Behandlung: Für die Dekontamination tragen die Soldaten der ABC-Abwehr Vollgummianzüge. Oben vom Kran, der bis zu 20 Meter in die Höhe fahren kann, wird die Lösung auf dem Schützenpanzer Marder verteilt. Neben dem Panzer steht der TEP 90. - © Amina Vieth
Behandlung: Für die Dekontamination tragen die Soldaten der ABC-Abwehr Vollgummianzüge. Oben vom Kran, der bis zu 20 Meter in die Höhe fahren kann, wird die Lösung auf dem Schützenpanzer Marder verteilt. Neben dem Panzer steht der TEP 90. | © Amina Vieth

Altengrabow/Höxter Höxteraner Soldaten auf dem Truppenübungsplatz: Der Kampf gegen ABC-Waffen

Truppenübung (3): Wo Kampfstoffe eingesetzt werden, ist die ABC-Abwehr zur Stelle. Aufspüren, Analyse und Dekontamination gehören zu den Aufgaben der Höxteraner Soldaten und auch zu den Übungen auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow

Amina Vieth

Altengrabow/Höxter. Die Höxteraner Soldaten sind Spezialisten für die ABC-Abwehr. Dazu gehört auch das Aufspüren und analysieren von Kampfstoffen sowie die Dekontamination von Fahrzeugen, Materialen und Personen. Trainiert wird das auch auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow. Mit dabei waren auch Soldaten des Panzergrenadierbataillons 401 in Hagelow bei Schwerin. Sie nutzten die Übung zur Fortbildung und hatten für den Praxisteil ihren Schützenpanzer Marder dabei. Es ist ein verantwortungsvoller Job, den die ABC-isten ausführen. Die Kameraden sind auf die Sorgfalt der Spezialtruppe angewiesen, wenn das Leben durch Kampfstoffe bedroht wird. Wurden Kampfstoffe ausgebracht, wird die ABC-Abwehr alarmiert. Sie rückt mit dem Spürpanzer Fuchs aus, der sich durch das ABC-Heck sowie Messgeräte für atomare und chemische Kampfstoffe auszeichnet. Besetzt ist der Panzer mit vier Soldaten: Fahrer, Kommandant und Spürer eins und Spürer zwei. Der kontaminierte Bereich wird mit Markierungsbojen gekennzeichnet. Wichtig ist, den Kampfstoff zu kennen, um das richtige Gegenmittel einzusetzen. Dafür ist eine Analyse notwendig. Zwei am Heck des Spürpanzers angebrachte Spürräder rollen über den Boden, um Rückstände des Kampfstoffes aufzunehmen, die dann mittels einer Sonde von den Rädern aufgenommen werden. Dabei ist Handarbeit gefragt. Denn die Sonde muss manuell aus dem Panzer heraus- und reingeschoben werden. »In der Datenbank sind bekannte Kampfstoffe gespeichert« Ist die erste Probe genommen, wird das Rad ein Stück weitergedreht, um sicherzugehen und weitere Proben zu nehmen. Dafür muss einer der Spürer sich auf den Boden im Heck des Panzers legen und seinen Arm tief in einen Handschuh aus Spezialgummi stecken, womit er Bereiche außerhalb des Panzers erreicht. Durch ein kleines Fenster kann der Spürer nach draußen schauen. „Wenn der Arm draußen ist, ist die Sonde drin. Denn sie ist so heiß, dass der Handschuh bei Kontakt beschädigt werden würde", erklärt Hauptfeldwebel Sabrina Ziemann. Sie ist ABC-Aufklärungsfeldwebel und Kommandant des Fuchses. Sollte ein Handschuh defekt sein, werde er ausgetauscht. Ersatz ist immer dabei. Es können auch Bodenproben genommen werden, ebenfalls mit Hilfe des Handschuhs. „Für eine Probe werden fünf Becher befüllt", so Ziemann. Mit einer Zange werden die Proben in die Becher befördert, insofern es sich beispielsweise um Erde handelt. Bei einer befestigten Straße wird die Sonde auf den Untergrund gehalten. Die einzelnen Becher kommen dann in die dafür vorgesehen Rohre am ABC-Heck des Panzers. Auch das wird manuell vom Spürer mit dem Handschuh erledigt. Im Panzer wird dann analysiert, um welchen Kampfstoff es sich handelt. „Wir haben eine Datenbank, in der die bekannten Kampfstoffe gespeichert sind. Sollte es sich um einen unbekannten Kampfstoff handeln, werden die Werte gespeichert", berichtet Hauptfeldwebel Ziemann. Neue Kampfstoffe gebe es aber nur selten. „Es wird häufig