Sprach bei der SPD-Delegiertenkonferenz: Landrat Jürgen Müller (2. v. l.) neben dem Spenger Stadtverbandsvorsitzenden Gerd Meyer (l.). - © Mareike Patock
Sprach bei der SPD-Delegiertenkonferenz: Landrat Jürgen Müller (2. v. l.) neben dem Spenger Stadtverbandsvorsitzenden Gerd Meyer (l.). | © Mareike Patock

Spenge Landrat spricht vor SPD über Strategien gegen den Ärztemangel

Medizinische Versorgung: Bei der Delegiertenkonferenz beleuchtete Jürgen Müller über die Situation im Kreis – und sagte, wie man die drohende Lücke bei den Allgemeinmedizinern schließen kann

Mareike Patock

Spenge. Eine immer älter werdende Gesellschaft, ein steigender Bedarf an Pflegeplätzen und medizinischer Betreuung – und gleichzeitig immer weniger Hausärzte. Eine Entwicklung, die Sorge bereitet und die auch die Politik beschäftigt. Die medizinische Versorgung hat die SPD Spenge jetzt bei ihrer Delegiertenkonferenz am Montagabend auf die Tagesordnung gehoben – als alleiniges Thema. Auf Einladung der Sozialdemokraten berichtete Landrat Jürgen Müller von der Situation im Kreis. Und er sprach über mögliche Strategien gegen den Ärztemangel. Denn der droht gerade auf dem Land – und hat in einigen Kommunen sogar schon durchgeschlagen. Zu wenig Hausärzte „Jedes Jahr werden in NRW rund 2.000 Ärzte ausgebildet", sagte Müller. „Aber nur circa zehn Prozent davon werden Allgemeinmediziner – das sind deutlich zu wenige." Dagegen stehe ein wachsender Bedarf an (haus)ärztlicher Betreuung, denn die Menschen würden immer älter: „Im Jahr 2030 wird es im Kreis Herford rund 70.000 Menschen geben, die älter als 65 Jahre sind." 2014 seien es noch 54.000 gewesen. Während es etwa in Bünde noch genügend Allgemeinmediziner gebe – hier liegt der Versorgungsgrad laut Müller bei 95,5 Prozent – sehe das in Löhne schon anders aus. „Da haben wir einen Versorgungsgrad von 77 Prozent." Auch die Stadt Spenge steuert auf einen Hausärztemangel zu (die NW berichtete): Zurzeit gibt es in der Stadt noch sechs niedergelassene Allgemeinmediziner. Die meisten Hausärzte jedoch sind schon jetzt am Rande ihrer Belastbarkeit angelangt. Viele Praxen in der Stadt können nur noch vertretungsweise, nicht aber mehr dauerhaft neue Patienten aufnehmen. Auf Sicht könnte sich das Problem noch verschärfen, denn auch in Spenge sind mehrere Hausärzte bereits im Rentenalter – und einen Nachfolger zu finden gilt als schwierig. Medzinische Versorgungszentren Zwar sei die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe für die ambulante ärztliche Versorgung der gesetzlich Krankenversicherten in der Region zuständig, betonte Müller. Aber auch der Kreis mache sich Gedanken, wie dem Ärztemangel begegnet werden könne. So gebe es zum Beispiel die Überlegung, zusätzlich zu den bereits bestehenden Hausarztpraxen ein medizinisches Versorgungszentrum in Kommunen mit entsprechendem Bedarf einzurichten, sagte der Landrat. Ein solches Versorgungszentrum wäre eine Art gut ausgestattete Gemeinschaftspraxis von Hausärzten mit einem öffentlichen Träger. Das Klinikum Herford zum Beispiel könnte ein solches Zentrum betreiben und versuchen, dort zusätzliche Hausärzte anzusiedeln – allerdings nur in enger Absprache mit den schon ansässigen niedergelassenen Allgemeinmedizinern, betonte Müller. „Wir schauen gerade in Löhne, ob so etwas machbar ist." KV fördere die Ausbildung Der Landrat appelliert zudem an die niedergelassenen Allgemeinmediziner, selbst junge Ärzte auszubilden – um so Nachwuchs für ihre Praxen zu finden. Die niedergelassene Kinderärztin und Leiterin des Kreisgesundheitsamts, Dr. Marie-Luise Kluger, erklärt das Konzept: Die Facharztausbildung nach dem Studium dauere bei den Allgemeinmedizinern fünf Jahre. Zwei davon könnten die jungen Ärzte auch in einer qualifizierten Hausarztpraxis absolvieren. Die KV fördere die Ausbildung der Hausärzte in einer niedergelassenen Praxis auch finanziell. Die Ausbildung der jungen Kollegen koste die niedergelassenen Ärzte sicherlich Zeit, betonte Kluger. „Aber sie birgt auch die Chance, einen Nachfolger zu finden." Um dem Ärztemangel zu begegnen, setzt der Landrat zudem auf die geplante medizinische Fakultät an der Uni Bielefeld, die 2021 an den Start gehen soll. Er erhofft sich dadurch einen „Klebe-Efekt." "Umdenken hat eingesetzt" Erfolgversprechend sei auch das sogenannte Bochumer Modell: Seit Oktober 2016 beteiligen sich das Klinikum Herford und das Johannes Wesling Klinikum Minden als Teil der Ruhr Universität Bochum an der Ausbildung von Medizinstudenten. Im ersten Jahr sei es schwierig gewesen, die insgesamt 60, an den beiden Kliniken zur Verfügung stehenden Plätze zu besetzen, sagte Müller. Damals sei die Begeisterung der Studenten, von der Großstadt nach OWL zu gehen, noch nicht so ausgeprägt gewesen. Im vergangenen Jahr habe das jedoch schon anders ausgesehen. „Da gab es schon mehr als 60 Bewerber", berichtete der Landrat. Der „Zufriedenheitsgrad" mit der Ausbildung an den beiden ostwestfälischen Kliniken sei hoch – und das würden die Studenten auch an der Uni weitergeben. „Da hat ein Umdenken eingesetzt." Die Spenger SPD-Politikerin Annegret Beckmann betonte bei der Delegiertenversammlung, auch die Kommunen müssten sich darum kümmern, dass das hausärztliche System bestehen bleibe. „Dafür müssen wir uns einsetzen." Denn es seien oft gerade die Hausärzte, zu denen die Patienten besonderes Vertrauen hätten. „Sie sehen den Patienten in seiner Ganzheit – und nicht nur die eine Krankheit."

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