Getarnt: Die Soldaten dürfen nicht entdeckt werden. Sie suchen Deckung in der Natur oder hinter Häusern. - © Amina Vieth
Getarnt: Die Soldaten dürfen nicht entdeckt werden. Sie suchen Deckung in der Natur oder hinter Häusern. | © Amina Vieth

Altengrabow/Höxter Gefechtsschießen: Höxteraner Soldaten üben Taktik, Tarnung und Teamarbeit

Truppenübung (2): Um für die Bündnisverteidigung gewappnet zu sein, üben die Soldaten aus des ABC-Abwehrbataillons auf dem Platz in Altengrabow das Gefechtsschießen am Tag und in der Nacht. Es geht aber auch darum, im Ernstfall auf Menschen schießen zu können

Amina Vieth

Altengrabow/Höxter. Leise gleiten die Soldaten über den Boden, den Blick nach vorn gerichtet. Unter den Helmen, mit Brillen und Tarnfarbe im Gesicht, ist nicht mehr zu erkennen, wer genau dort in Stellung gegangen ist. Die Gewehre im Anschlag, jederzeit bereit zum Schießen. Eine Notwendigkeit für die Männer und Frauen, denn der Feind könnte jede Sekunde vor ihnen stehen oder das Feuer eröffnen. Das Gefecht ist unausweichlich. Um für den Ernstfall vorbereitet zu sein, übt das ABC-Abwehrbataillon 7 aus Höxter auf dem Truppenübungsplatz in Altengrabow das Gefechtsschießen am Tage und in der Nacht. Denn der neue Auftrag für die Soldaten lautet Bündnisverteidigung. Die Soldaten müssen bereit sein, mit ihrem Leben zu verteidigen und im schlimmsten Fall auch Leben zu nehmen. Sicherheit und Stabilisierung stehen bei den Einsätzen in Afghanistan und im Kosovo im Vordergrund. Das trainieren die Soldaten bereits seit Jahren. Auch psychisch eine neue Situation,ein sensibles Thema Die noch neue Situation, Verteidigung der NATO-Bündnispartner, verlangt den Frauen und Männer vieles ab. „Es ist sehr unterschiedlich zu dem, was wir vorher gemacht haben", sagt Leutnant Philipp Brachwitz, der erst wenige Tage vor Übungsbeginn vom viermonatigen Afghanistan-Einsatz zurückkehrte. „Dort wollten wir gesehen werden. Hier ist es umgekehrt, wir versuchen uns zu verstecken, tarnen alles ab und bauen auch Tarngaragen." Die Umstellung sei nicht einfach für die Soldaten. „Wir müssen es schaffen, dass die Soldaten einen Hebel umlegen, von Stabilisierung auf Bündnisverteidigung", betont Marc Michalek, Kommandeur des ABC-Abwehrbataillons 7. Es müsse verinnerlicht werden, was in welchem Fall zu tun ist und sofort abrufbar sein. Denn es geht auf dem Platz in Sachsen-Anhalt auch um Kämpfe und Gefechte, die mit dem Verteidigungsfall einhergehen. Auch psychisch ist das eine neue Situation für die Soldaten. „Es ist ein sensibles Thema", sagt Oberleutnant Ingrid Radtke, Zugführerin eines Dekontaminationszuges. Sie ist für einen Auslandseinsatz in Afghanistan zum Jahresende vorgesehen. „Wir müssen den Soldaten klarmachen, dass, wenn sie rausgehen, unter Umständen nicht alle von ihnen zurückkommen. Das kann man ihnen sagen, auch üben. Aber man kann nicht greifbar machen, wie es dann wirklich sein wird. Man kann sie nur bestmöglichst darauf vorbereiten und ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist, im Gefecht zu stehen." Ein Teil der Gruppe bewegt sich, der andere sichert Das Gefecht, wenn auch ohne feindlichen Beschuss, proben die Soldaten auf den Schießbahnen. In kleinen Gruppen sind sie unterwegs. Das Szenario: Die Soldaten sind im