Herford Familie Rahimikhah ist gefangen im zweiten Stock

Wegbegleiter in der neuen Heimat

Christina Römer

Herford. Als Mohammad Rahimikhah vor sechs Jahren nach Deutschland kam, hatte er große Träume. Zumindest aus deutscher Sicht. Denn eigentlich ist der Wunsch, im alten Beruf weiterzuarbeiten gar nicht so außergewöhnlich. Doch so einfach ist es als Flüchtling eben nicht. Gewöhnlich - ja. Tragisch - trotzdem. Nach dem Unfall seiner Tochter sind die beruflichen Probleme aber nur noch ein Nebenschauplatz. Seitdem ist "die Welt aus den Angeln gehoben", wie es Edeltraud Büscher formuliert. Sie kennt den Iraner als Nachbarn - und bittet nun für ihn um Hilfe. Mohammad Rahimikhah ist Iraner. Und Architekt. "Ich hatte Probleme mit Politik und Religion", beschreibt er knapp, warum er sein Land verlassen musste. In Deutschland ist er als Asylberechtigter anerkannt. Studiert hätte er gerne. "In Deutschland sind Gebäude anders als im Iran", sagt er. Deshalb hätte er sich erst weiterbilden müssen, um weiter als Architekt arbeiten zu können. Doch dafür fehlten ihm die Sprachkenntnisse. Bis diese so gut sind, dass ein Studium an einer deutschen Universität möglich ist, vergeht Zeit. Zeit, die ein Mittfünfziger nicht hat. Und so kommt es, dass Mohammad Rahimikhah mit 61 Jahren bei der Ev. Stiftung Maßarbeit an einem Projekt für Menschen in besonders schwierigen Lebenslagen teilnimmt, das ihm dabei helfen soll, am Leben teilzuhaben - "Schritt für Schritt" heißt es, weit entfernt von bezahlter Arbeit. Sigrid Sewing, Mitarbeiterin von Maßarbeit, weiß wie schwierig es für Mohammad Rahimikhah ist, jetzt noch das Ruder herum zu reißen: "Bei ihm kommen mehrere Hindernisse zusammen: die Sprache und das Alter." Das war vor dem Unfall der Tochter. Der Iraner hatte seine Frau und seinen Sohn vor knapp drei Jahren zu sich nach Herford geholt. Hanif, 26 Jahre, hat eine geistige Behinderung. Mohammad und seine Frau Zavrin kümmern sich um ihn. Vor etwa zehn Monaten kam auch die Tochter nach Deutschland, um in Bonn zu studieren. Hadiseh hatte im Iran ihr Diplom in Anglistik gemacht und nun ein Stipendium. Was genau nach wenigen Wochen in Deutschland mit ihr passiert ist, wissen ihre Eltern nicht. Klar ist, sie sprang aus zwei Metern Höhe aus dem Fenster und sitzt nun im Rollstuhl. Sie kann nicht laufen, ihren rechten Arm nicht benutzen, sie redet nicht und ihr Gesicht ist durch eine Fraktur entstellt. Wie hübsch die 34-Jährige war, offenbart ein Foto, das sie auf ihrem Handy bei sich hat und immer wieder still betrachtet. Hadiseh lebt nun bei ihren Eltern. Wenn sie etwas braucht, deutet sie kurz mit einer Kopfbewegung drauf. Ihre Eltern haben sie ständig im Blick. Seit dem "Unfall" dreht sich für die Familie alles um die Tochter. Mutter Zavrin brach ihren Deutschkurs ab, spricht kaum eine Silbe. Vater Mohammad nimmt zurzeit nicht mehr am Projekt "Schritt für Schritt" teil, brach seinen Versuch ab, sein Deutsch zu verbessern. "Ich kann nicht lernen", gibt der Vater zu - in seinem Kopf winden sich die Probleme und schlucken jeden Platz. Belastend sind auch die bürokratischen Mühlen, durch die Familie muss. Denn noch hat Hadiseh keine Krankenversicherung. In ihrem Fall - sie kam mit Studentenvisum, bekommt nun Sozialhilfe - muss erst der richtige Versicherungsträger gefunden werden. Das ist kompliziert. Der Vater hat Angst, dass er alles selbst zahlen muss - vier Monate sei seine Tochter im Krankenhaus gewesen, sagt er. Dass es nur dauert, bis alles geklärt ist, darauf kann er kaum vertrauen. Und ein großes Problem ist nun die Wohnung der Familie. In Nachbarschaft zu Edeltraud Büscher. Diese liegt im zweiten Stock. Einen Aufzug gibt es nicht. Mindestens zwei Mal in der Woche muss Hadiseh zum Arzt. Dann wuchten Mohammad und Zavrin den Rollstuhl das Treppenhaus herunter. "Das habe ich mal beobachtet, das ist eine kaum vorstellbare Belastung", sagt Büscher. Bisherige Versuche eine neue, behindertengerechte Wohnung zu finden scheiterten. "Ich habe versucht, mitzudenken", sagt Büscher. Aber angesichts von so vielen Problemen fühlt sich auch die Nachbarin hilflos.

realisiert durch evolver group