Abkürzung: Die Brücke verband Wittekindstraße und Diebrocker Straße. Im Hintergrund das Werk Schwabedissen. - © Heino Uekermann
Abkürzung: Die Brücke verband Wittekindstraße und Diebrocker Straße. Im Hintergrund das Werk Schwabedissen. | © Heino Uekermann

Mittwochrätsel Auflösung Mittwochrätsel: Fußgängerbrücke verband die Wittekindstraße mit der Diebrocker Straße

Leser haben dort Abenteuer im Qualm der Dampfloks erlebt

Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Kurz vor dem Bahnhof: Der Nahverkehrszug wird gleich zum Stehen kommen. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Kurz vor dem Bahnhof: Der Nahverkehrszug wird gleich zum Stehen kommen. | © Frank-Michael Kiel-Steinkamp

Herford. Das Rätselbild zeigte die abgerissene Fußgängerbrücke über die Bahn auf der Rückseite des Kreishauses. Es ist erstaunlich, wie viele Erinnerungen mit dem entschwundenen und von vielen Lesern schmerzlich vermissten Zweckbau verbunden sind. Wir hätten zwei Seiten füllen können. Leider mussten wir daher Zuschriften kürzen.

Information

Gewinne liegen abholbereit

Drei Mal gab es beim Rätselbild dein Päckchen mit Schokolade der Firma Weinrich zu gewinnen. Sie liegen zwei Wochen lang bereit in der Geschäftsstelle der NW, Lübberstraße 15-17. Die Gewinner sind Sybille Benzin, Kornelia Scheffczyk und Angelika Göltz
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Herzlichen Glückwunsch!

Heino Uekermann berichtet: „Viele Jahrzehnte war die Fußgängerbrücke über die Eisenbahngleise zwischen Wittekind- und Diebrocker Straße vor allem für die Anwohner der Diebrocker- und der umliegenden Straßen die kürzeste Verbindung in die Stadt. Auch Generationen von Schulkindern sind hier zur Grundschule Diebrocker Straße gepilgert.

Im Zuge der Bahnreform hatte die Deutsche Bahn das in die Jahre gekommene Bauwerk 1992 der Stadt geschenkt. Die war angesichts des maroden Zustands der Gabe wenig erbaut. Eine Begutachtung ergab, dass eine rund 700.000 DM teure Sanierung erforderlich war. Ein alternativ in Betracht gezogener Neubau wäre noch teurer gekommen.

Bürgerinitiative sammelte Unterschriften

Da weder das Geld für eine Sanierung noch für einen Neubau im Stadtsäckel vorhanden war, beschloss man den Abriss. Diese Entscheidung schlug in der Bevölkerung hohe Wellen. Es gründete sich sogar eine Bürgerinitiative zum Erhalt, die eine Zeit lang fast 350 Unterschriften täglich von Passanten sammelte. Von dem Protest lies sich die Stadt jedoch nicht umstimmen. Die Brücke wurde zunächst für einige Zeit gesperrt und denn Mitte Januar 2001 abgerissen. Die Stadt Herford versprach einen Neubau, wenn es die Finanzsituation zulasse. Die Zeitung kommentierte damals: ,Das bedeutet, die Brücke über die Bahn verschwindet für immer.’ Wie wahr!"

Erhard Siekmann erinnert sich: „Ich bin unzählige Male darübergegangen, da ich an der Diebrocker Straße gearbeitet habe und meine Mittagspause in der Stadt verbrachte."

Christel Großmann schreibt: „Wenn ich als Kind die Brücke überquerte hatte ich manchmal Glück, wenn ein Zug mit Dampflok unter der Brücke fuhr. Das war immer ein besonderes Ereignis, vom Dampf eingenebelt zu werden."

Burkhard Weier weiß: „Hinter dem durchfahrenden Zug erkennt man das Diebrocker Str. 1 gelegene Gebäude der ehemaligen Maschinenfabrik Meyer & Schwabedissen. Heute befindet sich in dem Gebäude, das ebenso wie die Inschrift aus der Bauzeit unter Denkmalschutz steht, ein Gewerbezentrum."

Rolf Westerhold erinnert sich: „Meine Oma hat diese Brücke wochentags zu und von ihrer Arbeitsstelle bei der Fa. Weinrich benutzt. Als Kinder war es für uns eine willkommene Abkürzung zur Grundschule Diebrocker Straße. Nach der Schule haben wir dann nach Dampfloks Ausschau gehalten und uns von Dampf und Rauch einnebeln lassen – ein Riesenspaß."

Judith Bentrup schreibt: „Da ich viele Jahre bei Brax gearbeitet habe, kann ich mich sehr gut an die Brücke erinnern."

