Die Unglücksstelle: Nachdem die Sirenen aufheulten, kamen die Menschen in Lauenförde und Beverungen (hinten) ans Ufer gelaufen. - © Repro Wegener
Die Unglücksstelle: Nachdem die Sirenen aufheulten, kamen die Menschen in Lauenförde und Beverungen (hinten) ans Ufer gelaufen. | © Repro Wegener

Beverungen/Lauenförde Fährunglück 1946 in Beverungen: Drei Tote und ein Verurteilter

Zwischen April 1945 und Mai 1950 gab es zwischen Beverungen und Lauenförde keine Brückenverbindung. Deutsche Soldaten hatten das Bauwerk auf ihrem Rückzug zerstört. Die alte Fährverbindung musste wieder in Betrieb genommen werden. Am 2. November 1946 Jahren kam es dabei zu einem tödlichen Unfall

Torsten Wegener

Lauenförde/Beverungen. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges ist auch die Brücke zwischen Beverungen und Lauenförde gesprengt worden. Die Alliierten konnten am 7. April 1945 die deutschen Pioniere nicht aufhalten, die mit rund 45 Zentnern Dynamit das Bauwerk komplett zerstörten. So musste die ruhende Fährverbindung zwischen Beverungen und Lauenförde für den Zeitraum vom 14. Dezember 1945 bis zum 14. Mai 1950 wiederbelebt werden. Dabei kam es am 2. November 1946 zu einem Fährunglück, bei dem drei Menschen ums Leben kamen. Da der Ausgangspunkt auf Lauenförder Seite lag, kann im Niedersächsischen Hauptstaatsarchiv Hannover der Polizeibericht zum Unglück und das entsprechende Gerichtsurteil nachgelesen werden. Die gut 16 Meter lange Fähre lief an einem Hochseil und erhielt durch ihre Querstellung zur Strömung die Treibkraft. Sie konnte Personen sowie Kraft- und Lastwagen oder Fuhrwerke gleichzeitig befördern. Die Fähre wurde in zwei Schichten von jeweils zwei Männern von 5 bis 22 Uhr bedient. Auch eine Schülerin starb bei dem Unglück Der Unfall ereignete sich vormittags. Die Weser war an der Verbindung circa 60 Meter breit. Während das Beverunger Ufer eher flach war, legte die Fähre an der Lauenförder Seite an einer steileren Auffahrt an. Am 2. November 1946 wartete dort eine Zugmaschine mit Anhänger, die mit sieben bis zu 14 Meter langen Holzstämmen beladen war. Im Urteilsprotokoll des Landgerichts Göttingen ist der Beginn des Unglücks folgendermaßen beschrieben: "Bevor und während der Lastwagen die Fähre befuhr, hatten sich etwa 30 Fahrgäste auf den Prahm (flache Fähre, Anm. d. Red.) begeben. Als sich die Zugmaschine bereits mit allen Rädern auf der Fähre befand, der Anhänger jedoch noch an Land war, bemerkte der Fährhilfsarbeiter, dass die Fähre sich drehte und seitlich vom Land löste." Auf Zuruf bremste der Fahrzeugführer, wodurch die Fähre jedoch Druck in Richtung Strommitte erhielt. Daraufhin riss das Befestigungsseil und durch den Druck des am Hang stehenden Anhängers trieb die Fähre in Richtung Flussmitte hinaus. Infolge der ungleichmäßigen Belastung neigte sich die Fähre, lief voll Wasser und sank. Drei Faktoren führten maßgeblich zu dem Unglück Mit einem Rettungsboot konnte der hauptverantwortliche Fährmann rund 15 Personen retten, weitere kamen schwimmend oder über ein Langholz gestützt zurück ans Ufer. Für eine 36-jährige Frau, einen 21-jährigen Mann und eine zehnjährige Schülerin kam jedoch jede Hilfe zu spät. Sie starben in der starken Strömung des Flusses und wurden erst einige Tagen beziehungsweise Wochen später gefunden. Die beiden zur Unglückszeit arbeitenden Fährmänner sind wegen fahrlässiger Tötung angeklagt worden. Laut dreier Sachverständiger führten folgende Faktoren maßgeblich zum Unglück. Die Fähre nur einseitig befestigt worden, obwohl es Halteringe an beiden Seiten gab – dadurch kam es zur seitlichen Verschiebung, als der Druck auf die Fähre zu groß wurde. Viel entscheidender war dann allerdings, dass die Fährgehilfen ein zu dünnes Drahtseil benutzt hatten, das letztendlich den Druckkräften nicht standhielt und riss. Statt das 16 Millimeter starke Seil zu nehmen, das allerdings schon „Fleischhaken" aufwies, an denen man sich verletzen konnte, benutzte man wie so oft nur das acht Millimeter starke Drahtseil. Hinzu kam wohl noch der Aspekt, dass die Fähre mit den Langholztransporter und den 30 Personen rund drei Tonnen über der Eichung überbelastet gewesen wäre. Die Sachverständigen waren sich sicher, dass das dickere Seil den Druckkräften standgehalten hätte. Der verantwortliche Fährgehilfe der Schicht, der vor dem Krieg in der Binnenschifffahrt beschäftigt war, allerdings vorher noch nie auf einer Fähre, wurde wegen fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen. Der 47-Jährige hätte das Wissen und die Erfahrung haben müssen, dass in solch einer Situation das dickere Seil benutzt werden müsse, urteilte das Gericht. Drei Monate Haft für den Verantwortlichen Zudem wurde ihm vorgeworfen, dass er als aufsichtspflichtige Person seiner Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen sei, als er seinen Kollegen bei der Auffahrt des Lastwagens allein ließ, während er sich im Fährhäuschen befand. Er hätte persönlich die Auffahrt des mit Buchenholz beladenen Lastwagens betreuen müssen. Strafmildernd wirkte sich aus, dass es keinerlei Verordnung gab, welche Seilstärke bei welcher Last verwendet werden sollte. Zudem war der Verurteilte kein ausgebildeter Fährmeister. Es gab zu diesem Zeitpunkt nur einen Fährmeister – und der arbeitete in der anderen Schicht. Der Verurteilte war wie seine beiden Kollegen als Fährgehilfe von der Stadt Beverungen eingestellt und angelernt worden, übernahm in seiner Schicht allerdings die Aufgabe und Verantwortung des Fährmeisters. Letztendlich wurde er zu drei Monaten Haft verurteilt. Der 23-jährige Fährgehilfe, der das Halteseil benutzte, wurde freigesprochen. Er habe als Hilfskraft die Anweisungen des Vorgesetzten befolgt, der wiederum in identischen Situationen zuvor das dünne Seil benutzte.

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