Typische Bauweise: Im Haus auf dem linken Foto waren Büro und Laden. Im rechten Haus an der Aa wurde gebacken. - © Kommunalarchiv
Typische Bauweise: Im Haus auf dem linken Foto waren Büro und Laden. Im rechten Haus an der Aa wurde gebacken. | © Kommunalarchiv

Mittwochrätsel Auflösung: Unser Foto zeigt das Haus Richter an der Radewiger Brücke

„Durchgerösteter“ Kuchen für eine geizige Kundin

Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford. Die Fotos des Mittwochrätsels aus der vergangenen Woche zeigten das Haus Richter an der Radewiger Brücke, die über die Aa führt. Gezeigt wurden zwei Perspektiven – links aus Radewiger Richtung, rechts aus Richtung Altstadt. Klaus-Dieter Stork weiß: „Die schieferverkleidete Fassade des Hauses ist noch heute so vorhanden. Nur das Erdgeschoss verfügt über einen neuen Hauseingang mit beidseitigen Schaufenstern und die oberen Etagen über neue Fenster. Auf einer Tafel an der Hausfassade ist zu lesen, dass es sich um das Haus Richter handelt, welches im 17. Jahrhundert gebaut wurde und eine Bäckerei beherbergte. Auf älteren Fotos ist zu lesen, dass es sich damals um die Dampfbäckerei Wilhelm Richter handelte, wo der Backofen mit Wasserdampf beheizt wurde. 1978 wurde das Haus renoviert. Später war dort das Café Wien und das Bistro „Anno 1748". Leider stehen die Laden-Räumlichkeiten zur Zeit leer." Kirchgänger gaben
 bei Familie Richter 
ihre Babys ab Mit einer alten Dame, die in dem Haus Radewiger Straße 28 mit zwölf älteren Geschwistern aufgewachsen ist, sprach NW-Redakteur Lothar Nenz zu ihrem 100. Geburtstag am 16. Januar 1996. Elsa Lehmacher, geborene Richter, wohnte da schon im Altenheim Maria Rast. Ein altes Foto mit einem blühenden Kastanienbaum, ähnlich dem im Mittwochrätsel gezeigten, hing an der Wand ihres Zimmers. Die Eltern, Julius und Henriette Richter, geborene Kopp, hatten hier eine gut gehende Bäckerei. Im Erdgeschoss waren in der Kinderzeit von Elsa Lehmacher Laden und Backstube untergebracht. Es gab auch ein Stübchen, in dem Schnaps getrunken und geklönt werden konnte. Dafür besaß der Bäckermeister eine Schankkonzession. Die Sonntage waren der Jubilarin noch in bester Erinnerung. Bei schönem Wetter zog die ganze Bäckersfamilie in der Frühe in den Stuckenberg und anschließend zum Frühstücken in die Gastwirtschaft Steinmeyer. „Blieb die Familie im Haus", schrieb die NW damals, „dann nutzten die Kirchgänger deren Anwesenheit und gaben nach Absprache am Vortag auf dem Weg zur Radewiger Kirche die Säuglinge bei Henriette Richter für die Zeit des Gottesdienstes ab. Elsa, das Küken der Familie, absolvierte die Höhere Töchterschule an der Elisabethstraße und ging der Mutter in Haushalt und Laden zur Hand. Später heiratete sie den Kölner Peter Lehmacher, der das Textilhaus Meier-Ranzow leitete." Viele persönliche Erinnerungen zu dem Haus hat auch Konditormeister i. R. Gunther Jach, der hier eine Lehre als Bäckerlehrling begann: „1946 übernahm Bäckermeister Heinrich Ellermann die Backstube. Meine Familie kam als Vertriebene aus Pommern erst nach Detmold. Da besuchte ich weiter das Gymnasium. 1948 gingen meine Eltern nach Herford, um die Autosattlerei Jach zu gründen. Ich gab das Gymnasium auf und beschloss, Konditor zu lernen. Ich hatte schon immer einen Dreh dahin. Ich begann die Lehre bei Café Bruns an der Kurfürstenstraße. Als dort die Aufträge der Engländer ausfielen, weil die NAAFI selbst eine Backstube eröffnete, musste ich viel artfremde Arbeit tun und mit Hilfe meines Vaters wechselte ich zu Ellermann, wo ich bis 1951 zunächst erst Bäcker lernte. Das Anwesen besteht aus zwei miteinander verbundenen Gebäuden. Im Erdgeschoss des linken Hauses waren links Büro und rechts Laden untergebracht. Durch ein Deelentor ging es in das Gebäude am Fluss. Im Erdgeschoss war die Backstube. Im Haus wurde das Mehl gelagert und hinter den Fenstern zur Aa wohnten Lehrlinge und Gesellen mit Familienanschluss, denn hier war auch das Wohnzimmer des Chefs. Eine Opernsängerin eröffnete das 
Café Wien Am Wochenende brachten die Herforder bis zu 100 Bleche mit Kuchen, die in der Bäckerei nur abgebacken wurden. Einer Kundin gehörte das Kino Capitol am Ufer gegenüber. Da blickten wir aus unseren Fenstern immer sehnsüchtig hin, aber wir hatten für Eintrittskarten zu wenig ,Taler‘. Die Frau Schulze brachte ihre Bleche mit dem Zettel ,gut braun, Schulze‘. Einmal sagte sie: ,Wenn ihr das gut macht, gibt es eine Freikarte‘. Es floss viel Wasser die Aa hinunter, aber die Freikarten kamen nicht. Als junger Mensch überlegt man sich da was. Wir warteten einmal auf die mittlere Wärme im Ofen und haben den Kuchen am Ende richtig durchgeröstet. Das gab Ärger. Der Chef musste die Frau mit Zwieback entschädigen. 1950 baute Ellermann an der Wiesestraße und ich bin mit umgezogen. Ich blieb ein halbes Jahr als Geselle und lernte anschließend Konditor bei Voss in Bielefeld. Im Haus Richter folgten verschiedene Filialen anderer Bäcker. Anfang der 1960er Jahre erfüllte sich Opernsängerin Willmann aus Herford den Wunsch, hier das Café Wien zu eröffnen. Nach ihr kamen andere Betreiber, aber da ist nichts mehr draus geworden." Jürgen Melchert hat erkannt: „Das Haus mit der Schieferfassade steht an der Radewiger Straße. Die Brücke auf dem Foto führt über die Aa und verbindet Bäckerstraße und Radewiger Straße. Meine Erinnerung betrifft den zu erratenden Fluss. Sie ist noch aktuell und besonders: Am 12. Januar überquerte ich zusammen mit einem Freund diese Aa-Brücke. Dabei entdeckten wir auf einer winzigen sandigen Halbinsel flussaufwärts einen Graureiher. Ein Graureiher an der Aa mitten in Herford – das empfinde ich als etwas ganz Besonderes." Helmut Schneckener schreibt: „Das schöne alte Brückengeländer ist mit dem Neubau der Brücke durch ein neues ersetzt worden."

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