Liebevolle Betreuung: Oberschwester Verena Griechen spricht mit Bewohnerin Sigrid Lücht. - © dpa
Liebevolle Betreuung: Oberschwester Verena Griechen spricht mit Bewohnerin Sigrid Lücht. | © dpa

Kreis Höxter Bedarf an ambulanter Pflege steigt

Experten warnen vor Vereinsamung im Alter

David Schellenberg

Kreis Höxter. Es ist das Zukunftsthema des Kreises Höxter: Wie bereiten sich die hier lebenden Menschen und die Verwaltung auf die immer älter werdende Bevölkerung und den damit einhergehenden Pflegebedarf vor? Um konkret Handeln zu können, wollten die Kreistagspolitiker erst einmal den aktuellen Stand zu den Angeboten der ambulanten und stationären Pflege wissen. Jetzt hat die Kreisverwaltung die Zahlen im ersten Pflegebericht für den Kreis Höxter auf den Tisch gelegt. Sie zeigen: An vielen Stellen gibt es dringenden Handlungsbedarf. Die große Bedeutung des Themas macht Landrat Friedhelm Spieker schon im Vorwort deutlich: "Schon heute ist jeder fünfte Bewohner des Kreises Höxter älter als 65 Jahre." Tendenz steigend. Aktuelle Zahlen Mit dem Alter steigt der Pflegebedarf: Insgesamt gab es 2013 im Kreis Höxter 5.479 Pflegebedürftige - die derzeit aktuellste verfügbare Zahl. Von ihnen wurden 1.322 in vollstationären Einrichtungen betreut und weitere 1.613 vor allem vom Pflegedienst zu Hause versorgt. Der größte Anteil der Pflegebedürftigen im Kreis Höxter, 2.544, wurden allein von Angehörigen betreut. NRW-weit, so zeigt eine weitere Studie aus dem Jahr 2011, ist der Kreis Höxter in der ambulanten Versorgung zu pflegender Menschen sogar Spitzenreiter. Auch der Bericht der Kreisverwaltung bescheinigt der Bevölkerung "ein vergleichsweise hohes Selbsthilfepotenzial". Ambulante Pflege Zugleich warnt die Verwaltung, dass sich diese Situation in den nächsten Jahren deutlich ändern wird, weil die jüngeren Angehörigen seltener in der Nähe wohnen. Dennoch will die Kreisverwaltung den Vorrang der ambulanten vor der stationären Pflege stärken und optimieren, denn fast alle Pflegebedürftigen wollen so lange wie möglich zu Hause versorgt werden. "Hieraus resultiert eine vermehrte Inanspruchnahme ambulanter Leistungen. Daher sollte vermehrt die Gründung von ambulanten und teilstationären Diensten unterstützt werden. Aber auch Angebote im Bereich der Freizeitgestaltung und Hilfestellungen im Alltag für Ältere müssen Beachtung finden, da nicht alle Älteren pflegebedürftig sind", heißt es im Pflegebericht. Prognose Für die Prognose bis 2030 hat das Statistische Landesamt zwei Varianten entwickelt - eine konstante Fortschreibung der Entwicklung und eine Trendvariante. Während bei Letzterer die Zahl der Pflegebedürftigen in 15 Jahren annähernd gleich bleiben soll, geht die konstante Entwicklung von etwa 6.300 Pflegebedürftigen aus. Die Kreisverwaltung rechnet mit der höheren Zahl zu Pflegender, wobei sie in ihrem Bericht zugleich darauf verweist, dass sie mit einem Rückgang der Pflegebedürftigen der Stufe eins um etwa vier Prozent erwartet. Stationäre Pflege Zum Stichtag 31. Dezember 2015 waren im Kreis Höxter 23 Senioren- und Pflegeeinrichtungen mit 1.562 Betten vorhanden, von denen durchschnittlich 1.356 belegt waren. Die Auslastung der Heime sei auch in den vergangenen Jahren nie über 90 Prozent gestiegen. Fast 74 Prozent der Bewohner waren weiblich, so die Statistik. Der Anteil der Menschen mit der höchsten Pflegestufe in stationären Einrichtungen ist in den vergangenen fünf Jahren deutlich auf über 20 Prozent gestiegen. Übrigens: Während Ende 2014 233 Menschen aus anderen Kreisen zwischen Steinheim und Warburg betreut worden sind, waren umgekehrt nur 83 Personen aus dem Kreis Höxter in Einrichtungen außerhalb der Region untergebracht. Laut Prognose des Kreises wird der Bedarf an stationären Pflegeeinrichtungen in den kommenden Jahren nicht das Angebot übersteigen, obwohl die Zahl der Betten ab 2018 aufgrund neuer Vorschriften auf 1.555 sinken wird. Eine volle Auslastung hat die Verwaltung für 2022 errechnet, gleichwohl weist sie darauf hin, dass künftige Entwicklungen schwer zu prognostizieren seien. Neubauten seien nicht nötig. Polizische Debatte Der 120-seitige Pflegebericht wird auf Kreisebene am Donnerstag, 3. März, im Ausschuss für Familie, Gesundheit und Soziales und im April im Kreisausschuss sowie Kreistag in öffentlicher Sitzung besprochen. Landrat Friedhelm Spieker hofft auf ein großes Interesse: "Um die in dem Pflegebericht herausgestellten Handlungsempfehlungen zu realisieren, bedarf es des Zusammenwirkens und der Beteiligung aller gesellschaftlichen Gruppen und relevanten Akteure. Für die Gestaltung unserer Zukunft sind wir alle gefordert", schreibt er im Vorwort. Mobilität und Versorgung Durch seine Größe und die 124 teils sehr kleinen Ortschaften ist eine flächendeckende Versorgung älterer Menschen schwierig, ebenso wie deren Teilhabe am öffentlichen Leben. Ihnen droht die Vereinsamung. „Eine Option zur Steigerung der Mobilität sind Ruf- oder Shuttlebusse. Besonders zu Veranstaltungen, die an Wochenenden stattfinden, fehlt Älteren die Möglichkeit an ihnen teilzunehmen. Aber auch im normalen Alltag sind Fahrdienste notwendig, um Menschen beispielsweise zum Arzt zu fahren", heißt es im Pflegebericht. Neben einem Hausärztemangel, der mittelfristig eintreten wird, rechnet die Verwaltung bis 2030 mit einem Mangel von 945 Vollzeitstellen an Pflegekräften. Schon jetzt sei das Problem akut: Allein im April 2015 gab es im Kreis 29 unbesetzte Fachkraftstellen im Bereich Gesundheits- und Krankenpflege und 27 freie Stellen in der Altenpflege. Aber: Nur 3,6 Prozent der Schulabgänger nahmen 2014 eine Pflegeausbildung auf. „Dies ist im Vergleich mit den anderen Kreisen und kreisfreien Städten im Regierungsbezirk Detmold der niedrigste Wert", mahnt die Kreisverwaltung.

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