Auf der Rückbank: Viel Beinfreiheit hatten die Leute, die sich im Armstrong Siddeley Sapphire chauffieren ließen – und eine Panik-Schlaufe, falls sie einmal die Angst packte. Die Heckscheibe ist mit einem Sonnenschutzrollo versehen, das der Fahrer bedienen konnte. - © Manuela Puls
Auf der Rückbank: Viel Beinfreiheit hatten die Leute, die sich im Armstrong Siddeley Sapphire chauffieren ließen – und eine Panik-Schlaufe, falls sie einmal die Angst packte. Die Heckscheibe ist mit einem Sonnenschutzrollo versehen, das der Fahrer bedienen konnte. | © Manuela Puls

Roggenthal Ein Unikat unter den Oldtimern

Weltweit einzigartig: Matthias Hubbert aus Roggenthal hat einen Armstrong Siddeley Sapphire restauriert. Oldtimer der unbekannten britischen Automarke haben Seltenheitswert

Manuela Puls

Roggenthal. In seinem Oldtimer zieht Matthias Hubbert aus Roggenthal alle Blicke auf sich: Ein Rolls Royce? Ein Bentley? Nein, das Gefährt Baujahr 1955 ist ein Armstrong Siddeley Sapphire – und ein ganz seltener noch dazu. Laut Hubberts Recherchen gibt es in Deutschland und weltweit nur eine einzige fahrbereite Automatik-Limousine dieser unbekannten britischen Marke – und die nennt Matthias Hubbert sein eigen. „Dieses Auto ist eben rarer als rar", sagt der Roggenthaler. Auch heute noch wirkt der Wagen äußerst repräsentativ. Vorn steuerte der Chauffeur, hinter Glasscheiben saßen die Herrschaften. „Ich liebe den Geruch dieses alten Leders", sagt Matthias Hubbert, als er auf der Rückbank mit großzügiger Beinfreiheit Platz nimmt. Dort lassen sich sogar noch zwei Extra-Sitze ausklappen, so dass insgesamt acht Menschen mitfahren konnten. Markant ist die Kühlerfigur – eine Sphinx  flankiert von zwei Düsentriebwerken. 2006 hatte Hubbert den Armstrong Siddeley komplett zerlegt bei seinem damaligen Arbeitgeber gefunden – einem Beverunger Industriellen, der Oldtimer sammelte. „Ich wusste anfangs selbst nicht, was das für ein Auto war", erinnert sich Matthias Hubbert. Sein Chef hatte ihm damals die Einzelteile fast geschenkt, und der gelernte Kfz-Mechaniker machte sich an die Restaurierung. "Automobil in der Qualität eines Flugzeuges" Schnell stellte Matthias Hubbert fest, welches automobile Juwel da im drei mal fünf Meter großen Regal schlummerte. Ein Armstrong Siddeley Sapphire – ein relativ unbekannter englischer Wagen. Nur etwa 7.700 Stück waren seinerzeit von dem Unternehmen gebaut worden, das eigentlich Flugzeuge herstellte. „Man warb damals mit dem Slogan: Das Automobil in der Qualität eines Flugzeuges", berichtet Hubbert, der sich intensiv mit der Geschichte der Automarke beschäftigt hat. Üblicherweise wurde der Armstrong Siddeley Sapphire in der Ausführung Saloon gefertigt, nur 381 Stück wurden von der deutlich längeren und höheren Limousine ausgeliefert. Und ganze 40 Exemplare hatten ein Automatik-Getriebe, so wie der Wagen von Matthias Hubbert. „Dieses Auto kostete seinerzeit etwa 2.000 englische Pfund – für 5.000 Pfund gab es damals schon ein großzügiges Herrenhaus", erklärt der Roggenthaler. 1960 stellte Armstrong Siddeley die Produktion ein. Etwa zehn Jahre Arbeit stecken in dem Wagen, der jetzt in der Scheune eines Schlosses untergestellt ist. Matthias Hubbert machte alles selbst und setzte den Armstrong Siddeley Sapphire Stück für Stück wieder zusammen. Am Anfang stand wochenlange Schweißarbeit. „Ich habe sogar den mottenzerfressenen Himmel nachschneidern lassen", erzählt er. Die Elektro-Verkabelung musste komplett erneuert werden. Der Motor wurde aus Flugzeugteilen gebaut Am Motor musste der gelernte Autoschlosser dagegen so gut wie gar nicht machen. „Der ist sofort angesprungen, als hätte der Wagen nur ein paar Tage gestanden", erinnert sich Hubbert. Der Motor wurde eben aus Flugzeugteilen zusammengebaut und ist deswegen extrem langlebig. „Ich kenne Exemplare, die haben 700.000 Kilometer gelaufen und sind immer noch top", schwärmt der Roggenthaler. 2016 war es dann so weit: Anstandslos bestand der Armstrong Siddeley Sapphire die TÜV-Prüfung. „Er lässt sich sehr gut fahren", sagt der Roggenthaler, der beruflich als Außendienstler unterwegs ist. Im Besitz eines Bestatters Als Hubbert den Wagen aus dem Regal holte, waren die Karosserie-Teile schwarz. Er lackierte das Auto bei der Restaurierung aber in den Originalfarben hellgrau und dunkelblau. Als er aber einmal in einem Buch über die britische Automarke blätterte, stellte er fest, warum er später dunkel umlackiert worden war. Zweifelsfrei erkannte er den Oldtimer auf einem historischen Foto wieder – anhand des Kennzeichens. „Damals hatte eine Beerdigungsfirma den Wagen in Gebrauch", fand Matthias Hubbert heraus. Später wurde der Amstrong Siddeley dann nach Nord-Wales, nach Österreich und nach Kassel verkauft, ehe er Anfang der 90er Jahre in Beverungen landete. Treffen der Oldtimer 2018 auf Schloss Gehrden Innen dominiert feinstes Wurzelholz. Das Leder ist immer noch Original – nur die Polster darunter hat Matthias Hubbert erneuert. Die Türen lassen sich von innen mit dicken Kordeln im wahrsten Sinne des Wortes zuziehen. „Interessant sind auch die panic loops, also die Panik-Schlaufen für die Beifahrer", zeigt Matthias Hubbert. Das Sonnenschutz-Rollo im Heckfenster konnte der Chauffeur von vorne hoch- und einfahren. „Und das Ablagefach neben dem Fahrer musste genau die Größe einer Weinflasche haben", zeigt Hubert. Ein weiteres Detail ist auch die hölzerne Werkzeug-Schublade im Kofferraum. Die Hupe des Armstrong Siddeley klingt wie ein Schiffshorn. Der Wagen ist komplett originalgetreu restauriert. „Nur das Warnblinklicht musste ich nachrüsten, das ist bei uns Pflicht", sagt der Oldtimer-Fan. Hubbert nahm Kontakt zu anderen Armstrong Siddeley-Besitzern auf, und holte sich dort Rat oder das eine oder andere Ersatzteil. Inzwischen gehört er der Armstrong Siddeley Group Deutschland an, die sich einmal jährlich zu einer Ausfahrt trifft. Nächsten Sommer wird Matthias Hubbert das Treffen auf Schloss Gehrden ausrichten. Vom 28. Juni bis zum 1. Juli 2018 werden alte englische Luxus-Autos durchs Weserbergland rollen.

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