Für Wolfgang Pallatzky war die Brücke als Kind und noch als Jugendlicher ein heiß geliebtes Ausflugsziel: „Schier endlose Güterzüge, gezogen von Dampflokomotiven, beladen mit Kohle, Stahl und Eisen aus dem Ruhrgebiet fuhren Richtung Norden, Richtung Süden rollten Züge mit exotischen Gütern, Autos und oft auch Militärfahrzeugen aus den Norddeutschen Hafenstädten. Auf dieser Brücke wurde der Traum vom Lokomotivführer geboren. Und jedes Mal wenn eine Dampflokomotive unter der Brücke durchfuhr, waren wir in schwarzen Qualm gehüllt. Wir konnten die Kraft und die Urgewalt dieser schwarzen Ungetüme förmlich riechen."

Sibylle Benzin ist über die alte Fußgängerbrücke jeden Tag zur Arbeit zu Meyer und Schwabedissen gegangen: „In dem Kiosk vor dem Werkstor kaufte ich meine Zeitungen und mancher ,Penner’ seine tägliche Ration Alkohol, die er dann neben den Bahngleisen hinter dem Auto unseres Chefs ausschlief. In der Mittagspause gingen viele meiner Kollegen und Kolleginnen dann wieder über die Brücke um in der Stadt z.B. im Bratwurstglöckle etwas zu essen. Auch der Marktkauf war nicht weit.

Es war die Zeit der Miniröcke. Im Sommer mussten wir Frauen dann auf der Brückentreppe darauf achten, dass wir nicht zu dicht am Geländer gingen, sonst wurde uns erzählt, welches Unterhöschen wir heute anhatten. Im Winter bei Eis und Schnee war es wunderschön, wenn die E- Loks die Leitungen zum Blitzen brachten."

Detlev Piekenbrock schreibt: „Es war die Brücke meines Bruders Kurt und mir. Zu gerne waren wir darauf und beobachteten stundenlang die Züge, die unter uns herjagten. Und der Witz war: wir wagten nicht, sie zu Ende zu gehen, also auf Diebrocker Seite zu verlassen. Das da war für uns Niemandsland! Als wir uns dann schließlich Mut antrainiert hatten, war sie weg und nie mehr gesehen."

Heike Erdmann weiß: „Für die Angestellten von Schwabedissen war dies eine schnelle Möglichkeit, um vom Bahnhof zur Firma zu gelangen."
Helfried Horstmann berichtet: „Aus meinem Bekanntenkreis haben viele bei Meyer und Schwabedissen eine solide Ausbildung im Metallgewerbe erhalten als Grundlage für eine spätere berufliche Karriere.

Gegenüber war ein kleiner Kiosk mit Süß- und Tabakwaren, Zeitschriften und Getränken. Es gab eine Vorgängerbrücke, die in den 1950er Jahren so beschädigt wurde, dass sie zügig durch die abgebildete Brücke ersetzt wurde. Ein englischer Truppentransporter war so hoch beladen, dass die damalige Holzbrücke von einem Geschütz eingerissen wurde. Als Kinder waren wir oft auf dieser Brücke, um Eisenbahnwaggons zu zählen. Das schönste für uns war, wenn wir dabei vom Dampf der Lokomotiven umhüllt wurden."

102-Jährige erinnert sich: Zur Strafe in den Kohlenkeller

Kornelia Scheffczyk berichtet: „Die nachstehende Geschichte hat mir die heute 102-jährige Liesel W. erzählt. Es war 1918, als die Vierjährige im Garten des Elternhauses Nähe Uhlandplatz spielte. Da kam der ihr bekannte 14-jährige Fritz vorbei und schlug ihr vor, mit ihm zur Eisenbahnbrücke zu gehen. Liesel langweilte sich und nahm das Angebot – ohne jemanden Bescheid zu sagen – gern an.

Die beiden Kinder erreichten die Brücke und Fritz setzte Liesel auf einen Brückenpfosten mit dem Auftrag, auf die durchfahrenden Züge zu spucken. Dann ging er seiner Wege. Helle Aufregung entstand inzwischen bei Liesels Eltern. Überall in der Nachbarschaft wurde gefragt und gesucht. Schließlich fand der Vater seine Tochter auf dem Brückenpfosten sitzend und in Tränen aufgelöst. Zu Hause musste Liesel das erste und einzige Mal eine körperliche Bestrafung über sich ergehen lassen und wurde in den Kohlenkeller eingesperrt."

