Feuer und Flamme für alte Vespas: Pädagogische Betreuerin Angelika Willeke (v. l.), Assistentin Lisa Sachse und Schüler Melvin geben alles, um "Brandy" wieder flott zu machen. - © Saskia Jochheim
Feuer und Flamme für alte Vespas: Pädagogische Betreuerin Angelika Willeke (v. l.), Assistentin Lisa Sachse und Schüler Melvin geben alles, um "Brandy" wieder flott zu machen. | © Saskia Jochheim

Natzungen Durch ein Jugendprojekt soll der Spaß am Lernen neu entdeckt werden

Saskia Jochheim

Natzungen. Teamwork und Grenzüberwindung zwischen Jugendlichen, außerdem die Stärkung des Glaubens an die eigenen Fähigkeiten - das hat Sprachwissenschaftler Thomas Küster seinem aktuellen Projekt auf die Fahne geschrieben. Umgesetzt werden diese Ziele mit ein paar schrottreifen Vespa-Rollern, vielen Stunden in der Werkstatt und der Aussicht auf einen am Ende frisch restaurierten, fahrbaren Untersatz. "Schau mal, so musst du die Ratsche ansetzen", leitet Küster seine Assistentin Lisa Sachse an. Der Wissenschaftler ist in seiner Freizeit bekennender Hobby-Schrauber. Lisa steckt gerade mit rotem Kopf und schwarz-verschmierten Händen im Motorraum einer PKXL 2 Schalt-Vespa. Von dem Schrauber-Grüppchen wurde das Gefährt nach dem ersten, imposanten Startversuch auf den denkwürdigen Namen "Brandy" getauft. Der Roller wurde auf den Namen Brandy getauft, weil er beim ersten Anwerfen Feuer gefangen hat "Nach 20 Jahren Scheunen-Dasein haben wir sie gerettet, wollten sie starten und schon stand sie lichterloh in Flammen", erklärt Küsters den Hintergrund des Vespa-Namens. "Da hatte wohl jemand den Bowden-Zug unter dem Kabelbaum verlegt, zack kam es zu Kurzschluss und Kabelbrand", resümiert der Vespa-Liebhaber und Leiter des Restaurierungs-Projektes. Jetzt steht "Brandy" neben einer weiteren Vespa in einem der Klassenräume der alten Schule und macht einen ziemlich traurigen Eindruck. Sie wird nämlich zurzeit von den jungen Hobby-Schraubern im Projekt Schritt für Schritt in ihre Einzelteile zerlegt, einmal generalüberholt, schließlich wieder zusammengesetzt und zu neuem Leben erweckt. "Brandy" und ihre Kollegin, eine Automatik-Vespa, spielen die Hauptrollen in einem Projekt des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). "Im Vordergrund steht das Fördern von Teamwork. Außerdem lernen die Jugendlichen durch das gemeinsame Arbeiten, eventuelle Vorurteile abzubauen und setzen ihre Energie für eine sinnvolle Sache ein", erklärt Thomas Küster die Grundidee des Projektes. Herzlich willkommen seien auch junge Asylbewerber. "Wir möchten sie dabei unterstützen, sich in die Dorfgemeinschaft einzugliedern, Fuß zu fassen und ihnen auf diesem Weg zu mehr Mobilität verhelfen", sagt er. Die Jugendlichen sollen durch die gemeinsame praktische Arbeit an den Rollern zudem erkennen, dass das, was sie in der Schule lernen, später im Beruf praktisch anzuwenden ist. "Mathe kann man zum Beispiel gut für das Mischungsverhältnis von Lack gebrauchen oder für das zwischen Luft und Benzin", erklärt er. Auch auf der theoretischen Seite soll das Projekt die Jugendlichen unterstützen: "Wir üben zum Beispiel, wie man einen Bericht für das Berichtsheft schreibt und helfen bei Formulierungen ", sagt Küster. Einer, der schon fleißig mitschraubt, ist Melvin. Der 16-Jährige aus Brakel möchte nach der Schule eine Ausbildung zum Lackierer beginnen. "Im Vespa-Projekt habe ich echt schon eine Menge dazugelernt und zu Hause bastele ich auch schon mal mit meinem Vater an Motoren herum", sagt der Schüler. Sind die technischen Mängel behoben, dürfen die Teilnehmer dann mitbestimmen, welche Farben die beiden Vespas bekommen sollen. "Dann wird gemeinsam grundiert, geschliffen und lackiert", erklärt Küster. Das Beste kommt dann am Ende des Restaurations-Projektes: Nach 12 Schrauber-Treffen mit insgesamt 72 Stunden Arbeitszeit wird eine der beiden Vespas unter den Projektteilnehmern verlost. Ob es die Schalt- oder die Automatik-Maschine wird, entscheiden die Jugendlichen gemeinsam. "Wir geben an jedem unserer zwölf Treffen je ein Los pro Teilnehmer aus", erklärt Thomas Küster. "So haben diejenigen mit der meisten Anwesenheit auch die größten Chancen auf den Gewinn" sagt er. Die Übergabe der frisch renovierten Vespa an den glücklichen Gewinner wird im Sommer stattfinden. "Voraussichtlich Ende Juli, Anfang August", überlegt Küster. Da können die warmen Tage des Jahres dann noch gut zum Fahren genutzt werden. Das Projekt richtet sich an Schüler ab 15 Jahren mit schulischen Schwierigkeiten und schlechtem Zeugnis. "Wir wollen mit dem Projekt denen etwas Gutes tun, die eben nicht die Top-Noten haben und ihnen den Spaß am Lernen neu vermitteln", erklärt der Sprachwissenschaftler. Als pädagogische Unterstützung ist Angelika Willeke beim Projekt mit dabei. Sie steht den Jugendlichen mit Rat und Tat zur Seite - und nimmt auch gerne selbst den Schraubenschlüssel in die Hand. "Als Thomas mir erzählte, was er mit den alten Vespas vorhat, war ich sofort dabei", erklärt die gelernte Erzieherin aus Steinheim begeistert. Für ein Fortführen des Vespa-Projektes sucht die alte Schule Natzungen noch Sponsoren: "Wer noch eine alte Vespa herumstehen hat und sie loswerden möchte: Wir kommen gerne vorbei und holen sie ab".

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