Ausgerechnet: Martin Schoppmeier stellt Leistungen des Arbeitslosengelds II vor, im Volksmund meist Hartz IV genannt. - © FOTO: MELANIE WIGGER
Ausgerechnet: Martin Schoppmeier stellt Leistungen des Arbeitslosengelds II vor, im Volksmund meist Hartz IV genannt. | © FOTO: MELANIE WIGGER

Höxter "Arbeit am sozialen Frieden"

INTERVIEW: Geschäftsführer des Jobcenters über die Einflüsse durch Hartz IV

Melanie Wigger

Höxter. Hartz IV - zehn Jahre Lebenshilfe und Unwort: Martin Schoppmeier, Geschäftsführer des Jobcenters Höxter, verwendet diesen Begriff nur ungern. "Der Begriff wird zu negativ bewertet", sagt er über die Grundsicherung nach dem SGB II (Sozialgesetzbuch II). Was er über die finanzielle Hilfe vom Staat denkt und was das System im Kreis Höxter bewirkte, erklärt er im Gespräch mit NW-Volontärin Melanie Wigger. Herr Schoppmeier, zehn Jahre Hartz IV - hat sich das System bewährt? MARTIN SCHOPPMEIER: Ja. 2005 wurden Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zur Grundsicherung für Arbeitsuchende zusammengelegt. Die Arbeitslosigkeit sank seitdem erheblich - von 4,9 Millionen auf 2,9 Millionen. Das gilt ebenso für die Bezieher der Grundsicherung (Anmerkung der Redaktion: gemeint sind Hartz-IV-Empfänger) - von 2,8 Millionen auf 1,9 Millionen. Unsere Arbeitslosenzahlen, besonders die der Jugendlichen, gehören zu den niedrigsten in Europa. Zu keiner Zeit wurden in Deutschland mehr finanzielle Mittel und Personalressourcen für die Beratung und Qualifizierung von Arbeitslosen ausgegeben, als in den vergangenen zehn Jahren. In den Medien wird der Ausdruck 'Hartz IV' oft negativ verwendet. Wie erklären Sie sich das? SCHOPPMEIER: Leider werden seltene Einzelfälle verallgemeinert und negative Ereignisse ausgebreitet, während positive Ereignisse selten oder nur am Rande erwähnt werden. Ich erwarte von der Presse auch positive Berichterstattung, aber Medien brauchen Schlagzeilen - und schlechte Nachrichten verkaufen sich besser. Das Vor- oder Nachmittagsprogramm einzelner Fernsehsender verstärkt leider das falsche Bild. Man spricht von ?Hartz-IV-TV? und sieht darunter Themen wie Scheidungen und Kämpfe mit Anwälten oder Behörden. 2006 waren im Kreis Höxter 6.516 Menschen arbeitslos gemeldet, 2014 waren es 3.988. Bewirkten Landflucht und Bevölkerungsschrumpfen diesen Rückgang? SCHOPPMEIER: Ich glaube nicht, dass die Landflucht die wesentliche Rolle gespielt hat. Sicherlich ist die Einwohnerzahl zurückgegangen. Es gab aber auch eine positive wirtschaftliche Entwicklung im Kreis. So ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von rund 39.500 im Oktober 2005 auf über 43.000 im Oktober 2014 gestiegen. Daneben pendeln viele zu Arbeitsstätten in die Regionen Paderborn, Lippe und Kassel. Menschen aus Höxter sind mobil. Im Dezember 2014 wurden 1.293 Langzeitarbeitslose im Kreis Höxter registriert. Welche beruflichen Chancen haben diese Menschen? SCHOPPMEIER: Die Perspektiven sind gut. Selbstverständlich haben es Menschen, die lange arbeitslos sind, schwerer, beruflich wieder Fuß zu fassen. Bei einer positiven Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt profitieren zuerst die Menschen mit einer guten Qualifikation und einer geringeren Dauer der Arbeitslosigkeit. Aufgrund der demografischen Entwicklung und des Bedarfes an Fachkräften sehe ich aber auch für Langzeitarbeitslose im Kreis Höxter gute Chancen. Dabei ist es wichtig, flexibel und offen für neue Arbeitsbereiche zu sein. Vor welchen Herausforderungen und Konflikten stehen ihre Mitarbeiter? Haben Sie manchmal Angst? SCHOPPMEIER: Angst darf man bei uns nicht haben. Unsere Mitarbeiter benötigen bei ihrer Arbeit rechtliche, pädagogische und soziale Fähigkeiten. Ich bin seit 2005 im Jobcenter und erlebe hochengagierte Kollegen, die mit Menschen aus vielen Kulturkreisen zusammenarbeiten. Die Mehrheit, die zu uns kommt, ist motiviert und sucht schon längere Zeit nach Arbeit. Das Klischee vom Arbeitslosen, der nicht arbeiten möchte, ist die Ausnahme. Ich glaube, dass unsere Mitarbeiter am sozialen Frieden arbeiten. Trotzdem wird ihre Arbeit in den Medien sehr oft negativ dargestellt. Dabei können sie für viele Probleme nichts. Leider haben sich die gesetzlichen Vorschriften zu einem Bürokratiewald entwickelt. Verursacht wurde dieser durch den Einzelfallgerechtigkeitswahn der deutschen Gesellschaft. Dies zeigen die mittlerweile über 70 Gesetzesänderungen. Was wünschen Sie sich für die Zukunft? SCHOPPMEIER: Die gesetzlichen Regeln müssen einfacher und weniger werden. So könnte der Verwaltungsaufwand reduziert werden, um die Qualifizierung, Betreuung und Vermittlung weiter zu stärken.

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