Sie steht zu ihm: Britta Hoock, die Javid immer ein offenes Ohr schenkt. - © Ralf Bittner
Sie steht zu ihm: Britta Hoock, die Javid immer ein offenes Ohr schenkt. | © Ralf Bittner

Herford Britta Hoock hilft dem Iraner Javid zu sich selbst und seiner Homosexualität zu stehen

Wegbegleiter in der neuen Heimat (6): Der große Traum vom Leben

Christina Römer

Herford. Sein Blick ist durchdringend. Langsam setzt er einen Fuß vor den anderen. Jeder Schritt lässt seine Muskeln spielen. Seine nackte Brust, seine Schultern und Arme zeigen, wie sich die Anspannung durch den ganzen Körper zieht. Er streckt seinen Arm zur Seite, dreht ihn und schiebt gleichzeitig seine Hüfte nach vorn. Mit dieser Bewegung wandelt sich das Bild. Plötzlich wirkt der kräftige Mann feminin. In den Augen von Javid (Name von der Red. geändert) ist das mehr als ein gekonntes Schauspiel. Diese Kunst symbolisiert alles, wovon der 29-jährige Iraner nicht zu träumen wagte: Freiheit. Selbstbestimmtheit. Lebensfreude. Toleranz. - Javids Vorbild, Shahrokh Moshkin Ghalam, darf in Europa, wofür Männer im Irak getötet werden: Er darf tanzen. Und er darf dabei so weiblich und erotisch sein, wie er will. In einem Land, in dem vorgeschrieben ist, in welcher Form sich Männer bewegen dürfen, ist Homosexualiät unaussprechlich. Javid schwieg. Bis er platze. Heute redet er sich schon einmal in Rage. Und Britta Hoock hört zu. Obwohl sich die Ehrenamtliche und der junge Iraner erst seit ein paar Monaten kennen, weiß die 47-Jährige bereits jetzt schon mehr über ihn, als seine Eltern. Homosexualität ist dort eine Straftat Javid ist seit Oktober in Deutschland. "Ich war gezwungen zu fliehen", sagt er auf englisch. Noch fühlt er sich wohler in der Sprache, die er sich im Iran selbst beigebracht hat, als in der deutschen. Doch er lernt fleißig, denn Javid möchte in Deutschland bleiben. "Ich kann gar nicht mehr zurück", bringt er die bittere Wahrheit auf den Punkt. Wenn es sich in seiner Heimat herum gesprochen hätte, dass er homosexuell ist, wäre er in Lebensgefahr gewesen, ist Javid überzeugt. "In meinem Land ist es eine Straftat", betont er. Wer erwischt werde, dem würden weitere Straftaten unterstellt: Vergewaltigung, Drogenkonsum. "Um dann denjenigen töten zu können." Auch seine Familie sei streng gläubig. "Ich kann ihnen nicht sagen, dass ich schwul bin, sie würden mich nicht beschützen." Lange Zeit habe Javid selbst geglaubt, er müsse sich ändern. "Viele Jahre habe ich versucht, dagegen anzukämpfen", meint er. Als Pilger sei er nach Saudi Arabien gewandert. Er hatte geplant, eine Frau zu heiraten. "Doch die Natur hat sich durchgesetzt", sagt er - und lacht dabei bitter. Viel Wut im Bauch - und Trauer Er traf andere Männer, heimlich. Und geriet in Gefahr. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion packte er seine Sachen und flüchtete. Erst in die Türkei, dann weiter bis nach Deutschland. Seiner Familie erzählte er, dass er in Deutschland studieren wolle. In Wahrheit wird sie ihn vielleicht nie wiedersehen. Javid redet mit viel Wut im Bauch, aber auch mit Angst und Trauer über seine Heimat und die Unmöglichkeit, dort er selbst zu sein. Bereits als Politikstudent hatte er versucht, gegen das Regime und die brutale Intoleranz anzukämpfen. Damals war er Chefredakteur einer Website, die Exil-Iranern die Möglichkeit bot, regierungskritische Texte zu veröffentlichen. Heute schreibt er ab und an für eine Website, die von Europa aus betrieben wird. "Ich möchte gerne weiter als Journalist arbeiten", sagt er. Und träumt von einem Praktikum bei der Deutschen Welle. Ein Wunsch: "Ich möchte tanzen" Doch erst einmal muss er Deutsch lernen - das dauert. "Ich versuche mich aktiv zu halten", erklärt er. Da er in der Vergangenheit mit schweren Depressionen zu kämpfen hatte, bleibt er in Bewegung. Und nimmt Hilfe an. Als Birgit Nölker, die Vorsitzende der Nachbarschaftshilfe ihn in einem Deutschkurs traf und fragte, was er gerne in Deutschland machen wollte, verriet er ihr einen weiteren Traum: "Ich möchte tanzen!" Nölker knüpfte den Kontakt zu Britta Hoock. Die Herforderin hatte selbst gerade erst einen Ballett-Kurs angefangen und hatte sich der Nachbarschaftshilfe als Ehrenamtliche angeboten. "Wir haben uns sofort gut verstanden", erzählt sie. Sie nahm Javid mit in die Tanzschule nach Bad Oeynhausen. "Mir tat danach jeder Muskel weh, aber ich war glücklich", erinnert sich Javid und strahlt dabei. Sein erster großer Auftritt Dann bot sich dem Iraner eine weitere Chance: das integrative Tanzprojekt "Zeitsprung" vom Theater Bielefeld, bei dem auch Laien mitmachen können. Er bekam einen Platz. Fünf Wochen lang fuhr er fast täglich zur Probe, erlebte eine Welt, die bislang nur vom Bildschirm flackerte. "Das war eine der besten Erfahrungen in meinem Leben!" Als Ende Juni das Stück im Stadttheater aufgeführt wurde, guckte Britta Hoock stolz zu. "Ich fand es faszinierend", erzählt sie. Und eines sprang ihr klar ins Auge: Die Herforderin sah, wie Javid, der nach vielen Gesprächen ein guter Freund für sie geworden war, für einen Moment richtig glücklich war. Sie war es mit ihm.

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