Karl Stöwe, Werner Schömann und Heinrich Metting (v.l.) an der Warmenau bei Mettings Mühle. - © Martina Chudzicki
Karl Stöwe, Werner Schömann und Heinrich Metting (v.l.) an der Warmenau bei Mettings Mühle. | © Martina Chudzicki

Spenge Ortsteilserie: Wallenbrück - Ein Paradies mit Schattenseiten

In Grenzlage: Vielen Wallenbrückern ist Niedersachsen näher als Ostwestfalen. Dem Dorf fehlen „frisches Blut“ und wieder mehr ehrenamtliches Engagement von Jüngeren

Martina Chudzicki

Spenge-Wallenbrück. Zusammen bringen sie es auf stolze 245 Jahre – doch das merkt man den drei alten Herren nicht an. Wenn Heinrich Metting (79 Jahre), Karl Stöwe (90), und Werner Schömann (76) erst einmal ins Erzählen kommen, geht es lebhaft zu. Und erzählen tun sie alle gerne – über das Leben auf „einem ganz besonderen Stückchen Land". Denn das ist Wallenbrück für alle drei, für die gebürtigen Wallenbrücker Stöwe und Metting sowieso, aber längst auch für den zugezogenen Werner Schömann. „Aber nach 47 Jahren darf ich mich wohl auch Wallenbrücker nennen", sagt der Jüngste in der Runde mit einem Augenzwinkern. Wallenbrück war schon immer „Grenzland". Niedersachsen ist nur einen Katzensprung entfernt. Einer, der das nur allzu gut weiß, ist Heinrich Metting, bis 1970 Müller in Metting’s Mühle. Und die steht genau auf der Grenze: sein Wohnhaus steht zur Hälfte auf niedersächsischem Grund und Boden, zur anderen Hälfte im Westfälischen. In der Mitte, unter dem Haus hindurch, fließt die Warmenau, jenes Flüsschen, das die beiden Bundesländer trennt. Als Metting noch als Müller tätig war, hat er in Niedersachsen geschlafen und in Westfalen gearbeitet. Doch die idyllische Grenzlage birgt auch Probleme. Denn spätestens seit die Herforder Kleinbahn mit Endstation Wallenbrück in den 60er Jahren ihren Betrieb eingestellt hat, ist der Ortsteil verkehrstechnisch ziemlich abgeschnitten vom restlichen Ostwestfalen und selbst vom Spenger Ortskern. Das ist vor allem für ältere Menschen ein Problem, denn Geschäfte, Ärzte oder andere Einrichtungen, gibt es schon lange nicht mehr im Dorf. Wer einkaufen will, muss fahren. Karl Stöwe zieht’s von seinem Wohnhaus am Hengstenberg wie so viele andere Wallenbrücker nach Niedersachsen. „Neuenkirchen ist für uns hier viel näher und darum schneller erreichbar als Spenge", sagt er. Und Werner Schömann weiß, dass es noch schlechter aussähe, wenn es nicht den Bürgerbus gäbe, der seit einigen Jahren Wallenbrück mit Spenge-City verbindet. „Der wird gut angenommen", sagt er und muss es wissen. Ist er doch selbst einer von vielen Ehrenamtlichen, die den Kleinbus regelmäßig steuern. Die schlechte Anbindung ist nicht das einzige Problem, das die drei alten Herren sehen. „Wir brauchen frisches Blut", sagen sie unisono und meinen damit, dass dem Ortsteil mehr junge Familien mit Kindern gut tun würden. Aber dazu müsste neues Bauland ausgewiesen werden. „Und dafür gibt es in der Verwaltung leider keine Anzeichen", sagt Schömann. Überhaupt – auf die Spenger Verwaltung sind alle drei nicht gut zu sprechen. Wie in anderen Ortsteilen fühlen sich auch die Menschen in Wallenbrück „stark benachteiligt gegenüber Spenge-City". Das ärgert sie insbesondere vor dem Hintergrund, dass es in ihrem Ortsteil das größte Gewerbegebiet der Stadt Spenge gibt. „Doch von den Steuern, die hier fließen, kommt viel zu wenig zurück nach Wallenbrück", klagt Schömann. Immerhin gibt es im Ort noch einige aktive Vereine – etwa den Männergesangverein, den Fischereiverein, die freiwillige Feuerwehr, den Dorfgemeinschaftskreis. Allerdings: wie in so vielen Vereinen bröckelt das ehrenamtliche Engagement. „Die Gesellschaft verändert sich, die Menschen haben andere Interessen", vermutet Werner Schömann einen Grund dafür. „Wir sind zur Schlafstadt verkommen", macht Karl Stöwe einen anderen Grund für das wachsende Desinteresse aus. Früher, so erinnert sich Heinrich Metting, wurde in der Reithalle im Ort noch jedes Jahr der Holskenball gefeiert. „Das war eine Riesenveranstaltung, es war immer rappelvoll!" Aber irgendwann war es vorbei damit, vielleicht auch, weil die immer gleichen Ehrenamtlichen in ein Alter kamen, in dem sie ein solches Fest nicht mehr stemmen konnten. Gefeiert wird in Wallenbrück immer noch – jetzt aber kommerziell. Ganz dem Zeitgeist entsprechend organisiert ein Spenger Gastwirt alljährlich im Gewerbegebiet ein Oktoberfest und Tausende kommen zum Feiern nach Wallenbrück. Die Zeiten ändern sich, auch wenn manches eigentlich so bleibt, wie es war.

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