In der Ölmühle Solling (Boffzen) waren Canaan-Mitarbeiterin Fida Abdallah (Mitte) und Produzentin Ibtissam Musa zur Besichtigung. Sebastian Baensch (Geschäftsführer der Ölmühle Solling) zeigte die Produktion. - © Vivien Tharun
In der Ölmühle Solling (Boffzen) waren Canaan-Mitarbeiterin Fida Abdallah (Mitte) und Produzentin Ibtissam Musa zur Besichtigung. Sebastian Baensch (Geschäftsführer der Ölmühle Solling) zeigte die Produktion. | © Vivien Tharun

Boffzen Olivenöl aus dem Westjordanland

Der Boffzener Familienbetrieb hat zwei Geschäftsgäste aus der Region Palästina empfangen. Die beiden Frauen repräsentieren Produktion und Vertrieb von fair gehandelten Lebensmitteln

Vivien Tharun

Boffzen. Eine 500-Milliliter-Flasche Olivenöl wäre dort im Handumdrehen leer: „Palästinensische Familien brauchen solche Mengen, das sie es in Kanistern kaufen“, sagt Fida Abdallah. Sie ist bei Canaan Fair Trade leitende Buchhalterin. Zusammen mit Couscousproduzentin Ibtissam Musa ist Abdallah zur Ölmühle Solling in Boffzen gekommen. In der Ölmühle vertiefen sie ihre geschäftlichen und freundschaftlichen Kontakte. Abdallah und Musa kommen aus der palästinensischen Region Westjordanland, dort fördert das Unternehmen Canaan Fair Trade heimische Bio-Bauern und gibt Frauen wie Ibtissam Musa Mikrokredite, um eine Selbstständigkeit aufzubauen. Bei Fair Trade (Deutsch etwa „gerechter Handel“) wird Bauern ein Mindestpreis für ihre Waren garantiert, egal ob die Markpreise gerade sehr viel niedriger sind, oder nicht. Musa produziert nun seit fast zehn Jahren Maftoul (palästinensischen Couscous) und Weizen für Canaan. Durch einen Mikrokredit konnte sie ihrem Mann einen Laden aufbauen, durch den fairen Handel hat sie zudem genug Geld, um ihren Kindern Bildung zu finanzieren. Von ihren sechs Töchtern und zwei Söhnen konnten vier auf die Universität gehen, die zwei jüngsten sind noch in der Schule. „Ich fühle mich selber nun stärker und in der Gesellschaft gut positioniert“, sagt Musa. In ihrem Dorf Dayr Ballout hat sie eine leitende Position. Der Kontakt zwischen dem Großhändler Canaan und der Ölmühle Solling kam über die Nürnberger Messe „Biofach“ zustande. Dort stellen jedes Jahr Bio-Lebensmittelproduzenten aus aller Welt aus. „Vor sieben Jahren haben meine Eltern die Canaan-Produkte dort kennengelernt“, sagt Sebastian Baensch, der Geschäftsführer der Ölmühle Solling. Die Mühleninhaber Gudrun und Werner Baensch waren von den hochwertigen Produkten und dem sozialen Engagement dahinter angetan und begannen eine Kooperation mit Canaan, indem die Mühle das faire Olivenöl vertreibt. Canaan arbeitet mit der Palästinensischen Fair Trade Vereinigung (PFTA) und mehreren Bauern-Kooperativen zusammen. „Die Vertreter der Landwirte sind Mitglieder in unserem Vorstand. So können wir Vermarktung und Bedarf direkt mit ihnen Besprechen. Sie teilen uns im Austausch mit, was ihre Gemeinden gerade brauchen und teilen ihr landwirtschaftliches Wissen mit uns und anderen Mitgliedern“, sagt Abdallah. Die Bauern können zudem über Canaan Stipendien für ihre Kinder beantragen, damit diese eine Ausbildung bekommen. Weil Musa von diesem System selbst so profitiert hat, hat sie inzwischen 21 weitere Frauen in den Fair-Trade-Verbund gebracht. Nun sind diese Frauen ebenfalls Lebensmittelproduzenten. „Mein Leben hat sich durch die Selbstständigkeit um 180 Grad gewendet“, sagt Musa. Der Anbau von Oliven und anderen Lebensmittelpflanzen lohne erst durch den fairen Handel wieder: „Vor zehn Jahren gab es für ein Kilo Olivenöl nur neun Schekel. Das sind ungefähr zwei Euro. Das deckte den Produktionsaufwand nicht“, sagt Abdallah. Nun läge der Preis bei 27 Schekeln, also ungefähr sechs Euro. Canaan vertreibt neben Olivenöl auch Mandeln, Gewürze, Kräutermischungen und Maftoul. Die fair gehandelten Waren werden in asiatische Länder, die USA und Europa exportiert. In Deutschland kooperieren neben der Ölmühle Solling auch der ökologische Verband Naturland und die dwp-Fairhandelsgenossenschaft mit Canaan Fair Trade.

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