In Spenge werden Hausärzte gesucht. - © Foto: Mareike Patock
In Spenge werden Hausärzte gesucht. | © Foto: Mareike Patock

Spenge Hausärzte in Spenge dringend gesucht

Medizinische Versorgung: Schon jetzt ist die Situation angespannt – und auf Sicht könnte sie sich noch verschärfen

Mareike Patock

In Spenge droht ein Hausarztmangel. Nach NW-Information ist die Situation schon jetzt angespannt: Einer der Spenger Allgemeinmediziner ist vor kurzem verstorben, seine Praxis seither geschlossen. Die Patienten – mehrere Hundert sollen betroffen sein – müssen sich einen neuen Hausarzt suchen. Das Problem nur: Die meisten der fünf verbliebenen hausärztlichen Praxen in der Stadt sind am Rande ihrer Kapazität angelangt. „Viele sind am Limit", sagt ein Kenner der Branche, der anonym bleiben möchte. Die meisten Praxen könnten nur noch vertretungsweise, nicht aber mehr dauerhaft neue Patienten aufnehmen. Auf Sicht könnte sich das Problem noch verschärfen, denn mehrere der sechs Spenger Hausärzte sind bereits im Rentenalter – und einen Nachfolger zu finden gilt als schwierig. Auch die Praxis von Dr. Marco Schwenker ist am Rande ihrer Belastbarkeit angelangt. „Wir stoßen an unsere Grenzen", sagt der Facharzt für Allgemeinmedizin. Schon vor dem Tod des Kollegen sei die Arbeitsverdichtung hoch gewesen. Jetzt aber habe sich die Situation noch einmal verschärft. Seine Woche habe mittlerweile 60 Stunden. „Wir arbeiten am Anschlag." »Manchmal habe ich 14- bis 16-Stunden-Tage« In der Praxis von Michael Droste sieht es nicht anders aus. Das Wartezimmer ist voll. „Manchmal habe ich 14- bis 16-Stunden-Tage", sagt er. Dauerhaft neue Patienten aufnehmen könne auch er nicht mehr. „Natürlich versorgen wir Erkrankungen, die neu auftreten – aber das können wir nur noch in Vertretung." Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL), die für die ambulante ärztliche Versorgung der gesetzlich Krankenversicherten in der Region zuständig ist, macht zur konkreten Situation in Spenge auf Anfrage keine Angaben. Denn die hausärztliche Versorgung werde in Bezirken geplant, sagt Vanessa Pudlo von der KVWL. Die Stadt Spenge bildet einen Bezirk mit Herford, Enger und Hiddenhausen. Die Fachleute sprechen vom sogenannten Mittelbereich (MB) Herford. Mithilfe einer festgelegten Formel wird für jeden Mittelbereich ermittelt, ob es in dem Bezirk rein rechnerisch genügend Mediziner gibt. Dabei gilt bundesweit die Verhältniszahl 1.671 Einwohner pro Hausarzt.  "Versorgung noch stabil" Laut KVWL liegt der Grad der Versorgung im Bezirk Herford nach dieser Berechnung bei 90,9 Prozent. „Die Versorgung im genannten Mittelbereich kann damit als noch stabil bezeichnet werden", teilt Pudlo mit. Erst ab 75 Prozent spreche man von einer Unterversorgung. Viele Hausärzte sind bereits im Rentenalter Rund ein Drittel der Mediziner im Bezirk Herford sei jedoch bereits älter als 60 Jahre. Nach Ansicht der KVWL dürften daher viele Ärzte in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen und einen Nachfolger für ihre Praxis suchen. „Angesichts der schwierigen Nachwuchssituation könnte sich dies jedoch problematisch gestalten." Ein Problem, das auch Spenge betrifft: Etwa die Hälfte der sechs niedergelassenen Hausärzte in der Stadt ist bereits im Rentenalter. Eine davon ist Gisela Werling. Seit 1993 hat sie eine Praxis in Lenzinghausen. Mittlerweile ist sie über 70. Noch will sie weiterarbeiten, nimmt auch noch neue Patienten auf. Wenn sie in den Ruhestand gehe, werde sie ihre Praxis aber schließen, berichtet sie. Einen Nachfolger wolle sie nicht suchen. Man bekomme ja auch keinen. Auch Dr. Reinhard Dolle geht auf die 70 zu. Gemeinsam mit Andreas Schimke hat er eine Praxis an der Langen Straße. Die kommenden zwei Jahre wolle er auf jeden Fall noch praktizieren, sagt er.  "Das wird nahezu unmöglich sein" Bevor er dann in Rente gehe, werde er sich nach einem Nachfolger umschauen. Hoffnungen, jemanden zu finden, hat er wenig: „Das wird nahezu unmöglich sein." Die Aussicht, dass es in Spenge bald noch weniger Hausärzte geben könnte, bereitet den jüngeren Allgemeinmedizinern in der Stadt Kopfzerbrechen. „Ich weiß nicht, wie das dann gehen soll", sagt Dr. Marco Schwenker und Michael Droste ergänzt: „Die Perspektive erfüllt mich mit Sorge." Wenn die Hälfte der Hausärzte wegfalle und kein Ersatz gefunden werde, „wäre das nicht mehr zu versorgen". Niedergelassene Hausärzte vor allem in ländlichen Regionen hätten oft Schwierigkeiten, einen Nachfolger zu finden, teilt auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung mit. „Die Gründe hierfür sind vielfältig: Budgetierung, zunehmende Bürokratisierung und eine schwache Infrastruktur auf dem Land gehören dazu." Das Honorarsystem steht in der Kritik Hinzu kämen wirtschaftliche Aspekte, sagt ein Branchenkenner. Denn niedergelassene Ärzte seien Freiberufler und eine eigene Praxis bedeute auch ein finanzielles Risiko. Zudem habe sich bei vielen Medizinstudenten der Eindruck gefestigt, die Arbeit des Allgemeinmediziners sei eintönig und sie müssten als niedergelassene Hausärzte sieben Tage rund um die Uhr im Einsatz sein, sagt Vanessa Pudlo von der KVWL. In der Kritik steht bei heimischen Medizinern aber auch das Honorarsystem. Und das ist komplex: Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen die Ärzte für ihre Leistungen nicht direkt. Stattdessen zahlen sie eine sogenannte Gesamtvergütung an die Kassenärztlichen Vereinigungen – die die Honorare dann an die Ärzte in ihrem Gebiet verteilen. Für jeden Kassenpatienten, den ein Hausarzt behandelt, bekommt er eine Pauschale. Diese Pauschale wird ihm nur einmal pro Quartal ausbezahlt – egal, wie oft der Patient in dieser Zeit zu ihm kommt. Daneben kann der Arzt zusätzliche Leistungen abrechnen, etwa für Ultraschall. Aus der Pauschale und den Zusatzleistungen ergibt sich dann der sogenannte Fallwert – also das Maximalhonorar, das der Arzt pro Patient und Quartal durchschnittlich erwirtschaftet. Das Problem: Die Pauschalen sind bundesweit nicht einheitlich. Je nachdem, welche Kassenärztliche Vereinigung in der Region zuständig ist, fallen sie höher oder niedriger aus. „Für die gleiche Leistung wird je nach KV-Region unterschiedlich gezahlt", bestätigt Uwe Köster von der KV Niedersachsen. Außer im Gebiet der KV Hamburg werde überall eine höhere Pauschale pro Versichertem gezahlt als in Westfalen-Lippe, teilt auch Jens Flintrop, Sprecher der KVWL mit. „Spitzenreiter sind Mecklenburg-Vorpommern, Bayern und Thüringen." Ein Hausarzt in Spenge erhält also eine geringere Pauschale für die gleiche Behandlung eines Patienten als ein Allgemeinmediziner zehn Kilometer weiter im niedersächsischen Melle. Der Grund: Den 17 Kassenärztlichen Vereinigungen in Deutschland wird laut KVWL unterschiedlich viel Geld von den Krankenkassen zugewiesen. Entsprechend mehr oder weniger an Honorar könnten sie an ihre Ärzte ausschütten. (siehe Infokasten). Die niedrigeren Pauschalen in Westfalen-Lippe haben auch Auswirkungen auf die Fallwerte: Im vierten Quartal 2016 etwa hat ein Hausarzt in Niedersachsen durchschnittlich pro Patient 68,39 Euro brutto erwirtschaftet, in Westfalen-Lippe waren es 58,93 Euro. Das belegen Zahlen der KV Niedersachsen und Westfalen-Lippe. Von der Summe gehen unter anderem noch Personal- und Gerätekosten, Steuern und die Praxismiete runter. Die Differenz von zehn Euro bei den Fallwerten klingt zwar erstmal nicht gewaltig – hochgerechnet auf die Gesamtzahl der Patienten kommen im Quartal jedoch einige Tausend Euro zusammen. »Gleiche Arbeit muss überall gleich bezahlt werden« „Das ist ungerecht – gleiche Arbeit muss überall gleich bezahlt werden", sagt Marco Schwenker. Um aufs gleiche Honorar zu kommen, müssten Ärzte in Westfalen-Lippe viel mehr Patienten behandeln als in anderen KV-Regionen. Für junge Mediziner sei das nicht gerade ein Anreiz, sich hier anzusiedeln. Eine „bundeseinheitliche Honorierung", fordert auch Andreas Schimke. „Dann würde sich ein Westfale auch eher mal in Westfalen niederlassen – und nicht in einem KV-Raum mit besserer Bezahlung." Um einen Ausgleich zu erzielen, hätten sich Vertreter aller 17 KVen bereits zusammengesetzt, sagt Uwe Köster. „Aber bislang ist man zu keiner Einigung gekommen."

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