An der Orgel im Nordschiff der Marienkirche: Organist Dr. Hinrich Paul vertonte drei Gedichte von Friedrich Hölderlin und Rainer Maria Rilke. Zusammen mit der Sopranistin Sarah Weller trug er sie jüngst vor. - © Foto: Karin Wessler
An der Orgel im Nordschiff der Marienkirche: Organist Dr. Hinrich Paul vertonte drei Gedichte von Friedrich Hölderlin und Rainer Maria Rilke. Zusammen mit der Sopranistin Sarah Weller trug er sie jüngst vor. | © Foto: Karin Wessler

Spenge Hinrich Paul vertont Gedichte von Rilke und Hölderlin

Zusammen mit der Sopranistin Sarah Weller trug der Organist jetzt drei Kompositionen vor

Karin Wessler

Spenge-Wallenbrück. „Musik an den Grenzen des Lebens". Unter diesem Titel fand jüngst ein Cantart-Konzert in der Wallenbrücker Marienkirche statt. Hinrich Paul stellte zusammen mit der Sopranistin Sarah Weller, mit den Violinisten Kerstin Powell und Friedrich Rott sowie einem Projektchor Texte und Musiken aus fünf Jahrhunderten vor – darunter waren auch Stücke, die der heimische Organist selbst komponiert hatte. „Das waren drei Vertonungen von Hölderlin- und Rilke-Gedichten", sagt er. „In den Texten geht es um Vergänglichkeit, Trauer, Sinnlosigkeit, aber auch um Trost und Hoffnung. Das passte thematisch gut", so Paul. Es war nicht das erste Mal, dass Kompositionen von Hinrich Paul zu hören waren. „Als im Jahr 2010 die Spenger Kantorin Anna-Maria Pfotenhauer und Sarah Weller ihre Dornröschen-Konzerte gaben, haben sie im sechsten und letzten Konzert ein von mir vertontes Gedicht vorgetragen", sagt Paul. Damals hatte er hatte eine Melodie zum dem Gedicht „Terzinen über Vergänglichkeit" von Hugo von Hofmannsthal geschrieben. „Das hat etwas mit Trauer zu tun und passte auch damals in die Reihe." „Seit meiner Jugend ist mir von Zeit zu Zeit Musik zu Texten eingefallen, die mir wichtig waren und wichtig sind", erinnert sich Hinrich Paul, der in Nordfriesland geboren wurde und nach der Schule die Musikhochschule in Flensburg besuchte. „Ohne dass ich es beabsichtigte, wurde dann ein Vers oder ein ganzes Gedicht zu einem Lied. Oder mir fiel eine Melodie ohne Worte ein." Wenn ihn die Melodie besonders ansprach, habe er sie zu einer Komposition ausgearbeitet. „In Augenblicken der Muße habe ich andere Stimmen hinzugefügt, mit passenden Rhythmen und Harmonien – passend zu der Melodie und bei Gedichtvertonungen vor allem zum Text." Als Beispiel nennt Hinrich Paul das Gedicht „Herbst" von Rainer Maria Rilke. „Das Gedicht beginnt mit den Worten ,Die Blätter fallen’ – das Verb ,fallen’ kommt in verschiedenen Formen insgesamt sieben Mal in diesem Gedicht vor", sagt Paul. „Die Melodie beginnt daher mit einer fallenden Linie, und auch das Vorspiel sowie das Zwischenspiel drücken auf andere Weise das Fallen aus", erläutert er. In der Tat erkennt der Zuhörer in der Melodie die fallenden Blätter wieder, die vom Baum herab geweht, hin und her gepustet werden und umher wirbeln. „Und sie werden im Gedicht letztendlich aufgefangen und gehalten." Die Musik zu dem Text „kommt unwillkürlich", erklärt Hinrich Paul. „Die Botschaft ist da, dann kommt es auf die musikalische Ausarbeitung an." Zu seiner Ausbildung als Kirchenmusiker vor rund 50 Jahren habe das Schreiben von Tonsätzen dazu gehört. „Das waren etwa Begleitsätze zu Kirchenliedern oder Choralvorspiele", erläutert Paul. „Im Lauf vieler Jahre als Organist und Chorleiter habe ich eine Reihe von Choralvorspielen und Chorsätzen selbst geschrieben." Schon als Jugendlicher habe er etwas davon gelernt, mit welchen Mitteln in einer Kompostion bestimmte Gefühle ausgedrückt und beim Hörer hervorgerufen werden können. „Dabei hat mich besonders die alte Tradition der musikalisch-rhetorischen Figuren interessiert – eine Art Code für Musik als Sprache", führt er aus. „Solche Kenntnisse und Fähigkeiten kommen mir bei der Ausarbeitung meiner Kompositionen zugute. Das Entscheidende ist jedoch das unwillkürliche Auftauchen einer Melodie, die es vorher nicht gab." Musik sei eine Sprache, die den Text interpretiere. „Rilke etwa hat das von ihm Ersonnene als Gedicht konzipiert, es war ursprünglich nicht als Lied gedacht." So sei es quasi die Aufgabe des Komponisten, den textlichen Inhalt musisch wieder zu geben. Dabei zieht Hinrich Paul einen Vergleich zu der Malerei: „Der Maler Caspar David Friedrich hat einmal gesagt, wenn man zu Beginn seiner Arbeit kein ,inneres Bild’ habe, brauche man gar nicht erst anzufangen." Beim Komponieren sei es ein musikalisches Bild. „Man muss sich von Anfang an vorstellen können, wie das Stück später klingen soll", betont Paul.

realisiert durch evolver group