Papierflieger: Die Beverungerin Gaby Marquardt (Mitte) ist seit zwei Jahren Kinderdorf-Mutter in Schieder-Schwalenberg und lebt zusammen mit sechs Jungs und Mädchen aus problematischen Herkunftsfamilien. - © Manuela Puls
Papierflieger: Die Beverungerin Gaby Marquardt (Mitte) ist seit zwei Jahren Kinderdorf-Mutter in Schieder-Schwalenberg und lebt zusammen mit sechs Jungs und Mädchen aus problematischen Herkunftsfamilien. | © Manuela Puls

Beverungen Aus dem Leben einer Kinderdorfmutter

Engagement: Gaby Marquardt aus Beverungen kümmert sich im Haus Rosely um Kinder aus schwierigen Herkunftsfamilien. Sie berichtet von ihrem Alltag und den Herausforderungen, die die Arbeit mit sich bringt

Manuela Puls

Beverungen/Schieder-Schwalenberg. Die Papierflieger zischen durch die geräumige Küche in Haus Rosely. Und mittendrin im Kindergetümmel sitzt Gaby Marquardt. Die Kleinen nennen sie „Gaby", manchmal aber auch „Mama". Früher arbeitete sie in der Bilderrahmung einer Beverunger Galerie, seit zwei Jahren ist sie Kinderdorfmutter in Schieder-Schwalenberg. Bereut hat Gaby Marquardt diesen Schritt nie: „Es war mit die beste Entscheidung meines Lebens", sagt die 51-Jährige. Vier Jungs und zwei Mädchen aus schwierigen Herkunftsfamilien haben bei ihr ein neues Zuhause gefunden. Mit dem Gedanken, Kinderdorfmutter zu werden, hatte die Beverungerin schon als junge Frau gespielt. Mit Mitte 40 tauchte die Idee wieder in ihrem Kopf auf. Bis dahin hatte sie ihre zwei Söhne erfolgreich allein großgezogen. Doch die beiden wurden langsam flügge, und auch beruflich suchte Gaby Marquardt eine neue Herausforderung. „Sei Mutter, das kannst du doch am besten", hatte ihr jüngster Sohn gemeint. Und sie bewarb sich im S.O.S.-Kinderdorf Lippe. Nach einem Jahr Praktikum schloss sich die dreijährige Ausbildung zur Erzieherin an. „Es gab eine lange Bedenkzeit – mehrmals wurde überprüft, ob ich der Aufgabe wirklich gewachsen bin", erinnert sich die Beverungerin. Doch dann stand fest: Gaby Marquardt übernimmt das neu renovierte Haus Rosely. „Ich durfte bei der Einrichtung des Hauses mitreden", erzählt sie. Zum Beispiel ist jedem Kind eine Farbe zugeordnet: Die kleine Mia (Name von der Redaktion geändert) hat ein orangefarbenes Zimmer, orangefarbene Handtücher, einen orangefarbenen Teller. Und sie hat – wie alle anderen auch – ein eigenes Hochbett mit Rutsche. Feste Tagesstruktur, klare Regeln und verlässliche Bezugspersonen Die beiden Jüngsten legt Gaby Marquardt jetzt zum Mittagsschlaf hin. Auch den kleinen Halbwaisen, der erst seit wenigen Monaten bei ihr ist. „Er ist erst zweieinhalb und muss noch den Tod seiner Mutter verarbeiten", sagt die Kinderdorf-Mutter. Nach der Mittagspause geht es jetzt in den Sommerferien mit allen sechs Kindern raus. „Manchmal machen wir eine Fahrradtour, auch der Kleine kommt mit seinem Laufrad schon gut mit", berichtet Marquardt. Die Kinder brauchen eine feste Tagesstruktur, klare Regeln und verlässliche Bezugspersonen. Nachmittags hat sie Unterstützung von zwei Kolleginnen. „Dann kann ich mich auch mal ein, zwei Stunden zurückziehen, die Tür hinter mir zumachen, den Akku wieder aufladen." Auszeiten wie Urlaub und freie Tage sind nötig, denn die Arbeit mit Kindern aus Problemfamilien ist sehr anstrengend. Oft stößt die sechsfache Kinderdorfmutter an ihre Belastungsgrenze: „Jedes Kind bringt hier sein Päckchen mit", betont die Beverungerin. Und sie meint damit traumatische Erlebnisse, Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten. „Wenn mich mal eines der Kinder beschimpft und Gewaltausbrüche hat, dann muss ich professionell bleiben", erzählt sie von schwierigen Situationen. Dann ist sie froh, zwei Vollzeiterzieherinnen im Rücken zu haben. Auch dann, wenn die monatlichen Besuche der leiblichen Eltern die Kinder aus der Bahn geworfen haben. Aber da sind ja auch die vielen schönen Momente. Gaby Marquardt erlebt im Kinderdorf eben den ganz normalen Familienalltag: Einkaufen, Kochen, Wäsche machen, Fahrten zum Arzt, zum Sport oder zu Verabredungen. Ein ausreichend großes Auto kann sie sich im Fuhrpark des Kinderdorfes ausleihen. „Die Kinder fühlen sich schon als Geschwister. Und sie sagen alle, dass sie bei mir bleiben wollen, auch wenn sie einmal erwachsen sind." Auch sie wolle auf jeden Fall den Kontakt halten, das Leben ihrer Kinderdorf-Kinder weiter begleiten. Ihre leiblichen Söhne kommen gerne zu Besuch nach Schieder-Schwalenberg, genauso wie ihr Freund, der in Beverungen lebt. „Ich hoffe, dass die Beziehung die Belastung durch meinen Beruf aushält", sagt Gaby Marquardt, die sich übrigens freut, bald Oma zu werden.

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