Die Familie: Vater Alwan Al Mohammed mit den Zwillingen Ahmed und Mohammed (beide 6), die Nichte Shewin Mohammad (20) mit Tochter Lorin (8), Vermieter Jörg Ottensmann, Mutter Siran Hussein mit Sohn Lawend (9), die Nichte Nuwien Mohammad (19) und Maryam Naggar. Foto: Römer - © Christina Römer
Die Familie: Vater Alwan Al Mohammed mit den Zwillingen Ahmed und Mohammed (beide 6), die Nichte Shewin Mohammad (20) mit Tochter Lorin (8), Vermieter Jörg Ottensmann, Mutter Siran Hussein mit Sohn Lawend (9), die Nichte Nuwien Mohammad (19) und Maryam Naggar. Foto: Römer | © Christina Römer

Herford Wie Ehrenamtliche eine Großfamilie noch größer machen

Wegbegleiter in der neuen Heimat (3): Maryam Naggar und Jörg Ottensmann sind für die Familie von Alwan Al Mohammed und Siran Hussein da

Christina Römer

Herford. Auch eine Familie kann allein sein. Mutter, Vater, vier Kinder – der Alltag ist zweifelsfrei voller Leben. Doch dieses Leben zu koordinieren ist schon für eine Familie im eigenen Land schwierig. Eine Familie in einem fremden Land schafft es nicht ohne Hilfe, Schul- und Kindergartenbesuche, Arzttermine, Behördengänge oder die Suche nach einer Wohnung zu organisieren. Nicht mit vier gesunden Kindern. Und schon gar nicht, wenn ein Kind krank ist. Die Familie von Alwan Al Mohammed und Mutter Siran Hussein hat Glück, denn sie bekommt ganz viel Unterstützung, seit sie in Herford lebt. Hilfe, die sie dringend gebraucht hat. Im Dezember 2014 kamen die Syrer nach Deutschland. Dass die Kurden nicht in ihrem Land bleiben konnten, schildert Vater Alwan Al Mohammed in behutsam gewählten Worten: „Soldaten stürmten mein Haus und warfen mir vor, ich würde gegen das Regime kämpfen", erzählt er auf arabisch. Sie nahmen ihn fest. Vorwürfe gegen den Familienvater Er wurde geschlagen, seine Familie im Unklaren gelassen. Und es ging weiter. Auf die Haft folgte die nächste Bedrohung: Der IS näherte sich dem Heimatort der Familie. Erst flüchteten die Kurden zu Angehörigen, doch nach ein paar Monaten wurde ihnen klar, dass es nichts mehr gab, zu dem sie zurückkehren konnten. Ihr Haus war leer geräumt. In der Stadt fielen Bomben. Dass die Familie, wie andere auch, daraufhin einen sicheren Ort zum Leben suchte, ist selbstverständlich. Doch Al Mohammed und seine Frau Siran haben noch einen besonderen Grund, Stabilität in ihr Leben bringen zu müssen: Ihr ältester Sohn Lawend ist schwerbehindert. Der Achtjährige ist vollständig gelähmt. Er kann nicht alleine sitzen, kann nicht sprechen. Deshalb suchten sie eine neue Heimat, in dem ihr Kind medizinisch gut versorgt wird. In Deutschland gab es zudem Familie. Der Bruder von Al Mohammed war schon viele Jahre zuvor ausgewandert, lebt in Bad Salzuflen. Also nicht weit von dem Ort entfernt, an den das Asylverfahren die Kurden schließlich brachte. Aber trotzdem so weit weg, dass der Bruder zwar bei vielen ersten Schritten in Herford helfen konnte, aber diese Hilfe schlicht nicht ausreichte. Die Schulzeit war am Anfang schwer Über die Sozialarbeiter der Stadt wurde Maryam Naggar schließlich auf die Familie aufmerksam. Zunächst half die Mitarbeiterin der Integrationsagentur des Deutschen Roten Kreuzes dabei, einen Rollstuhl für Lawend zu besorgen. Dann half sie auch bei anderen Problem – ehrenamtlich. „Ich hatte die Familie ins Herz geschlossen", sagt Naggar. Und diese freute sich, dass die Herforderin sie verstand. Naggar spricht arabisch, Alwan Al Mohammed kurdisch und arabisch. Maryam Naggar koordinierte, half dabei, dass Lawend nun auf eine Förderschule geht. „Zuerst war es sehr unheimlich für die Familie, dass er tagsüber weg ist", erzählt die Ehrenamtliche. „Die Mutter hat oft angerufen und geweint." Doch dann sahen sie, dass es dem Sohn gut tut, mit anderen Kindern Zeit zu verbringen. Nun ist der Alltag für alle geregelt. Die kleinen Söhne gehen in den Kindergarten, die Tochter zur Schule. Die Eltern besuchen Sprachkurse. Und die Familie hat ein schönes Zuhause. Dabei half Jörg Ottensmann. Mit einer zunächst schlichten Geste: Er war bereit, an die Flüchtlingsfamilie zu vermieten. Wo manch andere Vorbehalte haben, hatte der Hiddenhauser keine Bedenken: „Die Wohnung ist für eine siebenköpfige Familie ideal." Der Familienvater war dem Vermieter sympathisch, die Finanzierung durch das Jobcenter geregelt. Ein Netz von Hilfe Doch Ottensmann freute sich nicht nur über die monatliche Miete – er half der Familie dabei, alles notwendige für die Wohnung zu besorgen, machte sich zum Beispiel mit Al Mohammed auf in den Baumarkt. Er half bei der Anmeldung beim Energieversorger und schaut seitdem immer mal wieder vorbei. „Am Anfang war die Verständigung sehr schwer", erzählt Ottensmann. Mittlerweile hat auch er die Telefonnummer von Maryam Naggar, damit sie übersetzen kann, falls nötig. Das Netz von Hilfe ist damit aber noch nicht erschöpft. Taoues Ahmedi, eine Tunesierin, die seit den 1970er Jahren in Herford lebt, hilft ebenfalls dabei, zu übersetzen und Arztbesuche zu koordinieren. Elisabeth Rein, eine pensionierte Lehrerin, lernt regelmäßig mit der Familie Deutsch. Für Al Mohammed, Siran Hussein und die Kinder sind all diese Menschen der Grund, warum sie sich in Herford wohl fühlen. „Sehr warmherzig", sagt Al Mohammed – sogar auf Deutsch – seien die Menschen hier. Alleine ist seine Familie nun definitiv nicht mehr.

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