Werner Best und Sonja Voss sind fasziniert von dem 400 Jahre alten Poesiealbum und werfen einen genauen Blick auf den Einband des Buches. Auspacken aus der Luftpolsterfolie und dem säurefreien Papier durften sie das Schriftstück nur mit Baumwollhandschuhen. - © Mareike Patock
Werner Best und Sonja Voss sind fasziniert von dem 400 Jahre alten Poesiealbum und werfen einen genauen Blick auf den Einband des Buches. Auspacken aus der Luftpolsterfolie und dem säurefreien Papier durften sie das Schriftstück nur mit Baumwollhandschuhen. | © Mareike Patock

Spenge Uralte Poesie in der Spenger Werburg

Sonderausstellung: Bald zeigt das Museum ein 400 Jahre altes Dokument. Damit es überhaupt ausgestellt werden darf, müssen strenge Regeln erfüllt werden

Mareike Patock

Spenge. Kurz nach zwölf Uhr an der Werburg: Ein Spezialtransporter fährt vor dem Herrenhaus vor. Aus dem Inneren des 7,5-Tonners holen die Spediteure ein flaches graues Päckchen. Es ist mit einem Gurt zusätzlich gesichert und auf dem Deckel klebt ein leuchtend-orangefarbener Sticker: „Nur liegend transportieren. Nicht kippen. Nicht stürzen.“ Das auf den ersten Blick unspektakuläre Paket aus dem Staatsarchiv Münster hat einen wertvollen Inhalt: ein gut 400 Jahre altes Buch – die sogenannte Benkhäuser Liederhandschrift. Sie ist eine Art barockzeitliches Poesiealbum des Adels, in das sich auch die ehemalige Besitzerin der Werburg, Anna von Ledebur, vor mehr als vier Jahrhunderten eingetragen hat. „Und jetzt kehrt die Handschrift für kurze Zeit an den Ort zurück, wo sie vor über 400 Jahren schon einmal war“, sagt der Vorsitzende des Werburg-Vereins, Werner Best. In einer kleinen Sonderschau vom 4. März bis 30. April ist die uralte Schrift im Werburg-Museum zu sehen. Es ist das erste Mal überhaupt, dass dieses Original-Dokument in der Öffentlichkeit gezeigt wird. Mittlerweile haben Werner Best und Museumspädagogin Sonja Voss das Päckchen in Empfang genommen und machen sich ans Auspacken. Das dürfen sie allerdings nur, weil die beiden eine bestimmte Voraussetzung erfüllen: Sie sind restauratorisch geschult. „Sonst dürften wir die Schrift überhaupt nicht bewegen“, sagt Voss. Denn im Leihvertrag ist streng geregelt, wie das uralte Buch zu behandeln ist. In der Zeit, in der es im Herrenhaus ausgestellt wird, darf es zum Beispiel nur auf einer einzigen Seite aufgeschlagen werden, die vorher genau festgelegt wurde: „Das wird die Seite 2 sein“, sagt Voss. „Da gibt es einen Eintrag von Anna Ledebur.“ Im Leihvertrag genau festgeschrieben ist auch, welche Bedingungen im Ausstellungsraum herrschen müssen: „Die Luftfeuchtigkeit zum Beispiel muss konstant bei 50 Prozent liegen – da darf es keine Schwankungen geben“, berichtet Voss. Die Vitrine werde darum mit einem speziellen Granulat ausgerüstet, das Feuchtigkeit abgeben oder entsprechend aufnehmen könne. Außerdem müsse die Temperatur bei 18 Grad liegen und die Beleuchtung dürfe „nicht höher als 50 Lux am Objekt sein“. Bis zum Beginn der Sonderschau müssten die Fenster im Ausstellungsraum darum noch abgedunkelt werden – damit es nicht mehr Licht gibt als vorgeschrieben. Bevor das Buch auf die Reise nach Spenge geschickt wurde, haben Restauratoren das Schriftstück zudem genau unter die Lupe genommen und seinen Zustand dokumentiert. „Wenn nach der Ausstellung nur eine Delle oder ein Kratzer mehr zu sehen ist, kann das also genau nachvollzogen werden“, sagt Werner Best und hebt behutsam den Deckel des grauen Päckchens ab. Genauso wie Sonja Voss hat auch er sich weiße Restauratoren-Handschuhe aus Baumwolle übergestreift. Denn tabu ist auch, dass Buch mit bloßen Händen zu berühren: Rückstände von Creme, Seife oder auch Schweiß könnten das Schriftstück schädigen. Das Jahrhunderte alte Dokument ist eingewickelt in säurefreies Papier und eine Luftpolster-Folie. Vorsichtig entfernen die beiden die Verpackung – und halten endlich das 400 Jahre alte Schriftstück in Händen. „Einfach faszinierend“, sagt Werner Best. „Das ist das älteste Buch, das ich je berührt habe.“ Auf den ledernen Einband ist ein Blumenmotiv geprägt und an den Seiten finden sich farbige Verzierungen. Allerdings sieht man auch deutlich, wie alt das Dokument ist, denn die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen: Der Einband ist verblasst und hat stellenweise kleine Macken. Und auch der Holzwurm hat sich an dem Schriftstück gütlich getan – davon zeugen die winzig-kleinen Löcher im Buchdeckel. In die Vitrine wandert das uralte Poesiealbum allerdings noch nicht sofort: Bis zur Eröffnung der Ausstellung in gut einer Woche wird es an einem sicheren Ort aufbewahrt. Wo der ist, wollen Sonja Voss und Werner Best nicht verraten. Aber eine Alarmanlage und eine Feuersicherung werde es dort geben, sagt Voss. „Und Bedingungen wie in einem Archiv.“

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