Attacke aus der Luft: Ein Eindringling versucht, das brütende Storchenpaar zu vertreiben. Ohne Erfolg. - © Mathias Brüggemann
Attacke aus der Luft: Ein Eindringling versucht, das brütende Storchenpaar zu vertreiben. Ohne Erfolg. | © Mathias Brüggemann

Boffzen Erbitterter Kampf ums Storchennest in Boffzen

Naturschauspiel: Andere Störche greifen brütendes Paar an und wollen es vertreiben. Experte will im Juni Storchennachwuchs beringen. Im Herbst soll eine Nisthilfe am Schornstein angebracht werden

Mathias Brüggemann

Boffzen. Dramatische Szenen spielen sich am alten Schornstein der Georgshütte in Boffzen ab. Ein Storchenpaar versucht, das Nest zu kapern und das dort brütende Storchenpaar zu vertreiben. „Ein Horstkampf", sagt Storchenexperte Bernd-Jürgen Schulz aus Einbeck, der das Geschehen vor Ort mit seinem Spektiv interessiert beobachtet, „das Paar ist auf der Suche nach einer Nistmöglichkeit." Den Angriff kann das brütende Storchenpaar erfolgreich abwehren. Hätten die Eindringlinge den Machtkampf gewonnen, hätten sie nicht nur ihre Rivalen vertrieben, sondern auch die bereits gelegten Eier gnadenlos aus dem Nest geworfen, berichtet Schulz. „Mindestens ein Ei, vermutlich sogar mehrere hat das Paar in das Nest auf dem Schornstein gelegt", hat Ewald Frisch, ehrenamtlicher Weißstorchbeauftragter für den Kreis Höxter, beobachtet. Bei dem Storchenpaar handelt es sich nicht um Georg und Antje Frisch und Schulz sind gemeinsam mit Vertretern des Naturschutzbundes (NABU) vor Ort, um sich über die Situation der beiden Störche in Boffzen zu informieren. Es sind übrigens nicht Georg und Antje, das Storchenpaar der beiden vergangenen Jahre, wie Walter Waske, Vorsitzender des Fördervereins des benachbarten Glasmuseums, betont. Anfangs war man davon ausgegangen, dass Weißstorch Georg, der das Nest im Jahr 2015 gebaut hatte, und in dem betreffenden Jahr und im Folgejahr dort gemeinsam mit Störchin Antje für Nachwuchs gesorgt hatte, abermals zurückgekehrt war. Dass es sich bei den beiden Angreifern womöglich um Georg und Antje gehandelt haben könnte, die einfach nur ihr altes Nest zurückerobern wollten, schließen die Storchexperten aus. Denn die beiden Eindringlinge sind beringt, was bei Georg und Antje nicht der Fall ist. Ringe für den Nachwuchs Ringe soll aber der künftige Nachwuchs des neuen Boffzener Storchenpaares bekommen, um den künftigen Lebensweg der Störche weiter verfolgen zu können. „Eine Art Ausweis", sagt Bernd-Jörg Schulz, der die Beringung vermutlich Mitte Juni in Boffzen vornehmen will. Der 76-Jährige, der auch ehrenamtlicher Mitarbeiter der Vogelwarte Helgoland ist, sorgt für die Beringung von Störchen in den Kreisen Holzminden und Northeim. In Boffzen will er sich mit einem Hubsteiger oder einer Feuerwehr-Drehleiter zum 19 Meter hohen Schornstein heben lassen. „Die Beringung ist dann ganz einfach und dauert nur wenige Minuten", erzählt er. Das Storchenpaar ergreife sofort die Flucht und kreise über dem Horst, die Jungstörche stellten sich tot und fielen in eine Art Starre, so dass er die Storchenküken problemlos ergreifen und den Ring an den Füßen anbringen könne. Auf dem Ring stehen die Buchstaben DE (für Deutschland) und W für Wilhelmshaven, dem Standort des Instituts für Vogelforschung, zu dem die Vogelwarte Helgoland gehört, sowie eine mehrstellige Nummer. In rund drei Jahren werden die Jungstörche geschlechtsreif sein und ihrerseits für Nachwuchs sorgen. Störche können übrigens bis zu 20 Jahre alt werden, „das sind aber Ausnahmen" , sagt Schulz. Es gebe eine hohe Verlustquote bei den Zügen vom und in den Süden. 40 Prozent der Altstörche und 60 Prozent der Jungstörche kämen dabei ums Leben. Entweder sie verunglückten, beispielsweise durch Überlandleitungen, oder sie würden von Jägern getötet. „Sogar bei uns in Europa", sagt Schulz, „hauptsächlich in Spanien und Italien." Nisthilfe für die Störche geplant Wenn im Herbst das Boffzener Storchenpaar und sein Nachwuchs auf Reise in den Süden gehen, dann soll das derzeitige Nest abgebaut werden, teilte Walter Waske mit. In den Schornstein soll eine Nisthilfe aus Stahl eingesetzt werden, damit das neue Nest eine Belüftung hat. Denn die fehle dem jetzigen Nest, das schnell völlig durchnässt sei und nur schwer trockne. „Wahrscheinlich haben die Störche mit Plastikmüll ihr Nest abgedichtet, so dass es kaum trocknen kann", vermutet Storchexperte Schulz. Wenn die Küken geschlüpft seien und es eine längere Regenperiode gebe, bestehe die Gefahr, dass sich die Jungstörche in dem durchnässten Nest eine Lungenentzündung zuziehen und verenden. Außerdem würde das Nest mit der Zeit vermodern. Finanziert werden soll die Nisthilfe aus Spendengeldern. Unter anderem von der Boffzenerin Gerdi Henke. Denn das war der Wunsch ihres 2015 verstorbenen Mannes Volkmar Henke. Als 2015 zum ersten Mal die Störche nach Boffzen kamen, hatte ihr damals schon schwer kranker Mann die Tiere vom Fenster aus beobachtet und viel Freude daran gehabt. Statt Kränze zu seiner Beerdigung wünschte er sich Spenden für die Störche.

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