Werner Schröder kennt Details vom Unglück an der Vorgängerbrücke: „Sie wurde in der Nacht vom Samstag auf Sonntag, 18./19. Mai 1953 (bei der Jahreszahl bin ich mir nicht ganz sicher) zerstört. Gegen Mitternacht näherte sich ein in Richtung Bielefeld fahrender, mit britischen Panzern beladener Zug. Bei einem Pionierpanzer hatte sich der Arbeitskran aus seiner Verankerung gelöst.

Der Kran ragte jetzt so hoch über das Lademaß hinaus, dass er mit der Brücke zusammenstieß und diese von ihren Pfeilern riss. Die Brücke stürzte quer auf die Gleise. Ich hatte in dieser Nacht Nachtdienst in der Fahrkartenausgabe des Bahnhofs Herford."

Jürgen Tüsshoff schreibt: „Als etwa Zehnjähriger um 1966 habe ich mich mit meinem Freund gerne auf die Brücke gestellt und wenn die Dampfloks kamen, fanden wir das mutig und aufregend im Qualm zu stehen. Bis auf die Museumsloks wurde das Dampflokzeitalter um 1977 eingestellt.

Gebürtig bin ich aus Eickum. Etwas südlich an der Brücke Laarer Straße legten wir schon mal 10 Pfennig Geldstücke auf die Schiene und sahen, wie es sich verformt hatte, wenn der Zug drüber fuhr. Mit einem Ohr auf die Schiene konnte man den Zug schon von sehr weit weg hören."

Ulrich Stille bedauert: „Leider wurde die Brücke nach vorausgehender Sperrung wegen baulicher Schäden im Januar 2001 unter Flutlicht in einer nächtlichen Aktion, als wenig Zugverkehr herrschte, mit schwerem Gerät abgebaut. Manchmal boten sich hier seltene Fotomotive, wenn besondere Züge passierten, wie der ,Adler’, 1835 die erste Lokomotive in Deutschland, bei seinem Besuch im Dezember 1985 und den Pendelfahrten zwischen Herford und Bad Salzuflen oder beim Bahnhofsfest 1989 zum Jubiläum ,1200 Jahre Herford’."

Gerhard Heitholt
kennt sich aus: „Das Foto zeigt einen Regionalzug mit Doppelstockpersonenwagen- zu erkennen schon an der Stirnseite, gebaut vermutlich in Görlitz, gezogen von einer (westdeutschen) Bundesbahnlok der Baureihe E10/110 oder E40/140; das Aussehen war gleich, nur Unterschiede im Antrieb. Als Farbfoto würde man die beige/türkise Lackierung der Lok erkennen, wie zu der Zeit üblich.

Das Gleis ganz links neben der Treppe führt nach kurzer Strecke von der Hauptbahn nach Bielefeld links abzweigend, am heutigen Marktkaufgelände vorbei, auf den Bahndamm der lippischen Bahn Richtung Altenbeken.Die Vorgängerbrücke fand ich schöner und interessanter: Ein großer Rundbogen, ohne Mittelstütze, überspannte die ganzen Gleise. Der Boden war mit Holzplanken belegt.

Durch alle Ritzen drang Dampf, bei jedem Unterfahren eines Zuges stand man in weißen oder grauen Wolken. Von klein auf benutzten meine Eltern mit mir diese Brücke auf dem Weg zum Besuch meiner Großeltern am Jöllenbecker Weg. Dort im Garten, nahe dem Bahndamm der lippischen Bahn, soll ich als Kleinkind im Stadium der Sprachentwicklung beim Annähern eines Zuges gesagt haben: „Opa, der Hipper kommt!"

Mit Glühwein in der Nacht wehmütig Abschied gefeiert

Auch Klaus-Dieter Stork kennt den Kiosk als Anlaufpunkt für die Mitarbeiter der Maschinenfabrik Schwabedissen.
Rita Frentrup: „In Kindheitstagen, als noch die Dampflokomotiven fuhren, war es für meinen Mann und seine Spielkameraden ein großer Spaß, sich auf diese Brücke zu stellen, um im ausgestoßenen Dampf der Loks zu verschwinden."

Kathrin Heumann
erinnert sich aus Kindertagen an die dampfenden Loks, und: „Aufgrund der Breite konnte man bequem sein Fahrrad mit über die Brücke nehmen. Wenn GoPark-Zeit war, konnten wir diese dadurch erkennen, dass die Schlosserstraße zugeparkt war. Die Besucher nutzten das kostenlose Parken in den Nebenstraßen und natürlich den kurzen Weg über die Fußgängerbrücke zur Diskothek. In der Nacht (des Abrisses) hatten sich viele Anwohner verabredet, die Brücke mit einer kleinen Feier bei Kaffee, Tee und Glühwein wehmütig zu verabschieden."

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