Einsatz in der Schule: Die beiden Ehrenamtlichen: Jacqueline Wemhöner (22) und Dieter Güse (63). - © Christina Römer
Einsatz in der Schule: Die beiden Ehrenamtlichen: Jacqueline Wemhöner (22) und Dieter Güse (63). | © Christina Römer

Herford Ehrenamtliche bringen Schülern das Alphabet bei

Dieter Güse und Jacqueline Wemhöner versuchen sich im Kampf gegen die Sprachlosigkeit

Herford. Dieter Güse steht an der Tafel und zeigt auf ein Wort. „Wer ist mutig?", fragt er. Zaghaft meldet sich Ahmad. „F-eg-e" – etwas holprig versucht er, die unbekannten Buchstaben miteinander zu verbinden. „Fege, genau. Ich fege", sagt Güse, während er die Bedeutung gleichzeitig mit einer wischenden Handbewegung zu erklären versucht. Eigentlich erscheint das Wort nicht sehr wichtig – zumindest nicht für Flüchtlinge aus Syrien oder dem Irak, die hier ganz viel Wesentliches lernen müssen. Doch Dieter Güse weiß, was er tut. Denn in seinem Unterricht steht nicht die Bedeutung, sondern der Klang des Wortes im Vordergrund. Der pensionierte Lehrer alphabetisiert seine Schüler. Ehrenamtlich helfen Dieter Güse und Jacqueline Wemhöner im Friedrich-List-Berufskolleg dabei, die Flüchtlinge in der Internationalen Klasse zu unterrichten. „Wir brauchen die Hilfe Ehrenamtlicher, da wir nicht genügend Fachpersonal haben", sagt Schulleiterin Ute Krumsiek-Flottmann. „Zudem sind unsere Lehrer nicht dafür ausgebildet, Deutsch als Zweitsprache zu unterrichten", so die Schulleiterin. Das Fachwissen von Dieter Güse ist gefragt. Der 63-Jährige hat viel Erfahrung damit, Migranten Deutsch beizubringen. Im Laufe seines Berufslebens hat er mit ganz verschiedenen Menschen zusammengearbeitet: Für die Evangelischen Jugendhilfe Schweicheln hat er vietnamesische Flüchtlinge unterrichtet, bei einem privaten Bildungsträger junge Migranten, die eine Berufsausbildung gemacht haben, und an einer Grundschule in Bad Salzuflen Schulanfänger mit Migrationshintergrund. Am Friedrich-List-Berufskolleg werden seit Mai 22 Flüchtlinge in einer Klasse unterrichtet. Die Schüler sind zwischen 16 und 18 Jahre alt, stammen aus verschiedenen Ländern und haben eine sehr unterschiedliche Vorbildung. „Da gibt es den jungen Afghanen, der vielleicht nur ein, zwei Jahre in der Schule war, genauso wie das syrische Arztkind, das die beste Ausbildung hatte", führt Güse Beispiele auf. Und einige Schüler müssen erst lesen und schreiben lernen. Eine hohe Anforderung für die Lehrer. Fünf Lehrkräfte wechseln sich derzeit mit dem Unterricht ab. Solange aber nur ein Lehrer pro Stunde die Klasse unterrichtet, ist es schwer, auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schüler einzugehen. Für etwas Entlastung sorgt eine Lernsoftware, die Bilder mit Worten verbindet und mit Tönen arbeitet. Allerdings müssen dafür Computer im Klassenraum vorhanden sein. Zurzeit gibt es nur im Raum für die Abiturienten Rechner. „Ich habe deshalb beim Kreis beantragt, dass in den Ferien drei weitere Räume so umgebaut werden, dass es im hinteren Teil PC-Plätze gibt", erklärt Krumsiek-Flottmann. Drei Räume, weil nach den Sommerferien zwei weitere Internationale Klassen gebildet werden. Eine weitaus individuellere und menschlichere Hilfe bieten Dieter Güse und Jacqueline Wemhöner für die Schüler und die Schüler. Ein Mal in der Woche bekommen so sieben der 22 einen Intensivkurs. Dabei lernen die Jugendlichen die Buchstaben kennen und verbinden diese dann zu Worten. Zudem üben sie schreiben und lernen die Namen von wichtigen Gegenständen und Körperteilen. Die 22-Jährige Jacqueline Wemhöner unterstützt Dieter Güse. So können die Ehrenamtlichen besser auf die Schüler eingehen und sich auch mal gegenseitig vertreten. Beide haben ihre Aufgabe über die Nachbarschaftshilfe gefunden. „Ich studiere soziale Arbeit und wollte gerne etwas tun", erzählt Wemhöner. „Ich möchte den Schülern zeigen, dass sie hier willkommen sind." Das ist auch die Motivation von Dieter Güse, der sich zusätzlich im Vorstand der Nachbarschaftshilfe engagiert und zwei weiteren Flüchtlingen Sprachunterricht gibt. „Wenn ich etwas für meine Stadt tun möchte, dann muss ich schauen, dass unsere Migranten möglichst schnell Fuß fassen", sagt Güse. Und dafür sei es wichtig, dass die Schüler schnell wichtige deutsche Wörter nutzen können. Auch wenn sie dafür erst die scheinbar unwichtigen lernen müssen. 171 minderjährige Migranten neu in den Schulen Alle aus dem Ausland hergezogenen schulpflichtigen Kinder und Jugendliche werden von der „Koordinierungsstelle Schule und Migration" des Kreises Herford beraten und später einer Schule zugewiesen. Darunter sind nicht nur Flüchtlinge, sondern auch EU-Zuwanderer oder Spätaussiedler. In diesem Schuljahr waren das kreisweit 811 Kinder und Jugendliche. Davon sind 171 Schüler aus der Stadt Herford. Im vergangenen Schuljahr (2014/2015) wurden 426 Schüler beraten. Im Kreis Herford sind derzeit an 39 Schulen mehr als 60 Internationale Klassen für Kinder, die noch nicht am Regelunterricht teilnehmen können, eingerichtet. Die Klassen gibt es an allen Schulformen. Die Berufskollegs des Kreises Herford haben alle mindestens eine Internationale Klasse, teilweise zwei oder auch drei/vier Klassen.

realisiert durch evolver group