Gelände und wollen noch weiter nach vorn. Es soll ein Feldposten eingerichtet werden, von wo aus das Gelände überwacht werden soll. Doch die Soldaten treffen auf einen feindlichen Spähtrupp, der bekämpft werden muss. Es geht hierbei darum, das taktische Verhalten zu üben. Der Gruppenführer gibt die Befehle. Ein Teil der Gruppe bewegt sich vorwärts, ein anderer sichert. Die Frauen und Männer sind zu Fuß unterwegs, suchen Schutz hinter Büschen und Erhöhungen, hinter allem, was die Umgebung bietet. Es gibt verbale und nonverbale Absprachen. Die Deckung darf aber nicht aufgegeben werden. Nur langsam bewegen sich die Soldaten fort. Denn sie sind auf offenem Gelände. Schnell stehen sie auf dem Präsentierteller und werden zu Zielscheiben für den Feind. „Querbewegungen sollten in diesem Fall vermieden werden", erklärt Major Sven Hörmann, Chef der 4. Kompanie. Er beobachtet seine Frauen und Männer genau, welche Befehle der Gruppenführer gibt, wie die Soldaten sie ausführen. Auf Kommando laufen einzelne Soldaten los zu einem Haus. Wieder ein Stück weiter geschafft, aber der Rest der Gruppe muss noch folgen. Zwischendurch fallen immer wieder Schüsse, wenn wie aus dem Nichts der Feind auftaucht. Es sind Klappfallscheiben, die den Gegner simulieren. Um das Gefecht möglichst echt darzustellen, wird mit scharfer Munition geschossen. Ziel ist es, den Gegner kampfunfähig machen Sowohl auf Distanz mit dem G36 als auch aus der Nähe bei nur 30 bis drei Meter Entfernung mit der P8 müssen die Schüsse sitzen. Das Handwerkzeug dafür vermittelt Hauptfeldwebel Ingo Pecjak, er ist einer der Lehrer für das neue Schießausbildungskonzept, kurz: NeuSak. Es gibt ein klares Protokoll für den Ablauf. Angefangen bei der Stellung mit gebeugten Knien, „damit man ein kleines Angriffsziel ist". Die Waffe aus dem Holster, aber den Finger noch nicht am Abzug. Der Soldat fixiert seinen Blick auf eine Scheibe, drei Zonen des Körpers sind abgebildet: Alpha (Kopf), Bravo (Körper) und Charlie (Leistenregion). Ziel sei es, den Gegner kampfunfähig zu machen. Es soll zuerst in den Körper geschossen werden. Wenn das erfolglos bleibt, soll beim zweiten Mal auf den Kopf gezielt werden. Doch ist man bereit, auf einen Menschen zu schießen? „Das hat auch mich am Anfang beschäftigt", sagt Radtke. „Aber wer da Hemmungen hat, ist hier falsch. Entweder er oder meine Kameraden und ich, das ist alles, worum es dann geht." Das gehe nicht spurlos an einem vorbei, aber man müsse ausschalten, an sich und seine Kameraden denken. Man verlasse sich aufeinander. In der Übung fallen die Scheiben nach einem Treffer um. Wo genau der Soldat getroffen hat, ist auf die Distanz nicht zu erkennen. Beim Nahbereichsschießen wertet Hauptfeldwebel Pecjak die Treffer aus und erläutert den Soldaten, was gut war und was noch verbessert werden muss. Im Gelände versuchen die Soldaten noch immer, vorzurücken. Doch die Lichtung vor ihnen macht einen Raumgewinn nahezu unmöglich. Weder Bäume, Häuser oder Hügel könnten Schutz bieten. Per Funk wird Hilfe angefordert. Schon kurz darauf nähert sich ein Fuchs. Hinter dem gepanzerten Fahrzeug können sie geschützt das Feld überqueren. Auf dem Panzer ist ein Schütze am Maschinengewehr positioniert und hat das Gelände im Blick. Das Gefechtsschießen vom Tage