Unterricht: Burkhard Seeberg hält in einem Klassenzimmer des Gymnasiums St. Kaspar einen Vortrag über seine Erfahrungen in der ehemaligen DDR. Die Zwölftklässler hören dem Zeitzeugen aus Münster aufmerksam zu. - © Nora Pfützenreuter
Unterricht: Burkhard Seeberg hält in einem Klassenzimmer des Gymnasiums St. Kaspar einen Vortrag über seine Erfahrungen in der ehemaligen DDR. Die Zwölftklässler hören dem Zeitzeugen aus Münster aufmerksam zu. | © Nora Pfützenreuter

Neuenheerse Zeitzeuge: Was Burkhard Seeberg in einem Stasi-Gefängnis erlebte

Geschichten eines Zeitzeugen

Nora Pfützenreuter

Neuenheerse. Die Zwölftklässler des Gymnasiums St. Kaspar haben die ehemalige DDR nicht mehr miterlebt. Sie begegnen den Ereignissen ab der Teilung Deutschlands bis zur Wiedervereinigung vorwiegend im Geschichtsunterricht. Der 61-jährige Burkhard Seeberg aus Münster hat diese Zeit hingegen hautnah erfahren. In einer Geschichtsstunde der ganz besonderen Art schilderte der Zeitzeuge den Oberstufenschülern seine Erinnerungen, insbesondere an seine Gefangenschaft als Stasi-Häftling. Es war mucksmäuschenstill im Klassenzimmer, als er seine Geschichte erzählte: Burkhard Seeberg wurde 1954 in Münster geboren und wuchs in der Bundesrepublik auf. Da er Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) war, reiste er im Alter von 19 Jahren mit einem Tagesvisum nach Ost-Berlin. Auf den "Weltfestspielen der Jugend und Studenten" lernte er ein 16-jähriges Mädchen aus Rostock kennen. Die beiden wurden ein Paar. Von dem Zeitpunkt an reiste Seeberg so oft es ging in die DDR, um seine Freundin zu besuchen: "Man hatte 30 Besuchstage, mehr wurden nicht genehmigt." Zudem habe er Visumsgebühren zahlen müssen. Der Zeitzeuge ließ während des Vortrags seinen alten Reisepass durch die Reihen reichen. Während seiner DDR-Besuche knüpfte er in den darauffolgenden Jahren zudem unwissentlich Kontakte zu Stasi-Spitzeln. "Die waren auf mich angesetzt, um mich auszuhorchen." Von denen sei das System der DDR durchdrungen gewesen, erklärte er den etwa 40 Schülern. 1989 habe es knapp 90.000 hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter und 170.000 IMs gegeben. "Was ist ein IM?", fragte er in die Runde. Ein Schüler beantwortete seine Frage: "Ein inoffizieller Mitarbeiter." Was das für die DDR-Gesellschaft bedeutete, machte Seeberg anschaulich deutlich: "Hier in der Klasse wären mindestens sieben bis acht inoffizielle Mitarbeiter gewesen." Burkhard Seeberg ließ daraufhin einen Reisepass fälschen, um seine Freundin zu sich in die Bundesrepublik zu schmuggeln. Das Paar unternahm einen Fluchtversuch über Ungarn. Der Versuch scheiterte wegen eines fehlenden Visumsstempels. So wurden die beiden im August 1979 an der ungarisch-österreichischen Grenze festgenommen. »Man durfte nur auf dem Rücken schlafen, mit den Händen über der Decke« Wegen "staatsfeindlichen Menschenhandels" sei er zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verhaftet worden, berichtet er den Jugendlichen. Der damals 25-Jährige war etwas länger als ein Jahr in DDR-Gefangenschaft. Sieben Monate lang saß er im Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. "Es war schon eine Art psychische Folter", erinnerte er sich. Er habe als Häftling nahezu immer unter Kontrolle gestanden. "Es wurde alle fünf bis zehn Minuten in die Zelle geschaut." Noch schlimmer sei die Schlafordnung gewesen. "Tagsüber durfte man die Liege nicht benutzen. Und man durfte nur auf dem Rücken schlafen, mit den Händen über der Decke." Mit dieser Maßnahme habe das DDR-Regime Selbstmordversuche von Häftlingen verhindern wollen. Später wurde er in ein Gefängnis in Bautzen verlegt. "Das war fast ein Nobelgefängnis." Während Burkhard Seebeck eine Einzelzelle hatte, hatte es seine damalige Freundin schwerer. Wegen "Republikflucht"erhielt sie eine Haftstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten. Im Frauengefängnis Hoheneck musste sie sich mit 16 Frauen eine Zelle teilen. Da beide vom Westen für jeweils 70.000 D-Mark freigekauft wurden, konnten sie frühzeitig aus ihrer Haft in die Bundesrepublik entlassen werden. Von der Teilung bis zu Wiedervereinigung - diese Ereignisse seien auch Thema im Zentralabitur, erklärt Geschichtslehrerin Gabriele Thanbichler, die die Veranstaltung initiiert hat. "Wie es tatsächlich war, in der DDR zu leben, kommt sonst im Unterricht zu kurz."

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