auf Altbewährtes zurückgegriffen, weil die Wirkung bekannt ist." Ist der Kampfstoff bestimmt, geht es für die kontaminierten Fahrzeuge und Personen zur Dekontamination. »Verletzte müssen sofort zu den Sanitätern«  Diese wird an einem geeigneten Platz nach Möglichkeit in der Nähe des kontaminierten Bereichs aufgebaut. Sowohl Fahrzeuge als auch Material und Personen können hier dekontaminiert werden. „Verletzte Personen müssen aber sofort zu den Sanitätern", erklärt Oberleutnant Sven Nitsche, Dekon-Zugführer. Für die Übung dient der Marder der Panzergrenadiere aus Hagelow als zu dekontaminierendes Fahrzeug. Langsam rollt der Kettenpanzer auf den sogenannten Meldekopf, wo ihn bereits ein Soldat im Overgarment – ein Vollkörperanzug der vor Kontamination schützen soll – und Schutzmaske erwartet. Die Kommunikation fällt unter der Maske schwer, die Befehle klingen nach gedämpften Schreien. Der Panzerfahrer kann dennoch eindeutig hören, was er zu tun hat. „Es ist wichtig, dass sie wissen, wie sie sich verhalten sollen und was zu tun ist", betont Nitsche. Vom Meldekopf geht es weiter zu Soldaten im Zodiac, ein Vollgummianzug, die bereits Wasserspritzen bereithalten. Bevor es zur Fahrzeugbehandlung geht, muss erst der grobe Schmutz vom Panzer entfernt werden. Auch Taschen, Tarnnetze oder andere lose Gegenstände müssen vom Fahrzeug entfernt und entsorgt werden. Der Verlust werde in Kauf genommen. „Nur hochwertiges Gerät oder Ausrüstung werden dekontaminiert", so Nitsche. Bis zu drei Stunden im Vollgummianzug Dann geht es zum Truppenentseuchungsplatz TEP 90, ein Laster mit Modulen für die Dekontamination. Einige Soldaten stehen im Zodiac unten, einer schwebt in einem Krankorb in rund 20 Metern Höhe. Als der Marder seine Position erreicht, spritzt der Soldat von oben die Lösung zur Bekämpfung des Kampfstoffes auf den Panzer. Auch die Ketten, Seitenfächer, jeder Winkel des Fahrzeugs wird mit der Lösung, die dann einige Minuten einwirken muss, behandelt. Eigentlich müssten die ABC-isten jedes Fahrzeug kennen, um zu wissen, worauf bei der Dekontamination zu achten ist. Das sei aber nicht möglich, so Nitsche. „Deswegen ist es wichtig, eng mit der Truppe, die zur Dekontaminierung kommt, zusammenzuarbeiten." Vier Fahrzeuge könnten pro Stunde dekontaminiert werden, abhängig von Größe und Kampfstoff, so Nitsche. Die Soldaten müssen bis zu drei Stunden im Vollgummianzug Zodiac aushalten können. Gerade bei höheren Temperaturen sei das eine Herausforderung, da der Anzug nicht atmungsaktiv ist. Die Soldaten müssen aber nicht ihre normale Uniform darunter tragen. „Einige Tragen lange, andere kurze Sachen darunter", berichtet Nitsche. Man steige aber nicht nackt in den Anzug. Für die Dekontamination von Innenräumen gibt es das sogenannte Dekon-Shuttle, das ähnlich wie ein Nasssauger funktioniert. Gegenseitige Hilfe beim Ausziehen Für kontaminierte Personen gibt es eine Art Dekontaminationsstraße mit mehreren Stationen. Diese müssen auch die ABC-isten im Overgarment durchlaufen. Als Erstes werden die Gummischuhe, welche über die eigentlichen Schuhe gestreift werden, im Wasserbecken gereinigt. Am nächsten Punkt legen die Soldaten Waffen und Ausrüstung ab. Dann müssen sie aus den Anzügen heraus, dabei unterstützen sich die Kameraden gegenseitig. Beispielsweise beim Ausziehen des Oberteils, welches über den Kopf gezogen wird. Die Maske darf dabei nicht verrutschen, auch die Handschuhe müssen vorerst anbleiben. Nackte Haut darf nicht mit der kontaminierten Oberfläche in Kontakt kommen. Sind die Kleidungsstücke abgelegt, wird von einem anderen Soldaten die Maske entfernt, dabei muss der Maskenträger die Luft anhalten. Letztlich geht es in die Dekontaminationsdusche, danach gibt es frische Kleidung und es geht für den Soldaten in den sogenannten Weißen Bereich.

realisiert durch evolver group