findet seine Fortsetzung in der Nacht. Doch es findet keine Bewegung mehr auf dem Feld statt. Die Soldaten haben sich hinter Resten einer Mauer verschanzt, es folgt ein Stellungsgefecht. Der Feind ist nicht zu erkennen. Es sind hin und wieder Geräusche von Fahrzeugen und Hubschraubern in der Nähe zu hören, die ebenso wie Gefechtsgeräusche eingespielt werden, um das Szenario realistischer wirken zu lassen. »Wir sind hier, um Fehler zu machen« Am Arm tragen die Soldaten kleine Lichter, damit sie sich auch in tiefster Dunkelheit noch gegenseitig erkennen können. Alle anderen Lichtquellen sind verboten. Alles, was an Fahrzeugen im Einsatz ist, muss auch tagsüber abgetarnt sein, damit es keine Reflexionen gibt. Der Knall einer Granate, die vor der Stellung der Soldaten landet, erschüttert die Körper. Es ist keine echte Granate, aber die Soldaten sollen ein Gefühl dafür bekommen. Die Kommunikation in der Gruppe läuft über die Stimme, mit anderen Gruppen über Funk. Da auch der Feind in der Dunkelheit nicht zu erkennen ist, gibt der Gruppenführer das Signal zum Ausleuchten. Ein Soldat feuert die Signalpistole ab, für einen kurzen Moment ist es nahezu taghell und der Feind klar zu erkennen. Die Stille der Nacht und die Dunkelheit werden zerschnitten von den Schüssen. Nur wenige Sekunden bleiben bei Licht, um auf den Feind zu schießen. Auch der Schütze am Maschinengewehr des Fuchses ist im Einsatz. Erneut erhält der Soldat mit der Signalpistole den Befehl, das Feld zu erhellen. Das Gefecht geht weiter. Später bei der Auswertung wird der Ausbilder monieren, dass es kein flankierendes Leuchtfeuer gab. Werden Signalpistolen von beiden Seiten abgefeuert, werde das Feld – und damit der Feind – komplett ausgeleuchtet. „Aber es gilt trotzdem bei Leuchtfeuer: So viel wie nötig, aber so wenig wie möglich. Denn der Feind kann auch Sie dann auskundschaften", betont der Ausbilder. „Wir sind hier, um Fehler zu machen und daraus zu lernen. Solange dabei keiner zu Schaden kommt, ist alles in Ordnung", betont Kommandeur Michalek. Deswegen gebe es mehrere Durchgänge für die Soldaten. Insgesamt zeigt sich Kommandeur Michalek mit den Schießen aber zufrieden. »Ein Zusammenhalt, den es im Zivilen so vermutlich nicht gibt« Nach Mitternacht kehren die Soldaten zurück zu ihren Unterkünften. Einige setzen sich noch zusammen, lassen den Tag ausklingen. Auch wenn die Frauen und Männer gestresst sind und wenig Schlaf bekommen, ist die Stimmung ausgelassen. „Übungen fördern den Zusammenhalt", betont Oberleutnant Ingrid Radtke. Das sei enorm wichtig für die Truppe, zumal die Gemeinschaft seit der Modernisierung der Unterkünfte in Kasernen, weg von der Mehrbettstube zu Einzel- oder Doppelzimmern, etwas verloren gehe. Der Zusammenhalt in der Truppe ist es, was Ingrid Radtke und Philipp Brachwitz am Soldatenleben begeistert. „Das kennt man im Zivilen so vermutlich nicht", so Radtke. Und wie wichtig die Übungen sind, sei Brachwitz im Einsatz bewusstgeworden. Denn sie bereiten gut darauf vor, was einen erwartet. „Auch wenn die persönlichen Umstände, dass man mit anderen Soldaten über Monate hinweg auf engstem Raum zusammenarbeiten muss, das Verhalten von anderen Kräften im Raum nicht simulieren kann."

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