Artenvielfalt: Klatschmohn, Habichtskraut, Kaiserkrone und Kamille haben sich das Terrain an der Witteler Straße in Exter zurückerobert. - © Peter Steinert
Artenvielfalt: Klatschmohn, Habichtskraut, Kaiserkrone und Kamille haben sich das Terrain an der Witteler Straße in Exter zurückerobert. | © Peter Steinert

Kreis Herford Wie nachhaltige Landwirtschaft funktionieren kann

Schwindende Schönheiten

Peter Steinert

Kreis Herford. Man muss kein Naturfreund sein, um zu wissen, was eine Kornblume ist. Die blau leuchtenden Tupfer im wogenden Getreidemeer sind immer seltener auszumachen, weil die Getreidebauern in den Kornblumen Konkurrenz für Weizen oder Roggen sehen. "Die Landwirte haben es lieber sauberer", sagt Ingo Ellermann, Biolandwirt und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Herforder Kreistag. Wie es in einer nachhaltigen Landwirtschaft ohne Hilfe der chemischen Industrie aussehen könnte, das beweisen derzeit brachliegende Äcker zwischen Vlotho-Exter und Löhne-Gohfeld. Klatschmohn, Habichtskraut, Kaiserkrone und Kamille haben sich das Terrain an der Witteler Straße, Ecke Alter Postweg in Exter zurückerobert. Das satte Rot und das leuchtende Blau ist jedoch nicht von Dauer, weil in diesem Bereich künftig die Verbindungsstrecke von Witteler Straße auf Vlothoer Gebiet und Knickstraße auf Löhner Fläche verlaufen wird. Die Eckpunkte dieser vor allem von Lastwagenfahrern gern genutzten Abkürzung zwischen der A 2 und der A 30 sind der Kreisel an der Autobahnanschlussstelle Vlotho-West und auf der anderen Seite der "Ratio-Kreisel" in Löhne-Gohfeld. Eben dort im Einmündungsbereich der Knickstraße auf die Bundesstraße 61 soll laut Sven Johanning vom Landesbetrieb Straßen NRW der Bau beginnen und sich abschnittsweise in Richtung Exter weiter schieben. Immer mehr Berufskollegen pflügen die farbenfrohen Randsteifen um "Das Vergabeverfahren ist abgeschlossen", sagt Johanning, der nicht davon ausgeht, dass sich im nächsten Jahr auf diesen Felder noch einmal die bunte Blütenpracht blicken lassen wird. Schon gar nicht im Kreuzungsbereich von Witteler Straße und dem Alten Postweg, wo für die Querverbindung Boden ausgehoben und der Alte Postweg später über die Witteler Straße mittels Brücke hinweggeführt wird. Klatschmohn und Kornblumen könnten dann noch bei Biolandwirt Ingo Ellermann bewundert werden. Der verzichtet nicht nur auf Glyphosat und ähnliche Substanzen. Der achtet auch auf die Fruchtfolge, indem er auf Weizen, Roggen oder Gerste in dreijähriger Folge Kleegras wachsen lässt. "Damit sich der Boden erholt", sagt Ingo Ellermann. Sein landwirtschaftliches Umfeld betrachtet der Nebenerwerbslandwirt indes skeptisch. Immer mehr Berufskollegen pflügen die farbenfrohen Randsteifen um und nehmen so ganz nebenbei auch kommunale Flächen mit ihrer Artenvielfalt unter ihren Pflug. Lichtblicke erkennt der Exteraner aber auch. "Wir müssen uns verändern, weil wir die Akzeptanz in Teilen der Bevölkerung verloren haben", hörte Ellermann aus Kreisen des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV). Der ging in Sachen Nachhaltigkeit unlängst gar in die Offensive. Mehrheitlich beschlossen die Teilnehmer einer Delegiertentagung den Grundsatz: "Wir müssen uns dort verändern, wo unsere Art und Weise der landwirtschaftlichen Erzeugung dazu beiträgt, dass Boden, Wasser, Luft, Pflanzen und Tiere sowie Elemente der Kulturlandschaft geschädigt werden." Offenbar hat ein Umdenken begonnen. Doch das sei begrenzt. Ingo Ellermann kommt auf die Kornblume zurück: "Wenn konventionelle Landwirte dabei von Unkraut sprechen, dann reden wir von Ackerwildkräutern."

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