz zunächst einmal nicht so sehr von einem Arbeitsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt. Sehr individuelle Geschwindigkeit der einzelnen Beschäftigten Die Ausstattung der Plätze ist in jedem Betrieb, der verpackt, montiert oder etwas herstellt, nahezu identisch. Der Unterschied liegt bei genauerer Betrachtung jedoch sowohl in der sehr individuellen Arbeitsgeschwindigkeit der einzelnen Beschäftigten als auch in der Aufgliederung der Arbeiten in sehr kleine Schritte. Über dieses Konzept der Anpassung von Arbeiten an das Leistungsvermögen des Einzelnen – die Werkstätten nennen das „Maßarbeit" – wird jedem Beschäftigten in den Werkstätten eine Teilhabe am Arbeitsleben ermöglicht. Die Beschäftigten werden während ihrer Teilhabe am Arbeitsleben, so die Begrifflichkeit aus den Sozialgesetzbüchern, von Fachkräften zur Arbeits- und Berufsförderung angelernt und begleitet.Hinzu kommt noch ein breitgefächertes Angebot an arbeitsbegleitenden Maßnahmen. Neben der Arbeit kann so noch das Töpfern oder das Kochen erlernt, die Betriebsfußballmannschaft unterstützt, ein Deutschkurs belegt, die Theatergruppe bereichert oder bei einer „Traumreise" Entspannung von der Arbeit gesucht werden. Besonders ist auch die Unterstützung durch den Sozialen Dienst in den Werkstätten. Dabei stehen Diplom-Sozialpädagogen und in der Rekon zusätzlich ein Psychologe den Beschäftigten mit Rat und Tat zur Seite. Arbeit wird so zu einem die Gesundheit stabilisierenden Faktor. Auch eine eigene Mitarbeitervertretung, der Werkstattrat, der aus den Reihen der Beschäftigten gewählt und für deren Interessenvertretung zuständig ist, zählt zu den Besonderheiten. Das Wichtigste aber ist, und das sieht man insbesondere während der vielen Pausen, die die Beschäftigten über den Tag verteilt machen dürfen, das Miteinander. Es wird gescherzt, gelacht, gestritten und natürlich auch mal über die Arbeit geschimpft. Erkennen kann man aber die Leidenschaft, mit der viele Mitarbeiter mit Behinderung ihrer Tätigkeit nachgehen. Sie sehen sich als Spezialisten in ihrem Bereich – und sind es ganz sicher auch. Serie Im Jahr 2017 feiert die Lebenshilfe im Kreis Höxter ihr 50-jähriges Jubiläum.In Schulen, Wohnangeboten, Werkstätten, Kindertagesstätten, Freizeit- und Beratungsangeboten fördert und unterstützt die Lebenshilfe Menschen mit und ohne Behinderungen. In den beiden gemeinnützigen GmbH (Lebenshilfe Brakel & Lebenshilfe Höxter) werden insgesamt mehr als 500 Mitarbeiter beschäftigt. Die NW stellt die einzelnen Bereiche in einer Serie vor.

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