Verbirgt sein Gesicht: Andreas Q. wird beim Betreten des Gerichtssaals von zwei Mitarbeitern der Justiz begleitet. Foto: Jutta Steinmetz - © Jutta Steinmetz
Verbirgt sein Gesicht: Andreas Q. wird beim Betreten des Gerichtssaals von zwei Mitarbeitern der Justiz begleitet. Foto: Jutta Steinmetz | © Jutta Steinmetz

Höxter Betrunken einen Bus gekapert: Angeklagter gesteht Geiselnahme in Höxter

47-Jähriger wollte nicht mehr leben, erklärt er jetzt vor Gericht. Hinter ihm liegen private Unglücksfälle, die ihn in die Alkoholsucht trieben. Seine Opfer stehen immer noch Ängste aus

Jutta Steinmetz

Höxter/Paderborn. Andreas Q. (Name geändert) hat eine angenehme Stimme, dazu kommt sein Berliner Tonfall. Schlank ist der 47-Jährige, der einen ruhigen, besonnenen Eindruck macht. Ihn kann man sich so gar nicht als Geiselnehmer vorstellen. Als den Mann, der am 24. März stundenlang die Höxteraner Polizei samt diverser Sondereinsatzkommandos in Atem hielt. Sehr gut möglich, dass Andreas Q. das von sich selbst auch nicht glauben kann. Als er Saal 106 des Landgerichts Paderborn betritt, hält er einen Hefter so lange vor sein Gesicht, bis auch der letzte Fotograf die Örtlichkeit verlassen hat. Das mediale Interesse ist groß an diesem ersten Verhandlungstag. Denn Andreas Q. hat am Abend des 24. März einen Bus der Linie HX 4 auf eine fast vierstündige Irrfahrt durch den Kreis Höxter und die Region entführt. Mehr als 40 Fahrzeuge der Polizei, die Spezialkräfte aus NRW, Hessen und Niedersachsen anrücken ließ, folgten dem Bus, in dem sich außer dem Entführer der 46-jährige Busfahrer sowie zunächst auch noch ein einzelner Fahrgast aufhielten. "Ich kam nicht mehr in die Wertung" Erst nach Mitternacht endete die Fahrt in Höxter auf dem Parkplatz unterhalb des Felsenkellers an der Bundesstraße 64, als Andreas Q. anhalten ließ und von Beamten überwältigt wurde. Von all diesen Geschehnissen weiß Andreas Q. kaum etwas. „Ich kann mich nicht an viele Sachen erinnern. Vieles, was da in der Anklageschrift steht, erschreckt mich." Für ihn ist das aber kein Grund, die Tat zu leugnen. Er habe viel getrunken – in den vergangenen Jahren, als ihm ab 2014 der anstrengende Beruf, aber auch private Schicksalsschläge schwer zu schaffen machten. „Ich kam nicht mehr in die Wertung", sagt er und berichtet von etlichen Versuchen, vom Alkohol loszukommen. Seine Familie, eine neue Beziehung – alles blieb auf der Strecke. Als zu Jahresbeginn auch noch der Vater in seiner Geburtsstadt Potsdam qualvoll starb, brach Andreas Q. eine Reha-Maßnahme ab und brachte stattdessen sein Erbe in Berlin in kürzester Zeit durch – mit Alkohol und anderen Rauschmitteln, denen er sich nun gleichfalls zuwandte. „Ich war jenseits von gut und böse." "Das würde passen" In diesem Zustand kam er Anfang März wieder nach Höxter – und kaperte wenige Wochen später mit einem Messer in der Hand den Bus. „Ich wollte nicht mehr leben", sagt Andreas Q. an diesem ersten Verhandlungstag. Er kann nicht mehr zu seinem Motiv sagen. Und nichts dazu, warum er den Busfahrer mitten auf der Weserbrücke anhalten ließ und verlangte, dass dieser und der einzige Fahrgast die Fenster des Busses mit Zeitungspapier abklebten. Er weiß auch nicht mehr, dass er den Mitfahrer schließlich in eine Tankstelle schickte, um Schnaps zu besorgen. „Das würde passen", sagt er nachdenklich. Dass er von der Polizei, die telefonisch mit ihm Kontakt hielt und eine Psychologin eingeschaltet hatte, verlangte, mit seiner Ex-Freundin und seinem Sohn zu sprechen, das kann er sich in der Rückschau gut vorstellen. Dem Fahrer des Busses sowie dem einzigen Passagier dürfte indes der 24. März unauslöschlich im Gedächtnis sein. „Ich bin immer noch aus dem Verkehr gezogen", sagt der 46-Jährige, der das Gefährt fast vier Stunden lang durch die Region steuern musste. Auch andere Betroffene haben noch lebhafte Erinnerungen an die Nacht. Der Busfahrer ist seit dem Vorfall arbeitsunfähig Die Vorstellung, in einen Bus steigen zu müssen, in dem Passagiere sitzen, „ist für mich ein Horror", sagt der Nieheimer, der seit dem Vorfall arbeitsunfähig ist. Auch an dem Fahrgast (46), der an dem Abend einfach nur mit der Linie HX 4 hatte nach Hause fahren wollen, ist das Erlebnis nicht spurlos vorüber gegangen. Er habe viel Stress, wenn er Bus fahren müsse, sagt er, und sei immer noch in psychologischer Behandlung. Die Verhandlung wird am Dienstag, 17. Oktober, in Paderborn fortgesetzt.

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