Attacke: Zwei Landsknechte liefern sich vor dem Werburger Torhaus ein kleines Kämpfchen. - © Fotos: Mareike Patock
Attacke: Zwei Landsknechte liefern sich vor dem Werburger Torhaus ein kleines Kämpfchen. | © Fotos: Mareike Patock

Spenge 2.000 Besucher beim 6. Mittelalterfest an der Werburg

Ohrenbetäubender Kanonendonner

Mareike Patock

Spenge. Über der Wiese an der Werburger Scheune hängt dicker Qualm. Es riecht nach Schwefel und verbranntem Schwarzpulver. Gleich mehrere Kanonen sind hier in Stellung gegangen - und gezündet worden. Jetzt gibt ein Hauptmann erneut den Befehl zum Feuern. Sekunden später gehen die Geschosse los. Der Kanonendonner ist ohrenbetäubend. Zum sechsten Mal hat der Werburg-Verein zum Mittelalterfest eingeladen. Mehr als 2.000 Besucher schlendern an diesem Sonntag über das Gelände, das sich in eine kleine mittelalterliche Zeltstadt verwandelt hat. Edle Damen in bunten Roben und Ritter in schimmernden Rüstungen haben hier ihr Lager aufgeschlagen. Die Besucher können erleben, wie die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gelebt haben, wie sie ihre Freizeit verbrachten, wie sie musizierten - und wie sie gekämpft haben. Markus Dolch und Frank Hein von den "Soester Mittelalterfreunden" laden gerade einen Drilling nach - den Nachbau einer dreiläufigen Kanone aus dem Jahr 1390. "Kugeln wie einst im Mittelalter dürfen wir hier natürlich nicht nehmen", sagt Dolch. Darum kommt nur Schwarzpulver in die Kanone. Eine gute Portion davon füllt Frank Hein in das Kanonenrohr. "Und damit das Schwarzpulver auch explodiert und nicht nur verbrennt, muss es noch verdichtet werden", erläutert Dolch. "Im Mittelalter hätte man jetzt eine Kanonenkugel davor gesetzt." Im 21. Jahrhundert jedoch nutzen die Schützen dafür ein völlig anderes - und vor allem ein völlig unerwartetes Material: Weizengries. Auch davon füllt Frank Hein eine ordentliche Portion ins Kanonerohr, nimmt den Ladestock, stößt ihn ein paar Mal fest ins Kanonerohr und verdichtet so das Schwarzpulver-Weizengries-Gemisch. Jetzt endlich kann die Kanone gezündet werden. Das Laden sei aufwendig, sagt Dolch: "Nur alle drei bis vier Minuten kann man daher einen Schuss mit einer solchen Kanone abgeben."Im Spätmittelalter wurden die Feuerwaffen erfunden Hunderte Besucher haben sich mittlerweile an der Wiese neben der Scheune versammelt und warten auf den nächsten Kanonendonner. Vorsorglich haben sich die meisten von ihnen am Stand der Mittelalterfreunde mit Ohrstöpseln versorgt. Auch Wibke Bartsch und Sandra Stork aus Bad Salzuflen verfolgen die Vorführung: "Das habe ich so noch nicht erlebt, das ist schon beeindruckend", findet Wibke Bartsch. Im Spätmittelalter wurden die Feuerwaffen erfunden und kamen in der frühen Neuzeit groß in Mode. Die Vorführung der Soester Mittelalterfreunde passt damit gut zum Thema des diesjährigen Fests, dass sich den Erfindungen und Entdeckungen jener Zeit verschrieben hat. Dazu gehört auch der Buchdruck, den Johannes Gutenberg Mitte des 15.Jahrhunderts erfunden hat. Einen originalgetreuen Nachbau seiner Gutenberg-Presse zeigen Regina und Wolfgang Althoff im Herrenhaus. Auf dem Platz vor dem historischen Gebäude werden die jungen Besucher derweil zu Landsknechten ausgebildet - und dürfen sich schon mal im Lanzentragen üben. Vor allem aber probt Oliver Hünewinckell mit ihnen den richtigen Landsknecht-Blick: "Wir üben jetzt mal das grimmig Dreinschauen", scherzt er. Damit alle Angreifer auch mächtig Angst bekommen. Viele verschiedene Mittelaltergruppen tragen an diesem Sonntag dazu bei, dass die Vergangenheit wieder lebendig wird. "Sie inszenieren das Fest mit, ohne dass jedes Detail abgesprochen ist - das finde ich richtig gut", lobt der Vorsitzende des Werburg-Vereins, Werner Best. Die Klänge der Vergangenheit lässt unterdessen "Narr" Andreas Roefs wieder aufleben. Während er den Besuchern die Flötentöne des Spätmittelalters beibringt, schaut sich der dreijährige Fynn ganz in Ruhe eine Ritterrüstung an. "Das Fest hier ist wirklich toll: informativ und familiär", findet sein Vater und zieht mit seiner Familie weiter in Richtung Torhaus - vorbei an kämpfenden Landsknechten und edlen Damen in mittelalterlichen Roben.

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